Österreich

Unbequemer Optimist

Karl Pfeifer sel. A. (1928–2023) Foto: picture alliance / HANS PUNZ / APA / picturedesk.com

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Unbequemer Optimist

Unser Autor Karl Pfeifer ist im Alter von 94 Jahren in Wien gestorben. Ein Nachruf

von Tobias Kühn  12.01.2023 08:36 Uhr

Sieben Wochen ist es her, da erschien der letzte Artikel unseres Autors Karl Pfeifer hier im Blatt. Der Wiener Journalist beschrieb darin, wie er vor 75 Jahren in Jerusalem den UN-Teilungsbeschluss feierte und für Israels Unabhängigkeit kämpfte.

Er war damals 19 und hatte es wenige Jahre zuvor geschafft, in einer Gruppe von 50 Kindern und Jugendlichen mit falschen Ausweispapieren über Bulgarien und die Türkei nach Eretz Israel zu fliehen. Fast auf den Tag genau 80 Jahre später ist er nun am 6. Januar in Wien im Alter von 94 Jahren gestorben.

Flucht Karl Pfeifer wurde 1928 als Sohn ungarisch-jüdischer Eltern in Baden bei Wien geboren. Nach dem sogenannten Anschluss 1938 floh die Familie nach Budapest, wo der damals Zehnjährige den, wie er später schrieb, »noch gemütlichen Antisemitismus« kennenlernte und in Kontakt mit der linkszionistischen Jugendgruppe Hashomer Hatzair kam.

Kurz bevor die Nationalsozialisten Ungarn besetzten, rettete ihm die Flucht nach Palästina das Leben, 36 seiner Verwandten wurden in der Schoa ermordet. Sein Vater starb unmittelbar nach der Befreiung Ungarns, geschwächt von der Zeit im Budapester Ghetto.

Als Pfeifer 1951 völlig mittellos nach Österreich zurückkehrte, erhielt er keine Unterstützung – die stand laut dem »Heimkehrergesetz« nur jenen zu, die in der Wehrmacht oder der Waffen-SS »gedient« hatten. Also schlug er sich mit diversen Arbeiten durch, äußerte öffentlich, dass »die Nazis viel zu laut sind«, und merkte, dass man in Österreich »irgendwo dazugehören musste«.

parteilokal Er ging in ein Partei­lokal der KPÖ und sagte, er würde ja gern beitreten, aber er sei Atheist. Als er dann auch noch fragte, ob die Kommunisten Stalin für unfehlbar hielten wie die Katholiken den Papst, warf man ihn kurzerhand hinaus. »So wurde ich nicht Kommunist«, schreibt er später, »aber der Ruf, einer zu sein, verfolgte mich Jahrzehnte.«

Pfeifer fragte immer nach, äußerte Zweifel und Kritik, wollte alles ganz genau wissen.

Schon damals war Karl Pfeifer das, wofür er später bekannt wurde: unangepasst. Er fragte immer nach, äußerte Zweifel und Kritik, wollte alles ganz genau wissen. Das Erkennen von Schwachstellen war sein Markenzeichen. Erlebtes Unrecht hatte seinen wachen Geist geschult und ihn für Ungereimtheiten sensibilisiert.

Nach etlichen Stationen im Hotelgewerbe beginnt Karl Pfeifer 1979 im Alter von 51 Jahren seine journalistische Karriere. Er erzählt dem stellvertretenden Chefredakteur der Wiener »Arbeiter-Zeitung« (AZ), was er in Gesprächen mit Dissidenten in Ungarn gehört hat. Die Redaktion will diese Geschichten im Blatt haben.

So beginnt Pfeifer unter dem Pseudonym Peter Koroly für die AZ zu schreiben: über die sozialen Zustände in Ungarn, über Korruption und Diskriminierung. Mehrmals wird er aus Ungarn ausgewiesen, eine Zeit lang verweigern ihm die Behörden der Volksrepublik die Einreise.

Redakteur Von 1982 bis Mitte der 90er-Jahre ist Karl Pfeifer Redakteur der Gemeindezeitung der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. In einer Rezension attestiert er dem Politologen Werner Pfeifenberger, sein Text im Jahrbuch der FPÖ enthalte »Nazi-Töne«. Dies führt zu einem jahrelangen Rechtsstreit.

Als dann die Justiz wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung gegen Pfeifenberger ermittelt und der sich in den Alpen in den Tod stürzt, werfen Neurechte Pfeifer vor, er habe den Politologen in den Tod getrieben. Pfeifer klagt sich durch die Instanzen und bekommt 2007 vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof Recht.

Karl Pfeifer war ein Kämpfer und Aufklärer. Er wollte Wissen weitergeben, schrieb Artikel und Kommentare, etliche Bücher und erzählte als Zeitzeuge vor allem jungen Menschen vom Holocaust. Aber er war mehr als ein Mahner. Er war ein Optimist. Bis zuletzt lebte er nach dem Motto: »Die schreckliche Vergangenheit kann nicht geändert werden, doch für die Gegenwart tragen wir alle die Verantwortung.« Er wird fehlen.

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