Berlin

Ukrainischer Patriot

Russische Staatsmedien verbreiten seit Wochen, der Volksaufstand in der Ukraine sei das Werk von Faschisten und Antisemiten. Das gleiche Argument nutzte der Kreml auch, um den Einmarsch auf der Krim zu rechtfertigen. Auch der Westen sieht die Regierungsbeteiligung der rechtsradikalen Swoboda-Partei mit großer Sorge.

Josef Zissels, der Vorsitzende der Vereinigung jüdischer Organisationen und Gemeinden (VAAD) in der Ukraine, gibt hingegen Entwarnung: Auf dem Maidan suche eine junge Zivilgesellschaft nach ihrer nationalen Identität, so Zissels. Zwar beteiligten sich auch radikale Demagogen von Rechts mit antisemitischer Vergangenheit, räumt der VAAD-Vorsitzende ein, doch die blieben politisch marginal. Juden seien in der Ukraine nicht bedroht. Am Mittwochabend besuchte Zissels Berlin.

Josef Zissels ist ein glühender ukrainischer Patriot. Daraus machte der 67-Jährige bei seinem Gastauftritt vor der Initiative Schalom, einem Verein für die Förderung jüdischer Politik und Kultur in Berlin, kein Geheimnis. »Zwei Millionen Menschen waren in 50 Städten des Landes gegen Korruption und Willkür auf den Straßen. Sollen das alles Faschisten gewesen sein?«

volksaufstand In eindringlichen Farben schilderte er den Volksaufstand gegen das Janukowitsch-Regime, an dem sich auch viele Juden beteiligt hatten. Drei von ihnen waren unter den Toten des Scharfschützen-Massakers am 20. Februar. »Ihre Porträts wurden auf unserer Webseite 30.000-mal angeklickt. Für die Ukrainer sind sie Helden.«

Er wolle aber nicht bestreiten, so der 67-Jährige weiter, dass es Gruppen auf dem Maidan gebe, die in der Vergangenheit antisemitisch aufgefallen seien. Er sprach damit die Swoboda-Partei von Oleg Tjanibok an. Doch sie hätte ihre Wortwahl gemäßigt. Und die politische Bedeutung nationalistischer Gruppen im Bündnis »Rechter Sektor« sei gering.

Zissels, der auch Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses ist, kennt Statistiken: Auf fünf Prozent schätzen aktuelle Umfragen das Wählerpotenzial von Swoboda. Bei den Präsidentenwahlen würde ihr Chef Tjanibok sogar nur 1,6 Prozent der Stimmen erhalten. »Nicht einmal seine eigenen Anhänger kann er komplett mobilisieren«, höhnte Zissels. Zwar sei Swoboda derzeit mit drei Ministern an der Übergangsregierung beteiligt. »Aber ich glaube nicht, dass sie lange dort bleiben. Das sind radikale Demagogen. Zum Maidan haben sie nichts Positives beigetragen.« Das Volk werde das bei den Wahlen berücksichtigen.

rechtsradikale Dem jüdischen Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik platzte angesichts solcher Äußerungen fast der Kragen: In Deutschland sei es unvorstellbar, dass man mit einer Regierung sympathisiert, in der Rechtsradikale sitzen, raunzte der Publizist den Gast aus Kiew an. Der lächelte und verwies auf die rechten Parteien, die in Norwegen, der Slowakei oder Moldawien mit am Kabinettstisch sitzen.

Dann holte Zissels etwas weiter aus: Die Ukraine sei ein junges Land, die Nationenbildung noch im Gange. In den 20 Jahren seit der Unabhängigkeit sei dieser Prozess immer wieder gestört worden. Jetzt gebe es die Chance, dass die Zivilgesellschaft eine neue nationale Identität definiert. »Es ist das Modell von Israel: Wir bauen jetzt einen Staat für die Ukrainer!«

»Werden Juden darin ihren Platz finden?«, hakte Alexander Hasgall vom Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten nach. Josef Zissels ist da optimistisch. Die Ukraine war schließlich immer ein multikultureller Staat, argumentiert er. Und die Menschen hätten in den vergangenen Jahrzehnten friedlich zusammengelebt. Auch dafür hat er Zahlen.

Für die OSZE und die USA führt VAAD seit Jahren das Monitoring zu antisemitischen Gewalt in der Ukraine durch. 2006 habe es demnach noch einen Höchststand mit 700 Fällen gegeben. Seitdem seien sie kontinuierlich weniger geworden. 2013 waren es nur noch 13 Zwischenfälle. »In Deutschland kam es in der gleichen Zeit zu 1300 Taten.« Zu den jüngsten antisemitischen Vorfällen in der Ukraine hatte Zissels keine neuen Erkenntnisse. Man habe die Zusage der Übergangsregierung, dass solche Taten verfolgt würden. Er werde sie an diesen Worten messen, versicherte er.

Auswanderung Zissels, der in der einstigen Sowjetunion sechs Jahre wegen »Verleumdung und Herabsetzung der staatlichen Ordnung« im Gefängnis saß, hält Autoritarismus für die größere Gefahr. Das sehe man jetzt auf der Krim: Die 200.000 Tataren erkennen den Anschluss an Russland nicht an und möchten Ukrainer bleiben.

Ihr Schicksal sei völlig ungeklärt. Die Ukrainer auf der Krim fürchten Anfeindungen durch die russische Mehrheit. Einige seien von der Halbinsel schon geflohen. Und unter den rund Zehntausend Juden dort steige die Zahl der Auswanderungswilligen. Die israelische Botschaft in Kiew habe in den letzten Tagen eine Welle von Anfragen erhalten, berichtete Zissels.

Warum er selbst die Ukraine nie verlassen habe, wollte ein Zuhörer schließlich noch wissen. Die Antwort überraschte kaum: »Nirgendwo sonst hätte ich mich selbst so frei entfalten können.«

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Gegenwart

Jetzt erst recht!

Das Festjahr für jüdisches Leben in Deutschland war ein großer Erfolg. Es wird Zeit, dass nun auch auf europäischer Ebene das reiche jüdische Erbe gewürdigt wird

von Andrei Kovacs, Abraham Lehrer  08.01.2026

Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Sie will Brücken bauen, ohne den Rahmen zu sprengen. Die neu gewählte ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder spricht über Tradition und Offenheit, über Sicherheit in bewegten Zeiten – und darüber, wie jüdisches Leben in Zürich sichtbar, stark und gemeinschaftlich bleiben kann

von Nicole Dreyfus  08.01.2026