Frankreich

Schtetl im Westen

Ein ganzes elsässisches Dorf sollte es einmal werden, als 1973 junge geschichtsbeflissene Architekturstudenten den Verein »Maisons Paysannes d’Alsace« gründeten. Sie fanden ein kleines Fachwerkhaus in dem Ort Kötzingen, das kurz davor stand, einzustürzen.

Die eifrigen Denkmalpfleger rissen die einstige Wohnstatt eines Tagelöhners ab und bauten sie am Rande von Ungersheim im Oberelsass Balken für Balken wieder auf. Die Zimmer wurden mit Möbeln, Geschirr und Arbeitsgeräten aus der Zeit um 1900 bestückt.

MUSEUMSDORF 1980 stand dieses erste Haus den Besuchern offen, der Grundstein für das Museumsdorf war gelegt. Seither sind mehr als 70 Gebäude mit ihren Inneneinrichtungen hinzugekommen. Nicht nur Wohnhäuser und Gehöfte stehen im »Écomusée d’Alsace«, sondern auch eine Schule, ein Bahnhof, ein Sägewerk mit Mühle, eine Töpferwerkstatt, sogar eine echte Kapelle – ein ganzes elsässisches Dorf aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts also?

Nein, fehlte doch noch ein bauliches Zeugnis eines wichtigen Mitglieds der dörflichen Gemeinschaften jener Zeit. Denn zu einem richtigen elsässischen Dorf gehört immer auch ein »jüdisches Haus«. Im Museumsdorf gab es Häuser, in denen die Einrichtungen typisch katholischer und protestantischer Haushalte zu sehen sind, aber noch keines, das von Juden bewohnt war. Vor einigen Monaten wurde diese Leerstelle endlich gefüllt.

1980 stand dieses erste Haus den Besuchern offen, der Grundstein für das Museumsdorf war gelegt.

Wieder war es ein Haus, das vor dem Abriss gerettet werden konnte. Es stand in Rixheim, einem Ort östlich von Mulhouse. Um die Jahrhundertwende stellten Juden gut 15 Prozent seiner damals 3300 Einwohner. Als man 2005 begann, das kleine Fachwerkhaus behutsam abzutragen, fand sich auf dem Boden ein Louis d’or, die Münze der Könige von Frankreich, und in einen Dachziegel war das Jahr 1797 eingraviert.

Nun war klar: Das Haus wurde Ende des 18. Jahrhunderts gebaut. Es waren die ersten Jahre nach der Revolution, als die jüdischen Gemeinden in Frankreich einen Aufschwung erlebten. 1791 beschloss die Assemblée nationale, dass die meisten bürgerlichen Rechte ab sofort auch für Juden galten, vor allem die Freiheit der Niederlassung und Berufsausübung. Die Abschaffung der Sondersteuern löste zudem eine wirtschaftliche Befreiung aus, die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte das Goldene Zeitalter für das ländliche Judentum im Elsass werden. Und immerhin stellten die elsässischen Juden die Hälfte aller Juden, die damals in Frankreich lebten.

LEIBZOLL Das erste Zeugnis jüdischer Präsenz im Elsass stammt aus dem 9. Jahrhundert: eine hebräische Inschrift, die auf Spender für eine Synagoge verweist. Ein bedeutender Zuzug erfolgte Ende des 12. Jahrhunderts, als viele französische Juden nach ihrer Ausweisung aus dem Königreich Zuflucht östlich des Vogesenkamms im Rheintal suchten. In den Städten wurden Juden auch dort nicht geduldet, in Dörfern fanden sie gegen Zahlung des »Juden-Leibzolls« Aufnahme. Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Handel mit Vieh und Gebrauchswaren.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Elsass schließlich französisch, das geschundene Land sollte wirtschaftlich wiederbelebt werden, auch deshalb wurden nun die Eigentumsrechte der Juden gestärkt. Erste Einwohnerregister zeigten, wie sich die Gemeinden entwickelten: Waren 1689 noch rund 2600 Juden im Elsass registriert, sind es 1766 schon 12.600.

Über ihre soziale Stellung gibt eine Analyse der Aufzeichnungen der jüdischen Hochzeiten Auskunft: Für mehr als die Hälfte der Eheschließungen brauchten die Familien die Hilfe der Gemeinde, um eine angemessene Feier ausrichten zu können. Eine knappe Hälfte konnte sie selbst bezahlen, und vier Prozent wiederum galten als so reich, dass sie die Bedürftigen unterstützen konnten.

Vor 200 Jahren lebte die Hälfte aller französischen Juden im Elsass.

Die Revolution brachte für die Juden trotz einiger Übergriffe vor allem Rechte und Anerkennung, was für den Zuwachs der Gemeinden sorgte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in einigen Orten, wie etwa in Durmenach im Sundgau, mehr jüdische als christliche Haushalte gezählt. Allerdings begann nun auch die Abwanderung in die Städte, besonders nach Pogromen während der Revolution 1848, bei denen in etlichen Dörfern die Wohnhäuser von Juden in Flammen aufgingen.

ABWANDERUNG Der Niedergang des Landjudentums wurde schließlich 1871 mit der Eingliederung des Elsass ins Deutsche Reich eingeläutet. Überdurchschnittlich viele Juden verließen damals aus Loyalität zu Frankreich das Elsass, einige Dörfer verloren die Hälfte ihrer jüdischen Einwohner. Nun erlebten die urbanen Gemeinden einen Zustrom aus dem Reich und aus Russland, und das jüdische Leben im Elsass verlagerte sich mehr und mehr in die aufstrebende Metropole Straßburg.

Das »jüdische Haus« im Museumsdorf zeigt das typische Mobiliar einer ländlichen Familie aus den 1920er-Jahren und dazu die wichtigen Details: Mesusot, Schabbatkerzen, zwei Geschirrsets in der Küche für Fleisch und Milchprodukte, eine Chanukkia, Siddur, Tefillin und Tallit. Sowohl das tägliche Leben als auch die Traditionen werden präsentiert, und durch abrufbare Tonaufnahmen von Zeitzeugen lebt der elsässisch-westjiddische Dialekt wieder auf.

Das Consistoire Israélite du Bas- et du Haut-Rhin sowie Experten des jüdisch-elsässischen Museums von Bouxwiller unterstützen das Écomusée dabei, sodass dessen Direktor, Jacques Rumpler, bei der Eröffnung sagen konnte: »Endlich haben wir diese Erinnerungslücke geschlossen.«

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