Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Albrecht Weinberg und Jerry Wartski (v.l.), Überlebende des KZ Mittelbau-Dora, bei der Gedenkveranstaltung zum 77. Jahrestag der Befreiung Foto: picture alliance/dpa

Malka »Mollie« Horwitz war 25 Jahre alt, als die Nazis ihr Heimatland Litauen eroberten. Sie verbrachte vier Jahre im Ghetto von Vilna (Vilnius), verlor ihren Ehemann sowie weitere Verwandte und musste sich von ihrem kleinen Sohn aus Sicherheitsgründen trennen. Sie fanden nach dem Krieg wieder zusammen. Im März wird Mollie Horwitz 110 Jahre alt.

Sie lebt im Großraum Miami in ihrem Zuhause, wobei sie vom örtlichen jüdischen Gemeindedienst unterstützt wird. Mollie Horwitz zählt zu den ältesten Überlebenden des Holocausts. Wahrscheinlich ist sie sogar die aktuell älteste Überlebende, noch vor Mirjam Bolle, die ebenfalls im März Geburtstag hat und dann 109 Jahre wird.

Weniger als 200.000 Überlebende

»Mollies Leben ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass der menschliche Geist selbst angesichts unaussprechlicher Tragödien standhaft bleiben kann«, sagte Natalie Herradon, Leiterin der Fallbearbeitung des Jüdischen Gemeindediensts, im vergangenen Sommer. Malka Horwitz gehört zu einer kleinen Gruppe von Holocaust-Überlebenden, die außergewöhnlich alt wurden und werden.

Der vermutlich älteste Überlebende war der aus Polen stammende Israel Kristal, der im August 2017 kurz vor seinem 114. Geburtstag im israelischen Haifa starb. Rose Girone, im damaligen Österreich-Ungarn geboren, starb im Februar 2025 in Long Island (USA), nur einen Monat nach ihrem 113. Geburtstag. Insgesamt leben nach jüngsten Angaben der Jewish Claims Conference weltweit noch 196.600 Überlebende des Holocausts.

Was sagt die Forschung dazu?

Die Forschung nennt zwei Hauptansätze, um die erhöhte Langlebigkeit mancher Überlebender zu erklären. Zum einen verweist sie auf »differentielle Mortalität«: Nur Menschen mit einer außergewöhnlichen Kombination aus körperlicher Robustheit, genetischen Schutzfaktoren und psychischer Widerstandskraft waren demnach überhaupt in der Lage, Ghettos, Lager, Hunger, Krankheiten und Gewalt bis 1945 zu überstehen.

Zum anderen spricht die Fachliteratur von posttraumatischem Wachstum: Manche Überlebende entwickeln nach der Verfolgung eine gesteigerte Wertschätzung des eigenen Lebens, eine starke Motivation, für Kinder und Enkel zu sorgen, sowie eine betonte Aktivität im Alltag, was mit günstigerem Gesundheitsverhalten und besserer Adaption an Altersbelastungen einhergehen kann.

Zugleich machen Studien deutlich, dass höhere Lebensdauer nicht mit geringerer Belastung verwechselt werden dürfe. Viele Überlebende zeigen im Lauf ihres Lebens eine höhere Krankheitslast, häufige Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen oder psychische Symptome wie Schlafstörungen, Angst und anhaltende Trauer. Und dennoch berichten sie von ähnlich hoher oder manchmal sogar gesteigerter Lebenszufriedenheit im Vergleich zu Kontrollgruppen. Das wird in Studien als »Paradox des Wohlbefindens« beschrieben.

Leben nach dem Holocaust

Viele Überlebende wanderten in die USA oder den jungen Staat Israel aus, wo es ihnen oft gelang, ein erfülltes Leben aufzubauen. Jozef »Joe« Veselsky, der kürzlich im Alter von 107 Jahren in Irland starb, blieb zunächst in der Tschechoslowakei, nachdem er seine Familie im KZ Auschwitz verloren hatte. In dem Land führte er das nationale Tischtennis-Team an. 1949 ging er nach Irland, wo er sich wieder im Tischtennis engagierte - neben seinem Beruf als Schmuckhändler.

Andere engagierten sich vor allem im fortgeschrittenen Alter als Zeitzeugen. So zum Beispiel Margot Friedländer, die im vergangenen Mai im Alter von 103 Jahren starb - hoch geschätzt und hoch geehrt. Oder Albrecht Weinberg. Auch er hat im März Geburtstag und wird dann 101 Jahre alt. »Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm«, heißt sein Buch über sein Leben. Der Titel spielt auf die Ziffern an, die Weinberg bei seiner Ankunft im KZ Auschwitz eingebrannt wurden.

Leon Weintraub wurde am 1. Januar dieses Jahres 100 Jahre alt. Ebenso wie Albrecht Weinberg ist er seit vielen Jahren als Zeitzeuge im Gespräch mit Schülern. Aber die Zahl der Zeitzeugen, die vom Holocaust und anderen Verbrechen berichten können, wird immer kleiner - auch wenn einige von ihnen ein außergewöhnlich hohes Alter erreichen.

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