Russland

Soldaten und Ruinen

Sowjetische Soldaten vor dem Reichstag (1945) Foto: PR

Russland

Soldaten und Ruinen

Eine Moskauer Online-Ausstellung zeigt erstmals die Bilder zweier jüdischer Filmchronisten vom Kriegsende 1945 in Berlin

von Eugen El  18.06.2020 10:45 Uhr

Die uniformierten Männer blicken stolz in die Kamera. Der sowjetische Generalmajor Matwej Weinrub, der Schriftsteller Konstantin Simonow sowie der Kameramann und Fotograf Ilja Arons haben sich 1945 in Berlin vor dem Gebäude der Reichskanzlei des besiegten Nazi-Deutschland ablichten lassen.

Ein weiteres Schwarz-Weiß-Foto zeigt die drei Männer in einem Militärfahrzeug vor der Ruine des Berliner Reichstags. Auch der jugendlich wirkende Valeri Ginsburg hat sich vor dem Reichstagsgebäude fotografieren lassen. Der Moskauer Kamera­student kam 1944 mit Kommilitonen nach Babelsberg, um dort Kameras und Filmausrüstung einzusammeln und in die Sowjetunion zu bringen.

SIEGERMÄCHTE Ilja Arons und Valeri Ginsburg kannten einander höchstwahrscheinlich nicht. Sie waren gleichzeitig in Berlin, als Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte und die alliierten Siegermächte begannen, eine Nachkriegsordnung zu entwerfen. Arons und Ginsburg waren offizielle Filmchronisten der Roten Armee. Die Fotografien entstanden aus eigenem Interesse. Jahrzehntelang schlummerten sie im Privaten.

Die Fotoarchive der beiden Kameramänner seien ihr buchstäblich in die Hände gefallen, sagte die Dokumentarfilmerin Elena Jakowitsch dem Radiosender »Echo Moskwy«. In der regierungskritischen Zeitung »Nowaja Gaseta« berichtete Jakowitsch, im vergangenen Sommer habe ihr in Tel Aviv der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen gesagt, er sei der Sohn von Ilja Arons. Dessen Archiv habe sich in Israel erhalten. Valeri Ginsburgs privates Berlin-Archiv hat Jakowitsch ein Jahr zuvor bei Arbeiten zu einem Film über dessen Bruder, den Lyriker Alexander Galitsch, entdeckt.

Das »Jüdische Museum Moskau und Zentrum für Toleranz« hat Arons’ und Ginsburgs Berlin-Fotografien nun erstmals öffentlich zugänglich gemacht.

Das im Jahr 2012 eröffnete Museum ist in einem 20er-Jahre-Garagenbau untergebracht. Initiiert wurde das Museums­projekt von der Föderation der Jüdischen Gemeinden Russlands, einer Vereinigung der russischen Chabad Lubawitscher Gemeinden. Finanziert wurde es unter anderem durch Spenden russisch-jüdischer Oligarchen wie Roman Abramowitsch und Wiktor Wekselberg. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin spendete für den Bau des Museums. Die Zeitachse der Dauerausstellung zur Geschichte und Kultur der Juden in Russland erstreckt sich vom Schtetl über die Oktoberrevolution, die frühe Sowjetunion, den Zweiten Weltkrieg und die Schoa bis zur Nachkriegszeit, Perestroika und Gegenwart.

WECHSELAUSSTELLUNG Wegen der Corona-Pandemie ist die Wechselausstellung Das unbekannte Berlin. Mai 1945 derzeit nur in einer russischsprachigen Online-Version zugänglich. Sie beginnt mit einer Zeitleiste, auf der nebeneinander Lebensstationen von Ilja Arons und Valeri Ginsburg seit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 eingeblendet werden.

Während Arons damals vor dem Abschluss seines Kamerastudiums stand, war Ginsburg noch ein Jugendlicher. 1942 wurde er mit seinen Eltern ins usbekische Taschkent evakuiert. 1942 kam Arons als Kameraassistent an die kaukasische Front, in den folgenden Kriegsjahren begleitete er die Rote Armee über Weißrussland und Polen bis nach Berlin. Ginsburg begann 1944 auf dem Weg nach Babelsberg zu fotografieren.

Er hält im Mai und Juni 1945 Alltags- und Straßenszenen sowie bekannte Plätze im zerstörten Berlin fest: Menschen, die entlang von Schuttbergen laufen, Soldaten vor der Ruine eines Bahnhofs, das Brandenburger Tor und die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

berliner alltag Im Sommer 1945 fotografiert auch Arons den Berliner Alltag, unter anderem eine um Unbeschwertheit bemühte Café-Szenerie am Kurfürstendamm: Elegant gekleidete Damen und Herren sitzen an klobigen Tischen und genießen in der Sonne ihr Kännchen Kaffee.

1946 kehrte Ilja Arons nach Moskau zurück und arbeitete weiterhin als Kameramann. Seine Söhne leben heute in Israel. Valeri Ginsburg verantwortete als Kameramann mehrere sowjetische Spielfilme. Es hat 75 Jahre gedauert, bis ihre Berlin-Fotografien das Licht der Öffentlichkeit erblickten.

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über seinen wahren Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Boy George

Kein Chamäleon

Der britische Sänger positioniert sich schon seit Beginn seiner Karriere klar gegen Antisemitismus. Am 14. Juni wird der Popstar 65 Jahre alt

von Leon Stork  13.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026