New York

Verschwiegenes Leid

Notunterkunft: In solchen Zeltstädten mussten orientalische Juden in den 50er-Jahren in Israel zunächst leben. Foto: dpa

Zum zweiten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen hat sich vergangene Woche eine Konferenz mit dem Schicksal jüdischer Flüchtlinge aus arabischen Ländern beschäftigt. Erstmals nahmen auch Vertreter eines arabischen Staates daran teil. Für den Jüdischen Weltkongress (WJC) – neben der israelischen UN-Delegation Hauptorganisator der Veranstaltung – ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Wenn es in den UN um Flüchtlinge im Nahen Osten gehe, seien stets die Palästinenser gemeint, sagt Betty Ehrenberg, Geschäftsführerin des WJC für Nordamerika. »Dass die arabischen Staaten ihre jüdischen Bürger nach der Gründung Israels verfolgt, angegriffen und zur Flucht gezwungen haben, wird von den meisten Menschen einfach nicht wahrgenommen. Wir wollen die Vereinten Nationen und die Welt darüber aufklären, dass es zwei Flüchtlingsgruppen im Nahostkonflikt gibt«, sagt Ehrenberg.

Mizrahi-Juden Mehr als 800.000 Juden flohen nach 1948 aus Ländern wie Ägypten, Syrien, Libyen oder dem Irak. Die Mizrachi-Juden, wie sich die orientalischen Juden selbst nennen, mussten ihren Besitz zurücklassen, wenn das jeweilige Regime ihn nicht vorher bereits konfisziert hatte. Und sie verließen Städte und Dörfer, die seit Jahrtausenden ihre Heimat gewesen waren.

Doch obgleich einige UN-Dokumente die Flüchtlinge erwähnen und das UN-Flüchtlingshilfswerk 1957 in einem Papier die verzweifelte Lage der ägyptischen Juden anmahnt, zeigten bisher nur wenige Mitgliedsstaaten Interesse, sich mit dieser Seite der Nahostgeschichte auseinanderzusetzen. Doch in diesem Jahr seien immerhin um die 30 Delegierte zur Konferenz erschienen, unter anderem aus Spanien, Deutschland, Ungarn – und Ägypten, sagt Ehrenberg.

Noch vergangenes Jahr hatte die Arabische Liga (erfolglos) versucht, die UN-Konferenz zu dem Thema kurzfristig absagen zu lassen oder zumindest Informationsblätter an den Eingängen zu den Veranstaltungsräumen zu verteilen. Und besonders die Palästinenser bemühen sich weiterhin, jeden Vergleich zwischen ihren und den jüdischen Flüchtlingen abzuwehren.

Das Ganze sei eine von Israel gesteuerte politische PR-Kampagne ohne Aussicht auf Erfolg und von falschen Analogien geleitet, sagt die palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi. »Die zionistische Ideologie widerspricht der These, dass es sich bei diesen israelischen Juden um Flüchtlinge handelt«, schrieb sie im vergangenen Jahr in der Huffington Post über die Mizrahi in Israel. Anders gesagt: Alle Juden wollen ohnehin nach Israel, also kann man sie nicht gezwungen haben, dorthin zu gehen.

Diese Haltung nennt Betty Ehrenberg zynisch. »Vielleicht kamen einige aus zionistischen Gründen«, sagt sie, »doch die meisten kamen, weil die Zustände in ihren Ländern unerträglich geworden waren.«

USA und Europa Zum anderen sind da die rund 45 Prozent der jüdischen Flüchtlinge, die nicht nach Israel, sondern nach Europa oder in die USA gegangen sind. Remy Pessah (66) zum Beispiel. Sie floh als junge Frau aus Ägypten, zuerst nach Frankreich, von dort aus ging sie in die USA. »Wir waren Bürger zweiter Klasse«, erzählt sie über ihre Zeit in Ägypten. Am Ende saß ihr Verlobter im Gefängnis, sie durfte nicht arbeiten, schließlich wurden sie deportiert und mussten alles zurücklassen. »Bin ich kein Flüchtling?«, fragt sie.

Die Frage nach der Anerkennung der Flüchtlinge hat nicht nur moralische, sondern auch politische Dimensionen. Die viel zitierte UN-Resolution 242 zum Beispiel, die als Grundlage für Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern gilt, spricht davon, dass eine gerechte Lösung für »die Flüchtlinge« gefunden werden müsse. Das bedeute, dass die Anliegen der jüdischen Flüchtlinge »genauso legitim« seien wie die anderer Flüchtlingsgruppen im Nahen Osten, sagte WJC-Präsident Ronald Lauder auf der Konferenz und spielte damit auf die Palästinenser an.

Friedensverhandlungen Eine Anerkennung der jüdischen Flüchtlinge durch die Weltgemeinschaft würde den Israelis mehr Gewicht in den Friedensverhandlungen geben. Das Gleiche gilt für die immensen Reparationsbeträge, die Mizrachi-Juden theoretisch gegen die Regierungen ihrer früheren Heimatländer haben. Sie werden nicht durchzusetzen sein, besonders nicht in den Nachwehen des sogenannten Arabischen Frühlings. Doch es stelle ein Gleichgewicht her, wenn die Menschen sich der wahren historischen Situation bewusst seien, sagt Ehrenberg.

Insofern ist die Teilnahme der beiden ägyptischen Delegierten nicht hoch genug einzuschätzen: Erstmals haben sich Vertreter der arabischen Welt die andere Seite der Geschichte angehört – einer Geschichte, die bisher ausschließlich die Palästinenser als Opfer interpretierte. »Die jüdischen Flüchtlinge verloren alles und rappelten sich auf. Sie schufen sich ein neues Leben in einem neuen Land«, sagte Lauder in seiner Rede. »Wieso werden sie ignoriert?«

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026