Schweiz

Schnittiger Typ

Mordechai Tzwi Solomon ist viel unterwegs. Kürzlich war der 29-Jährige für einen Schabbat in Moskau, hängte ein paar Tage in Warschau dran, geplant waren auch noch Minsk und Riga – je nachdem, wie die »Auftragslage« ist und ob es nicht auch ganz kurzfristig noch eine Anfrage gibt. Der schmale junge Mann baut aber nicht etwa eine neue Fastfood-Kette auf, trainiert Geschäftsleiter oder übt sonst eine Berufsgattung aus, die viel Reisen erfordert. Nein, er ist Mohel.

Kommunismus Solomon führt die Brit Mila, die religiöse Beschneidung, durch. Das geschieht bei männlichen Neugeborenen gemäß der Halacha am achten Tag, sofern es der gesundheitliche Zustand des Babys zulässt. Solomon beschneidet aber auch Erwachsene. »Eine sehr kleine Minderheit unter den jüdischen Männern in Osteuropa ist beschnitten«, sagt er. Dies sei auf das kommunistische Regime vor 1989 zurückzuführen, so Solomon. Inzwischen nehme die Bereitschaft, sich dem doch nicht ganz unkomplizierten kleinen medizinischen Eingriff zu unterwerfen, deutlich zu. Obligatorisch ist die Brit Mila für Männer, die zum Judentum übertreten – auch da ist Solomon zur Stelle.

In Osteuropa bewegt sich der Mohel im Übrigen problemlos – auch wegen seiner guten Sprachkenntnisse. Solomon ist zwar in New York geboren und aufgewachsen, doch er spricht fließend Russisch und auch etwas Polnisch. Das öffnet ihm die Türen im Osten Europas weit.

Seine Familie stammt von dort. Die alte Heimat hatte es ihm von Kindesbeinen an angetan. So führte ihn seine erste große Reise im Alter von 16 Jahren dann auch ins ehemalige Sowjetreich. In Moskau traf er dann auch den Mann, der für seine berufliche Zukunft sehr wichtig wurde: Chaim Rubin, ein Mohel, der vor allem Erwachsene beschneidet und in entsprechenden Fachkreisen für seine Methode bekannt ist. »Ich durfte ihm assistieren und wurde so immer stärker in dieses Metier hineingezogen«, sagt Solomon rückblickend.

Als 17-Jähriger habe er dann selbst eine Brit Mila durchgeführt. »Chaim Rubin stand mir da zur Seite.« Bei seinem ersten Beschnittenen habe es sich um einen 52-jährigen Mann gehandelt, mit dem er bis heute in Kontakt stehe, so Solomon. Es sei für ihn von vornherein klar gewesen, dass er seine erste Brit an einem Erwachsenen durchführen würde. »Es ist viel einfacher als bei einem Neugeborenen.« Wie man Babys beschneidet, lernte er später in Israel. Auch dort durfte er zuerst einem älteren Mohel, der bis zu vier Beschneidungen pro Tag durchführte, assistieren.

Chirurgie Mordechai Solomon ist ein sehr religiöser Mensch – das sieht man schon an seinem Äußeren. Im Gespräch betont er aber auch: »Mein Interesse an der Brit Mila kommt nicht zuletzt von der medizinischen Seite her.« Sein Berufswunsch war es eigentlich, Arzt zu werden, Chirurg. Das habe sich aber aus verschiedenen Gründen nicht verwirklichen lassen, sagt er.

»Ich lese viele medizinische Bücher, mache eigene Forschungen und bilde mich laufend weiter« – gerade, was die Blutstillung nach dem Schnitt angehe. Nicht zuletzt deshalb fährt der junge Mann jedes Jahr zur großen Medizin-Messe nach Düsseldorf, um sich dort zu informieren und mit Fachleuten zu sprechen.

Solche Reisen, aber vor allem auch die aufwendige Ausrüstung, die ein Mohel braucht, kosten natürlich viel Geld. Das ist kein ganz unwichtiges Stichwort für den jungen Familienvater, der mit seiner aus Russland stammenden Frau einen Sohn hat. Das Honorar für einen Mohel ist nicht von vornherein festgelegt – vor allem nicht in Osteuropa.

Bezahlung »Was meine Bezahlung betrifft, erlebe ich so ziemlich alles«, sagt Solomon. Mal gebe es großzügige Einladungen bei reichen Leuten, die ihn auch bei sich wohnen lassen, mal zahle man ihm ein faires Honorar, aber es komme auch vor, dass er ganz ohne Bezahlung arbeitet. »Manche Menschen in osteuropäischen Ländern haben das Geld dafür nicht.« Hinzu käme dort aber auch eine ganz spezielle Mentalität. »Gerade die Älteren haben noch aus der Zeit des Sozialismus das Gefühl, für solche Dienstleistungen käme der Staat auf« – eine Haltung, die sie an die Kinder weitergegeben hätten und mit der er eben heute oft konfrontiert sei.

Kein Honorar ist für Mordechai Solomon aber bisher nie ein Grund gewesen, eine Brit Mila nicht durchzuführen. Auf seinen Reisen lebt er bescheiden: Er übernachtet oft privat bei Freunden und isst manchmal einige Tage lang nur Früchte, Joghurt oder Brot, falls es ihn an Orte verschlagen hat, wo koschere Lebensmittel nicht zu kaufen sind.

Man kann Solomon einen leidenschaftlichen Mohel nennen. »Ich führe dieses religiöse Gebot, das die Tora vorschreibt, bei allen Männern durch, die dazu bereit sind – seien sie religiös oder nicht.« Wichtig sei ihm die Genauigkeit – und die Schönheit. Ein Wort, das man im Zusammenhang mit einer Beschneidung nicht unbedingt erwarten würde. »Das Zunähen muss ganz genau erfolgen – und soll auch ästhetisch aussehen«, sagt der junge Mohel.

Trotz dieser Passion für einen Vorgang, den viele lieber mit geschlossenen als mit offenen Augen erleben, hat der Amerikaner noch ein weiteres Standbein: Er studiert in Basel an der Fachhochschule Nordwestschweiz Life Sciences.

Ob er weiter dort bleiben und arbeiten kann, hängt davon ab, ob es ihm gelingt, aufgrund seiner Vorfahren einen polnischen Pass zu bekommen. Die Formalitäten hat er inzwischen erledigt. Als polnischer Staatsbürger könnte er dank der Verträge zwischen der Schweiz und der EU im Land bleiben. Problemlos integriert hat er sich bereits ins jüdische Basel – und er spricht schon ganz passabel Schwyzerdütsch.

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