USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch stammt aus einer der berühmtesten jüdischen Familien New Yorks. Zohran Mamdani ist nun ihr direkter Vorgesetzter. Foto: picture alliance / Newscom

Sie wird kaum als brillante Rednerin in die Stadtgeschichte von New York eingehen. Das Magazin »City & State« nannte Jessica Tisch, New Yorks Polizeipräsidentin, eine »schnörkellose Technokratin« – und das ist durchaus anerkennend gemeint. Mit einem Satz indes wird Tisch bis heute zitiert; sie sagte ihn aus Anlass ihrer Ernennung zur Beauftragten für Abfallwirtschaft, ihrem vorherigen Job: »Wir – nicht die Ratten – regieren die Stadt.«

Die Rattenplage ist ein ernstes Problem für die US-Metropole, und Tisch nahm sich der Sache mit einigem Erfolg an. Doch der Kampf gegen die invasiven Nager erscheint banal im Vergleich zu dem Dilemma, vor dem Tisch jetzt als Top-Cop von New York City steht.

Seit 2024 lenkt Tisch die Geschicke des New York Police Department (NYPD), der größten Polizeibehörde der USA – als erste jüdische Frau. Seit Januar dient sie einem neuen Boss: Bürgermeister Zohran Mamdani. Doch der Stadtherr und seine Polizeichefin haben tiefe Gräben und fundamentale ideologische Unterschiede zu überbrücken.

Der Stadtherr und seine Polizeichefin haben tiefe ideologische Gräben zu überbrücken.

Da ist Tisch: millionenschwere Erbin einer jüdisch-amerikanischen Unternehmerfamilie. Ihre Mission ist es, die New Yorker Polizei stärker und effizienter zu machen. Und da ist Mamdani: erster muslimischer Bürgermeister von New York City; demokratischer Sozialist, Anti-Zionist und Anhänger der antisemitischen Boykott-Bewegung BDS. Er bezeichnete den Gaza-Krieg als Genozid, hält die Polizei für ein Instrument der Repression und favorisiert eine zivile Behörde für kommunale Sicherheit.

»Wir teilen viele Ziele, die die öffentliche Sicherheit betreffen«

Doch Mamdani hat Tisch in ihrem Amt belassen, vorerst zumindest. Und Tisch hat das Angebot angenommen. Der Bürgermeister und sie seien sich nicht in allen Punkten einig, erklärte sie. »Aber wir teilen viele Ziele, die die öffentliche Sicherheit betreffen.«

Es sei ein ermutigendes Zeichen, dass Mamdani mit Tisch kooperieren wolle, sagt Josh Kramer, Regionaldirektor der jüdisch-amerikanischen Lobbyorganisati­on American Jewish Committee (AJC) in New York. »Und wir hoffen, dass sie in ihrer Rolle weiterhin jüdisches Leben in der Stadt ohne Einschränkungen schützen kann.«

Im Übrigen sei Mamdanis Entscheidung gar nicht so überraschend, setzt Kramer hinzu. »Jessica Tisch kommt aus einer prominenten jüdischen Familie. Ihre Position im öffentlichen Dienst ist eine Quelle des Stolzes für New Yorker Juden.« In New York City lebt die größte jüdische Gemeinschaft außerhalb Israels. 33 Prozent stimmten bei den Wahlen Anfang November für Mamdani. Eine Wählerschaft, die der neue Bürgermeister nicht verprellen will.

Wer ist Jessica Tisch? Die 44-Jährige stammt aus einer aschkenasisch-jüdischen Dynastie in New York. Ihre Mutter Merryl Tisch war Vorsitzende der städtischen Schulbehörde, der Vater James Tisch ist Präsident der Loews Corporation, einer US-Holdinggesellschaft, zu der Hotels, Versicherungen, eine Gas-Pipeline und Finanzdienstleister gehören.

Die Familie zählt zu den großen Philanthropen der Stadt

Familie Tisch hält ein Drittel der Unternehmensanteile; ferner besitzt sie die Hälfte des legendären Football-Teams »New York Giants«. Auch zählt die Familie zu den großen Philanthropen der Stadt. Die Kunstakademie der New York University, ein Krankenhaus, ein Kinderzoo und eine Galerie im Metropolitan Museum of Art – sie alle tragen den Namen Tisch. Das »Forbes Magazine« schätzt das Vermögen der Familie auf rund zehn Milliarden Dollar.

Doch Jessica Tisch wollte nicht in das Familiengeschäft einsteigen. Sie studierte Recht und Business an der Harvard University. Sie trat dem Ruderteam der Universität als Bootsfrau bei – in dieser Position gab sie der Besatzung die Kommandos. Nach einem doppelten Master-Abschluss nahm sie 2008 ihren ersten Job als Datenanalystin bei der New Yorker Polizei an. Dort hielt sie über die Jahre verschiedene zivile Positionen inne, wurde 2014 zur Vize-Chefin für Informationstechnologie berufen.

2022 ernannte der damalige Bürgermeister Eric Adams Tisch zur Beauftragten für Abfallwirtschaft. Das war, als sie den rund drei Millionen Ratten von New York den Kampf ansagte. Eine von Tischs Initiativen: Die schwarzen Plastiksäcke, in denen die New Yorker seit Jahrzehnten den Müll an die Straße stellen, werden schrittweise durch Container ersetzt. Die Aufgabe sei ein Traumjob gewesen, sagte sie, ganz ohne Ironie. Sie hatte ihn zwei Jahre inne, bis Adams, selbst ein ehemaliger Cop, sie zur Polizeipräsidentin ernannte.

Tisch ist verheiratet mit dem Finanz­manager Daniel Levine und Mutter von zwei Söhnen.

Tisch ist verheiratet mit dem Finanz­manager Daniel Levine und Mutter von zwei Söhnen. Probleme, sich in der Männerdomäne der New Yorker Polizei durchzusetzen, hatte sie nie. In einem Artikel in der »New York Times« berichten Mitarbeiter von ihrem direkten, bisweilen harschen Management-Stil. Sie verteile Kritik öffentlich, werde auch einmal laut. Aber sie fördere offene Debatten und arbeite härter als alle anderen. Das verschaffe ihr Respekt – bei den zivilen wie den uniformierten Angestellten des NYPD.

Mehr als eine effiziente Verwalterin

Doch Tisch ist mehr als eine effiziente Verwalterin. Sie gilt als Architektin des integrierten Informationsnetzwerks von NYPD, das zur Verbrechensaufklärung und Terrorbekämpfung dient. Dabei werden riesige Mengen von Daten teilweise in Echtzeit gesammelt, analysiert und ausgewertet, darunter Videos von Überwachungs- und Verkehrskameras, Bilder von automatischen Autokennzeichenlesern, GPS-Daten von Shot Spottern – Sensoren zur Lokalisierung von Schussgeräuschen – sowie Daten zu Haftbefehlen und Vorstrafen.

NYPD verfügt über das größte Netzwerk von Sicherheitskameras im Land; andere Behörden ziehen nach. Doch Bürgerrechtsaktivisten sehen in den anschwellenden Daten-Hubs ein gefährliches Big-Brother-Szenario. Auch Mamdani hat sich kritisch über das vermeintliche Überwachungssystem der Polizei geäußert. Und es gibt noch andere Reibungspunkte. Tisch will die New Yorker Polizei, die seit der Jahrtausendwende von über 40.000 auf 33.700 Mitarbeiter geschrumpft ist, wiederaufstocken. Mamdani lehnt dies ab. Und plant, eine Sondereinheit von mehreren Hundert Polizisten, die bei Protesten zum Einsatz kommt, aufzulösen.

Ferner will der neue Bürgermeister interne Ermittlungen gegen Polizisten komplett an einen unabhängigen zivilen Disziplinarausschuss übertragen. Tisch, die sich als Polizei-Reformerin versteht und hart gegen Korruption und Fehlverhalten von Polizisten vorgeht, will dagegen die letzte Kontrolle über die Bestrafung ihrer Mitarbeiter behalten.

Gefährdet sei auch die seit Jahrzehnten bestehende Kooperation zwischen dem NYPD und der Polizei in Israel, sagen israelisch-amerikanische Sicherheitsexperten. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 entsendet die New Yorker Polizei im Rahmen eines internationalen Liaison-Programms Ermittler in verschiedene Länder, die Informationen zu terroristischen Anschlägen oder Attentaten an die Zentrale übermitteln. Einer dieser 14 Liaison-Polizisten ist in Israel stationiert. Der Posten ist derzeit vakant, und es ist unklar, ob er wiederbesetzt wird, sagen die Experten.

Wüste Anti-Polizei-Rhetorik der Black-Lives-Matter-Ära mit antisemitischen und anti-zionistischen Klischees vermengt

Immer wieder vermengt Mamdani wüste Anti-Polizei-Rhetorik der Black-Lives-Matter-Ära mit antisemitischen und anti-zionistischen Klischees. So sagte er in einer Rede vor Anhängern im Jahr 2023: »Die Stiefel des NYPD auf euren Nacken sind von der IDF (der israelischen Armee, Anm. d. Red.) geschnürt« – und macht damit die israelische Armee für potenzielle Fälle von Polizeigewalt in New York mitverantwortlich. Während des Wahlkampfs im Oktober auf seine Aussage angesprochen, ruderte Mamdani zurück. Er habe sich lediglich auf Trainingsprogramme bezogen, die NYPD seit vielen Jahren mit der israelischen Polizei durchführt.

Doch auch diese hätten einen hohen Wert, betont AJC-Regionaldirektor Kramer. »Die New Yorker Polizei kann viel davon lernen, wie ihre Kollegen in Israel für die Sicherheit verschiedener Bevölkerungsgruppen unter schwierigsten Bedingungen Sorge tragen.«

Noch sucht Jessica Tisch, die neue und alte Polizeipräsidentin, ihre Rolle unter Mamdanis Administration. Seit einigen Wochen scheint sie sich genötigt zu fühlen, in alle Richtungen Entschuldigungen auszusprechen. So entschuldigte sie sich für die Worte ihres Bruders Benjamin Tisch, CEO der Loews Corporation, der Mamdani als »Feind des jüdischen Volkes« bezeichnete.

Mamdani hat sich kritisch über das vermeintliche Überwachungssystem der Polizei geäußert.

Und sie entschuldigte sich bei den Mitgliedern der Park East Synagogue, einer orthodoxen Gemeinde in der Upper East Side. Ende November war dort eine Demonstration sogenannter propalästinensischer Aktivisten eskaliert, mit Rufen wie »Tod der IDF« und »Globalisiert die Intifada.« Die Polizei hätte den Eingang zur Synagoge besser schützen müssen, sagte Tisch.

Ob Tischs Versuche, die potenziellen Konfliktparteien zu befrieden, Wirkung zeigen, ist ungewiss. Der neue Hausherr in der New Yorker City Hall mag die amtierende Polizeipräsidentin zwar vorerst im Amt belassen, doch die Ernennung seines Beraterteams für öffentliche Sicherheit spricht eine andere Sprache. Eines der Mitglieder, Soziologieprofessor Alex Vitale, nennt Polizisten »Gewaltarbeiter« und schreibt: »Die Probleme sind nicht das Training, die Methoden oder die Zusammensetzung der Polizei. Das Problem ist das Konzept der Polizeiarbeit selbst.«

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