Niederlande

Streitfall Schechita

Eine kleine Partei sorgt für große Aufregung unter Juden in den Niederlanden: Um unnötiges Leiden von Tieren zu verhindern, will die Partij voor de Dieren (PvdD) beim rituellen Schlachten künftig eine Betäubung gesetzlich vorschreiben. Bislang sind die Schechita und die islamische Variante, Dhabiha, von der Betäubungspflicht ausgenommen. Laut der Partei, die zwei der 150 Abgeordneten stellt, empfinde Vieh mehr Schmerzen und Stress, wenn es nach jüdischem oder muslimischem Ritus geschlachtet wird als herkömmlich getötete Artgenossen.

Ende Februar diskutierte das Parlament den Antrag, der bei etwa 40 Prozent der Volksvertreter Unterstützung findet. Befürworter sind die linksliberalen Democraten66, Groen Links und die Socialistische Partij (SP). Für Außenstehende überraschend, fordert auch die Partij voor de Vrijheid (PVV) von Geert Wilders ein solches Verbot. Bei näherem Hinsehen hebt sich der scheinbare Widerspruch schnell auf: Die PVV ist mindestens so anti-muslimisch wie pro-jüdisch, aber gemessen an den Bevölkerungszahlen ist das Halal-Schlachten in den Niederlanden deutlich verbreiteter als das Schächten nach jüdischem Ritus. Zudem profiliert sich Wilders’ Partei seit Jahren auch auf dem Gebiet der Tierrechte.

Betäubung Gegner der Betäubungspflicht sind die konfessionellen Parteien. Christdemokraten (CDA) sowie die calvinistische ChristenUnie und Staatskundig Gereformeerde Partij (SGP) sehen die Religionsfreiheit bedroht. Die SGP betont dazu die jüdisch-christliche Tradition des Landes. Der CDA-Abgeordnete Henk Jan Ormel nuanciert, unbetäubtes Schlachten solle an strengere Regeln gebunden und dadurch begrenzt werden, müsse aber gleichsam »für bestimmte Gruppen möglich bleiben«.

Ausschlaggebend werden mit der rechtsliberalen VVD und der sozialdemokratischen PvdA die beiden stärksten Parteien des Landes. Beide stehen einem Verbot skeptisch gegenüber. Janneke Snijder von der VVD befürchtet als Konsequenz illegale Schlachtungen – ein Szenario, das auch ein muslimischer Fleischer kürzlich in einer Fernsehreportage ankündigte. Die PvdA würde gern »das Leid von Tieren vermeiden, ohne die Religionsfreiheit anzutasten«. Eine Zustimmung indes ist angesichts ihrer großen muslimischen Wählerschaft eher unwahrscheinlich.

Importe Unter niederländischen Juden herrscht Besorgnis über die jüngsten Entwicklungen. »Ein solches Gesetz würde für viele bedeuten, dass sie auf Fleisch verzichten müssten«, so Orit Benjamin, die mit ihrem Mann das koschere Restaurant Hapinah in Amsterdam betreibt. Nicht zuletzt aus beruflichen Gründen verfolgt sie die Diskussion mit Anspannung. »Bei einem Verbot könnten wir kein Fleisch mehr verkaufen.« Doch einen Plan B hat sie durchaus: »Dann müssten wir wohl Fleisch aus Belgien importieren, wenn das Rabbinat das in Ordnung fände.«

So weit hat auch Raphael Evers schon gedacht. »Nicht angenehm, aber machbar«, findet der Rabbiner der orthodoxen Nederlands-Israëlitisch Kerkgenootschap (NIK) die Option, mit koscherem Fleisch aus den Nachbarländern den Bedarf sicherzustellen. Den jüdischen Anteil an rituell geschlachteten Tieren beziffert Evers gering: »höchstens zehn Rinder pro Woche, knapp tausend Hühner und ab und zu etwas Kleinvieh«. Auch deshalb ist er alarmiert: »Ein parlamentarischer Vorsatz, Betäubung vorzuschreiben, ist ein direkter Bruch mit der niederländischen Tradition von Toleranz und Religionsfreiheit, die schon viele Jahrhunderte alt ist«, schrieb der Rabbiner in einer Stellungnahme.

Ausgehend von den zahlreichen Tierschutzregeln des Judentums beruft sich Evers auf die strengen internen Kontrollen der NIK, um die Schechita zu rechtfertigen. »Wenn es darum geht, das Leiden von Tieren zu verhindern, kämpfen wir für dieselbe Sache.« Doch neben der inhaltlichen hat das Thema gleichsam eine politische Dimension: die traditionelle antisemitische Strategie, unter dem Vorwand des Tierschutzes gegen das rituelle Schlachten vorzugehen. Moshe Kantor, Präsident des European Jewish Congress, rief die niederländische Politik auf, die Folgen für das jüdische Leben im Land sorgfältig zu bedenken.

Allein Luuk Koole, Chef der traditionsreichen Schlachterei Marcus in Amsterdam, macht sich wenig Sorgen. »Immer vor Wahlen wird das rituelle Schlachten hervorgeholt. Danach wird es meistens wieder ruhig.« Dem ist einerseits nicht zu widersprechen, denn die Wahlen zu den niederländischen Provinzialparlamenten fanden am Mittwoch vergangener Woche statt. Inwieweit Kooles Prognose zutrifft, wird sich zeigen. Im April will das Parlament erneut über den Antrag debattieren.

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026

Hilfe in Zeiten des Krieges

Wie geht es Juden in der umkämpften Ukraine und im angrenzenden Rumänien? Unser Autor begleitete eine ZWST-Delegation auf ihrer Reise nach Czernowitz und Suceava

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026