USA

Tefillin und Touchdown

Super Bowl Sunday: Während im Fernsehen das Finale um die Profi-Football-Meisterschaft läuft (r.), legen manche Juden Gebetsriemen. Foto: Montage: imago, dpa

Der Super Bowl Sunday ist heilig – von Alaska bis Florida, von Connecticut bis Kalifornien. An diesem Tag – es ist in der Regel der erste Sonntag im Februar – wird das Finale der American-Football-Profiliga ausgetragen. Die Familie versammelt sich mit Freunden vor dem Fernseher; traditionell werden in Fett ausgebratene, scharf gewürzte Chicken Wings und Bier gereicht. Auch jene, denen die Regeln des Footballspiels wie ein Buch mit sieben Siegeln vorkommen, haben ihre Freude an dem Ereignis, denn die Werbeblöcke sind sehr witzig.

Für Juden ist der Super Bowl Sunday aber gleich doppelt heilig: Dies ist das Datum für den World Wide Wrap. Das heißt, an diesem Tag legen jüdische Männer und Frauen – vor allem solche, die der konservativen Strömung des Judentums angehören – morgens gemeinsam Gebetsriemen an. Die Initiative dazu geht von der Federation of Jewish Men’s Clubs aus, dem »Bund der Klubs jüdischer Männer«. Diesem Netzwerk gehören in Nordamerika rund 30.000 Mitglieder an.

Video Die Geschichte begann vor 13 Jahren im Bundesstaat North Carolina, erzählt Rabbi Charles Simon, der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Männerklubs. Damals wurde ein Video gedreht, in dem vorgeführt wurde, wie man korrekt Gebetsriemen legt: erst die »Tefillin schel Jad« (Lederkapsel auf den Bizeps, Bracha sagen, siebenmal um den Arm herumwickeln), dann die »Tefillin schel Rosch« (auf die Stirn setzen, zweite Bracha sagen, festziehen, anschließend die Riemen der Tefillin schel Jad so um die Finger legen, dass der hebräische Buchstabe Schin entsteht).

»Dieses Video wäre bald wieder in den Regalen verschwunden, ohne dass es jemand gesehen hätte«, sagt Rabbi Simon. Um dem vorzubeugen, organisierte der Temple Israel in North Carolina einen »100 Man Wrap«: 100 Männer sollten Gebetsriemen anlegen. Es kamen aber 120. So wurde eine Tradition geboren.

Doch warum findet das Ereignis ausgerechnet am Super Bowl Sunday statt? »Weil an diesem Wochenende erfahrungsgemäß wenig in den Synagogen los ist«, meint Rabbi Simon. »Außerdem organisieren viele Leute sowieso schon Super Bowl Partys. So kann man das eine mit dem anderen verbinden.«

Mittlerweile wird der World Wide Wrap aber längst nicht mehr nur in Nordamerika begangen. Auch Gemeinden in Lateinamerika und Europa haben sich angeschlossen. Den Anfang des Tages machen Gemeinden in Australien, dann geht es weiter rund um den Globus, immer dem Sonnenaufgang nach. Wer mitmachen will, registriert sich im Internet. Manche geografisch weit voneinander entfernte Gemeinden schließen sich auch per Videokonferenz zusammen, sodass sie gleichzeitig an dem Ereignis teilhaben können.

Spenden Vor drei Jahren ist aus dem World Wide Wrap eine Wohltätigkeitsveranstaltung geworden: Reichere Gemeinden sammeln also Spenden, damit sie ärmeren Gemeinden Tefillin stiften können. Jüngst kam diese Initiative nicht nur Juden in Argentinien, sondern auch einer Gemeinde in der indischen Millionenstadt Mumbai zugute.

»Es gibt in Südflorida eine jüdische Motorradgang namens ›Lions of Judea‹«, erzählt Rabbi Simon. »Die Biker nehmen jedes Jahr am World Wide Wrap teil. Sie treffen sich in einem Park und legen öffentlich Tefillin.«

In Pittsburgh haben sich dieses Jahr sogar Schulkinder an den Vorbereitungen zum World Wide Wrap beteiligt: Zweit- und Drittklässler fertigten aus Sperrholz Modelle von Tefillin in Übergröße, um für den weltweiten Tag der Gebetsriemen zu werben.

Als besonderen Service gibt es mittlerweile ein Cheat Sheet, einen Spickzettel: also eine Art Gebrauchsanweisung für das Legen von Tefillin auf Englisch und Hebräisch. Er beschreibt die einzelnen Schritte und listet die nötigen Segenssprüche auf. Praktischerweise ist dieses Cheat Sheet genau so groß (das heißt: so klein), dass es locker in die Samttasche mit den Gebetsriemen passt.

Masorti Zu den europäischen Gemeinden, die sich am kommenden Sonntag am World Wide Wrap beteiligen, gehört unter anderem Dor Hadash (Neue Generation), ein egalitärer Minjan in Budapest, der seit 2007 existiert und zur Masorti-Bewegung zählt, dem europäischen Ableger des konservativen Judentums.

Dor Hadash heißt ausdrücklich Juden jeder Herkunft willkommen – auch Leute, deren halachischer Status nicht klar ist. Vor allem junge Menschen treffen sich hier zum Gebet. Beim World Wide Wrap arbeitet Dor Hadash mit dem Temple Israel in Sharon im Bundesstaat Massachusetts zusammen: Auch dies ist eine konservative Synagoge, allerdings eine alteingesessene, die schon seit 1920 existiert.

»Es geht darum, dass die Sache Spaß macht«, sagt Rabbi Simon. Mit dem World Wide Wrap sollen Juden, die eigentlich nicht besonders religiös sind, einen Zugang zum Ritus finden. Und zur Belohnung gibt es hinterher Chicken Wings.

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