Meinung

»Setz dich hin!«

Pressekonferenz am 16. Februar: Donald Trump bittet Reporter Jake Turx, seine Frage vorzutragen. Foto: dpa

Der denkwürdigste Moment in jener 77 Minuten währenden Solo-Pressekonferenz, die Donald Trump neulich gab, war, als er dem chassidischen Reporter Jake Turx, der für das Magazin »Ami« schreibt, mit barschen Worten befahl: »Sit down!« – Setz dich hin! Jene Pressekonferenz bestand aus mehr als einer Stunde Gestammel, Lügen, dreisten Lügen, wirrem Zeug und Beschimpfungen der Medien, wie man sie eigentlich von missgelaunten Autokraten, nicht aber von Präsidenten in liberalen Demokratien erwartet.

Frage Irgendwann bat Trump dann um eine »weiche«, eine freundliche Frage. Da erhob sich Jake Turx – Kippa, Bart, Brille – und sagte: »Ich bin ein Freund.« Er führte weiter aus: »Allem zum Trotz, was manche meiner Kollegen geschrieben haben, kenne ich niemanden aus meiner Gemeinschaft, der Sie oder irgendjemanden aus Ihrem Mitarbeiterstab beschuldigt, antisemitisch zu sein. Wir verstehen, dass Sie jüdische Enkelkinder haben, dass Sie ihr Sejde sind.« Dann kam Jake Turx auf jene 48 Drohungen mit Bombenanschlägen zu sprechen, die es in ganz Amerika allein im Januar gegeben hat. Und er sagte: »Was plant die Regierung, dagegen zu tun?«

Die Frage war so weich wie ein Mazzeball. Oder sagen wir es genauer: Es war die Art von Frage oder Bitte, wie sie Juden seit Jahrtausenden an Kaiser, Zaren, Erzbischöfe und Päpste gerichtet haben: »Der antisemitische Mob bedroht uns – könnten Sie uns vielleicht ein klein wenig beschützen, Eure Majestät?«

Trump hätte nun ganz einfach bei den Juden Amerikas punkten können. Er hätte lediglich sagen müssen: »Die amerikanische Regierung sieht diese Entwicklung mit großer Besorgnis. Antisemitismus ist völlig inakzeptabel. Wir werden alles tun, um die Täter zu ergreifen und streng zu bestrafen.«

Stattdessen sagte Donald Trump: »Setz dich hin!« Und dann begann ein minutenlanger Sermon, in dem Trump sich selbst bescheinigte, der »am wenigsten antisemitische Mensch« zu sein, wie er selbstverständlich auch »der am wenigsten rassistische Mensch auf der Welt« sei.

Missverständnis Jake Turx hat Donald Trump auf seinem Twitteraccount mittlerweile in Schutz genommen: Der Präsident, meinte er, habe seine Frage wohl irgendwie »missverstanden«.

Und Benjamin Netanjahu (dem gelegentlich jemand ausrichten sollte, dass die Stelle des Hofjuden bei Donald Trump schon besetzt ist, nämlich von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des Präsidenten), der israelische Premierminister also, behauptete in einer gemeinsamen Pressekonferenz, Trump sei »der beste Freund Israels«.

Aber Donald Trump hat die Frage von Jake Turx nicht missverstanden. Er hat sie sehr genau gehört. Und seine Antwort darauf lautete: »Setz dich hin!«

Rekapitulieren wir: Am Internationalen Tag des Holocaustgedenkens veröffentlichte Trumps Weißes Haus eine Erklärung, in der allgemein der Opfer gedacht wurde, das Wort »Jude« aber nicht vorkam. Als jüdische Organisationen in Amerika dagegen protestierten, reagierte Sean Spicer, Trumps Pressesprecher, darauf mit einer rotzfrechen Erklärung: Er sagte sinngemäß, man denke im Weißen Haus eben dermaßen multikulturell, dass man sich nicht exklusiv auf eine Gruppe von Opfern beschränken wolle.

Das war eine Ohrfeige. Sie war auch so gemeint. Jene rechten Juden, die gehofft hatten, unter Donald Trump werde sich die amerikanische Politik gegenüber Israel und dem Iran grundsätzlich ändern, müssen nun verblüfft zur Kenntnis nehmen, dass auch Trump den Siedlungsbau kritisiert – nur tut er das im Unterschied zu Obama vor laufenden Fernsehkameras, nicht durch die üblichen diplomatischen Kanäle.

Es gibt bisher auch kein Anzeichen, dass es für das iranische Regime Gründe gäbe, sich vor dieser neuen amerikanischen Regierung zu fürchten. Warum auch? Die Mullahs in Teheran sind de facto Bündnispartner von Putin; und Putin ist offenbar auf vielfältige und undurchsichtige Weise mit Trump und Co. verstrickt.

Was wird Donald Trump also tun, um der antisemitischen Gewalt Einhalt zu gebieten, die dieses Mal nicht von islamischen Fundamentalisten, sondern von weißen Rassisten ausgeht? Nichts. »Sit down.«

Purim Bald ist Purim. Die alte, märchenhafte Geschichte von der jüdischen Prinzessin am Königshof, die durch ihre Schönheit, List und Klugheit ihr Volk vor einem Genozid rettete, ist orientalisch bunt und blutig, sie ist lustig und schön. Aber Ivanka Trump ist keine Königin Esther. Und Jared Kushner ist kein Mordechai. Doch könnte sich Trumps wichtigster Berater und politischer Chefstratege Stephen Bannon als moderner Haman erweisen.

Wer wird die Juden vor ihm retten? Gewiss kein ehrerbietiger Hofknicks und auch kein Appell an Donald Trump. Sondern das freundschaftliche Bündnis mit anderen Minoritäten, die ebenfalls von diesem weißen Minderheitsregime bedroht sind: Mexikaner, Leute aus der Dominikanischen Republik, honduranische Kinder und jawohl: auch Muslime. Die sind nämlich nicht alle Judenfeinde. Und dass alle Menschen (auch sogenannte illegale Einwanderer) als Ebenbilder Gottes erschaffen wurden, steht schließlich nicht irgendwo, sondern in der Tora.

Der nächste jüdische Journalist aber, dem Donald Trump mit barscher Stimme »Sit down« befiehlt, sollte möglichst schnell auf den nächsten Tisch klettern und diesem arroganten Dummkopf stolz und frei die Stirn bieten.

Bonn/Berlin

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