USA-Wahlkampf

Trump? No way!

Die Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton beim zweiten Fernseh-Duell Anfang der Woche Foto: dpa

Wahlkampf im Herbst: Auf dem Bildschirm verspottet Donald Trump den Vietnamkriegsveteranen John McCain, heute US-Senator. Es läuft die Videoaufnahme des berüchtigten Trump-Statements, wonach McCain, der fünf Jahre lang Kriegsgefangener war, gar kein Held sei. Denn er, Trump, bevorzuge »Leute, die nicht gefangen genommen worden sind«. Ein alter Herr schaut sich den Clip an. Trump beleidige Kriegsgefangene, sagt er sichtlich ergriffen. »Mein Krieg war vor 70 Jahren ... Ich hoffe, dass wir einen Mann wie diesen nicht hochschätzen.«

Der alte Herr ist Joel Sollender (91) aus Poway in Kalifornien. Er ist pensionierter Wirtschaftsprüfer und erscheint in einem Wahlwerbespot für die Demokratin Hillary Clinton. »Joel Sollender, US Army POW. Gefangen genommen von den Nazis, 1944«, informiert die eingeblendete Schrift in dem Werbeclip. »Es waren hauptsächlich Hunger und Kälte und die Sorge, ob die Deutschen uns wieder etwas antun würden«, sagt Sollender über seine Gefangenschaft.

Der Soldat hatte besonderen Grund zur Sorge: Auf der Erkennungsmarke der GIs waren die Personenkennziffer eingestanzt sowie Angaben zu Blutgruppe und Religionszugehörigkeit. Bei Sollender stand H, die Abkürzung für »Hebrew«, also Jude. Er habe Angst gehabt in den Händen der Wehrmacht, erzählt Sollender der Jüdischen Allgemeinen. Doch die Deutschen seien nie auf das »H« aufmerksam geworden. Vielleicht weil er mit seinem blonden Haar »deutscher aussah als viele Deutsche«.

Mainstream Nach den jüngsten Sexismusvorwürfen sinkt Trump zusehends in der Gunst der Wähler, auch der jüdischen. Sollender steht in dieser Hinsicht völlig im Mainstream des amerikanischen Judentums. Bereits Mitte September legte das American Jewish Committee die erste umfassende Wahljahrerhebung zu den politischen Ansichten amerikanischer Juden vor. Dazu wurden 1002 Personen befragt. 61 Prozent wollten für Clinton stimmen, 19 Prozent für Trump. Sechs Prozent sagten, sie würden Gary Johnson von der freimarktwirtschaftlich orientierten Libertarian Party wählen, drei Prozent Jill Stein von der Grünen Partei. Und acht Prozent erklärten, sie blieben am 8. November lieber zu Hause.

Trump schimpft im Wahlkampf, seine Rivalin reagiere zu »schwach« auf den Terrorismus. 58 Prozent der Befragten vertreten jedoch die Ansicht, Clinton sei besser im »Umgang« mit Terrorismus; 22 Prozent setzen mehr Vertrauen in Trump. 57 Prozent sagen, Clinton werde mehr für die amerikanisch-israelischen Beziehungen tun, 22 Prozent halten in dieser Hinsicht Trump für den Besseren. 51 Prozent der Befragten bezeichnen sich als Demokraten, 18 Prozent als Republikaner und 26 Prozent als »unabhängig«.

Panik Die bloße Vorstellung von einem Präsidenten Trump löst bei Amerikanern links von der Mitte Panik aus. Unter der Überschrift »Der wirkliche Grund, warum amerikanische Juden nicht für Trump stimmen« schrieb Rabbiner Eric Yoffie, früherer Präsident der Union for Reform Judaism, kürzlich in der israelischen Tageszeitung Haaretz: Jüdische Amerikaner sehnten sich nach Stabilität und Sicherheit. Doch der unberechenbare Trump stelle beides infrage. »Nach fast zwei Jahrtausenden Unterdrückung und Verfolgung haben Juden mehr Erfahrung mit Diktatoren und Demagogen als die meisten anderen Amerikaner.« Und sie seien sich eher bewusst, »wie zerbrechlich moderne demokratische Regierungen sind«.

Wenn Donald Trump »Muslime, Mexikaner und andere dämonisiert, sträuben sich bei Juden die Nackenhaare«, sagt der Politikwissenschaftler Kenneth Wald im Informationsdienst religionnews.com. Trump flirte mit dem harten Kern weißer Rechtsextremer.

Journalisten, die Trump kritisieren, werden schnell mit antisemitischen Twitter-Botschaften überflutet. Sollte Trump gewinnen, drohe »antijüdischer und gegen Minderheiten gerichteter Fanatismus in der amerikanischen Regierung«, warnte tabletmag.com. Trumps Sohn und Wahlberater Donald Jr. beklagte sich kürzlich über die Medien, die Demokraten den Vorzug gäben. Wären die Republikaner derart verlogen wie die Demokraten, würde die Presse längst »die Gaskammer aufwärmen«, befand er.

Iran-Deal Aber auch unter den Trump-Anhängern macht sich Panik breit. Die Vorstellung, Clinton könnte am 8. November die Wahl gewinnen, bringt so manchen um den Schlaf. Der kürzlich gegründete Verein Jewschoosetrump.org (»Juden wählen Trump«) meint, Juden müssten Donald Trump unterstützen, denn im Gegensatz zu Hillary Clinton habe der republikanische Präsidentschaftskandidat den »katastrophalen Iran-Deal« abgelehnt, der Israel bedrohe.

Partei für Trump hat auch der Kasino-Unternehmer und republikanische Großspender Sheldon Adelson ergriffen: Wegen Obama sei die Welt so unsicher wie nie zuvor, meint er. Amerikas Verbündete hätten ihr Vertrauen in die USA verloren. Adelson appelliert an seine Parteifreunde: »Es mag Ihnen ja missfallen, was Trump auf Twitter sagt, aber dieses Land braucht eine starke Führung in der Exekutive.«

Die Umfragewerte zum Abstimmungsverhalten von Juden bei den Wahlen im November liegen derzeit völlig im Rahmen der Resultate bisheriger Präsidentschaftswahlen: 2012 erhielt Barack Obama 69 Prozent der jüdischen Stimmen, 2008 waren es 78 Prozent. John Kerry erhielt 2004 rund 76, Al Gore vier Jahre zuvor 79 Prozent.

Bernie Sanders, der bei den Vorwahlen gegen Clinton verloren hat, geht als der bei Weitem erfolgreichste jüdische Präsidentschaftsanwärter in die Geschichte ein. Seit einigen Wochen legt er sich für seine frühere Rivalin ins Zeug: Hillary Clinton sei zwar nicht in allen Punkten großartig, räumt er ein. Doch er wolle sich nicht vorstellen, was unter Trump aus Amerika werden würde.

Auch Joel Sollender, der alte Herr in dem Clinton-Werbespot, hofft, dass »das kostbarste Amt in diesem Land«, wie er sagt, nicht in die Hände von Donald Trump fallen wird.

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Gespräch

Jüdische Stimme am Vatikan

Viktor Eichner vom Jüdischen Weltkongresses hat ein großes Ziel: sich für die jüdische Gemeinschaft einzusetzen – vor allem beim Heiligen Stuhl

von Sabine Kleyboldt  02.10.2026

Sacramento

Kalifornien führt »jüdisch« als ethnische Kategorie ein

Gouverneur Gavin Newsom unterschrieb mehrere Gesetze, die für Juden in dem Bundesstaat relevant sind

 02.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 01.10.2026

USA

Jüdischer Stolz auf der New York Fashion Week

Zum ersten Mal war eine exklusiv jüdische Modenschau Teil des berühmten Events. Mit Modest Fashion, Abendkleidern und Bikinis

von Sophie Albers Ben Chamo  01.10.2026

Nachruf

Esther Rantzen mit 86 Jahren gestorben

Die Journalistin setzte sich für Kinder, Senioren und eine Legalisierung der Sterbehilfe in Großbritannien ein

 01.10.2026

New York

Mamdani legt Antisemitismus-Plan vor, jüdische Organisationen üben scharfe Kritik

Das Konzept des Bürgermeisters blende den Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Juden in New York und antiisraelischer Propaganda bewusst aus, sagt einer der Kritiker

 30.09.2026

Kiew

85. Jahrestag: Selenskyj gedenkt ermordeter Kyjiwer Juden

Vor 85 Jahren besetzten deutsche Truppen die heutige ukrainische Hauptstadt. Sie ermordeten zehntausende Menschen. Präsident Selenskyj stellt bei einer Gedenkfeier den Bezug zur Gegenwart her

 30.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026