Argentinien

Sigmans Serum

Psychiater und Milliardär: Hugo Sigman Foto: imago/Agencia EFE

Der Wettlauf um die Produktion eines Impfstoffs gegen Covid-19 ist in vollem Gange. Anfang August sorgte Russland mit der Ankündigung seines Vakzins Sputnik V für Aufsehen, stieß aber zugleich auf viel Skepsis und Kritik, weil für die Zulassung Phase 3 der klinischen Erprobung übersprungen worden sein soll.

Fast zeitgleich kündigte Argentiniens Präsident Alberto Fernández an, sein Land werde gemeinsam mit Mexiko mit der Produktion eines Impfstoffs beginnen, mit dem vor allem Lateinamerika versorgt werden soll. Dabei handelt es sich um einen Wirkstoff, der von der Universität Oxford und dem schwedisch-britischen Pharmaunternehmen AstraZeneca entwickelt wird. Einer der entscheidenden Männer hinter diesem Projekt ist der argentinische Unternehmer Hugo Sigman.

Biotech-Konzern Sigman, prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde Argentiniens, ist Gründer und Besitzer der Insud-Gruppe, einer der drei wichtigsten Biotechnologie-Konzerne der Welt. Das zu Insud gehörende argentinische Biotech-Unternehmen mAbxience wird zunächst 150 Millionen Dosen des Impfstoffs herstellen. Die abschließende Beschichtung soll die mexikanische Firma Liomont übernehmen.

Aus seiner politischen Nähe zu den Kirchners und auch zum derzeitigen Präsidenten Alberto Fernández macht Sigman kein Geheimnis.

»Ich bin sehr enthusiastisch und zuversichtlich«, sagte Sigman in einem Radiointerview. Das gemeinsam von Argentinien und Mexiko produzierte Vakzin werde »weltweit der erste Impfstoff mit abgeschlossener Phase 3 sein«. In dieser Phase werden üblicherweise Tausende von Probanden geimpft, um Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen zu testen. Erst danach wird entschieden, ob ein Impfstoff zugelassen wird oder nicht.

Tests Noch liegen die endgültigen Ergebnisse der Tests nicht vor. Man beginne aber bereits mit der Herstellung der Dosen, so Sigman. Die Verwendung des Impfstoffs könne dann im besten Fall sofort erfolgen, sobald seine Wirksamkeit bestätigt ist. »Wir werden auf Risiko produzieren, denn das Ja oder Nein der Zulassung wird sicherlich im Dezember oder Januar erfolgen. Aber wir produzieren schon jetzt«, so Sigman. »Wenn es keine Zulassung gibt, müssen die Dosen zerstört werden.« Er glaube aber an den Erfolg der klinischen Studie.

Die argentinische Tageszeitung »La Nación« beschreibt Sigman als »progressiven« Selfmade-Milliardär. Der heute 76-Jährige spezialisierte sich nach seinem Medizinstudium in Buenos Aires auf Psychiatrie. Mit Beginn der Militärdiktatur 1976 verließ er das Land und ging nach Spanien, wo er in Barcelona eine Anstellung in einem Krankenhaus fand. 1978 gründete er zusammen mit seiner Frau, der Biochemikerin Silvia Gold, mit der er zwei Söhne hat, seine erste Firma, das Pharmaunternehmen Chemo – der Grundstein für den späteren Insud-Konzern. Das Startkapital in Höhe von 400.000 Dollar borgte ihm sein Schwiegervater.

Mit dem Laborgeschäft wurde Sigman, der bis heute in Spanien lebt, zum Millionär, später diversifizierte er seine Investitionen, unter anderem im Energiebereich, finanzierte Kultur- und Filmprojekte. Forbes schätzt sein Vermögen auf zwei Milliarden Dollar.

Der Impfstoff solle allen Menschen zugänglich sein.

Dass er sein Geld weiterhin in Argentinien investiere, trotz der Schuldenkrise des Landes, geschehe aus Rebellentum, sagte er im März in einem Interview. In jungen Jahren sympathisierte er mit dem Kommunismus, später wurde ihm immer wieder eine gewisse Nähe zum Kirchnerismus nachgesagt, einer linkspopulistischen politischen Bewegung, die auf den verstorbenen argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner und dessen Frau, die spätere Präsidentin und heutige Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner, zurückgeht. Diese Beziehung wurde 2009 enger, als aufgrund des Influenza-A-Ausbruchs in Argentinien Sigman gemeinsam mit dem Schweizer Novartis-Konzern den Impfstoff zur Bekämpfung der Epidemie herstellte.

Kirchnerismus Aus seiner politischen Nähe zu den Kirchners und auch zum derzeitigen Präsidenten Alberto Fernández macht Sigman kein Geheimnis. »Ich habe den Kirchnerismus unterstützt, als ich ein Sozialdemokrat war. Später habe ich mich distanziert«, sagte er der spanischen Zeitung »El País« im Jahr 2016. Mittlerweile scheinen sich beide Seiten wieder angenähert zu haben.

Vor der Ankündigung der Herstellung des neuen Impfstoffs sprach Präsident Fernández über Zoom mit Sigman. Dieser glaubt, »dass der Impfstoff zwischen April und Mai 2021 erhältlich sein könnte«. Er solle dann allen Menschen zugänglich sein, »zu einem erschwinglichen Preis und ohne Einschränkungen in alle Länder der Welt verteilt werden«.

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