Österreich

Scham, Schuld, Schmerz

Um des lieben Frieden willen schweigen viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Foto: imago

Aufrütteln, enttabuisieren, darüber reden: Das wollen die Organisatoren der Kampagne »Schalom Bait – Leben ohne Gewalt in der Familie«. Seit fast 16 Jahren gibt es in Wien das psychosoziale Zentrum ESRA, seitdem sei man auch immer wieder mit Gewalt in Familien konfrontiert, erzählt Gerda Netopil, Leiterin des Bereichs »Soziale Arbeit« bei ESRA. Konkrete Zahlen will sie nicht nennen, betont aber: »Es ist ein Thema.« Aus Studien wisse man, dass Gewalt in allen sozialen Schichten, in jedem Alter, weltweit und unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit vorkomme.

Wichtig ist es, nicht wegzuschauen, darüber zu reden, das Thema öffentlich zu machen, betont Psychotherapeutin Berta Pixner, Vorsitzende der Frauenkommission in der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien. »Ja, es ist ein Thema, das nicht angenehm ist. Aber es ist wichtig, dass wir wegkommen von Scham und Schuld.« Nun will man jenen Hilfe anbieten, die sich schwertun, die bereits bestehenden Angebote von ESRA (Beratung in sozialen und rechtlichen Fragen, psychosoziale Diagnostik, Sozialarbeit, Psychotherapie) anzunehmen.

Mit einer anonymen Telefonberatung, bei der »Frauen mit Frauen sprechen«, so Netopil, reiche man jenen Betroffenen die Hand, die Angst haben, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, wenn sie zugeben, dass es in ihrer Familie ein Problem gibt. Internationale Studien kommen zu dem Schluss, dass jede dritte bis fünfte Frau in ihrem Leben einmal von Gewalt in der Familie betroffen ist. Untersuchungen zur Situation in jüdischen Familien gebe es bislang nur in den USA, betont Netopil. Deren Tenor laute: Gewalt finde hier ebenso statt, nur: »Frauen aus religiösen Familien warten noch viel länger, bis sie um Hilfe bitten.« Warum das so sei? »Weil das Bild der jüdischen Familie so stark ist«, sagt Netopil.

heile familie Dieses Bild strahlt auch nach außen. »Vor einiger Zeit hat mich ein Mann angerufen und mir gesagt, in seiner Ehe gibt es Probleme«, erzählte der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg bei der Auftaktveranstaltung von Schalom Bait vor wenigen Wochen. Der Familienname habe ihm nicht vertraut geklungen, und so fragte Eisenberg, ob der Betroffene Mitglied der IKG sei. Der Mann verneinte und sagte, er sei Katholik. »Aber warum wenden Sie sich nicht an einen Pfarrer«, hätte Eisenberg ihn gefragt. Der Mann habe geantwortet: »Der versteht ja nichts von Ehe.«

An Rabbiner wenden sich immer wieder Paare, wenn es Probleme gibt, »und hier und da gibt es auch Scheidungen«, so Eisenberg. »Aber es ist natürlich die Aufgabe des Rabbiners, zu versuchen, eine Scheidung zu vermeiden und auf Schlom Bait hinzuarbeiten. Wenn man aber weiß, dass es Gewalt in dieser Familie gibt, dann wäre es eine Übertreibung, auf Schlom Bait hinzuarbeiten. Dann muss man helfen.«
In Israel gebe es schon seit Längerem ähnliche Initiativen, so der Oberrabbiner, dessen Frau Annette Eisenberg die Kampagne in Wien ins Rollen brachte. Im Gemeindezentrum trug der Rabbiner einen Text aus einer Broschüre vor, die sich vor allem an religiöse Frauen in Israel wendet: »Ich darf«, so der übersetzte Titel des Beitrags, der Frauen vor Augen führt, was okay ist, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. »Ich darf fordern, dass man mich ehrenvoll (mit Kavod) behandelt«, heißt es da etwa, oder »Es ist mir erlaubt, nicht zu schweigen« und »Ich darf um Hilfe bitten, ich darf Hilfe annehmen.«

soziale not Hilfe annehmen: Die Initiatoren hoffen, dass möglichst viele Betroffene dies beizeiten tun. Um tatsächlich alle potenziellen Gewaltopfer zu erreichen, wurden Informationen zu der Initiative in der Gemeindezeitung auch in russischer Sprache abgedruckt. Natürlich verstärke finanzieller Druck und eine soziale Notlage Gewalt in der Familie, gibt Netopil zu bedenken. »Und auch Migration ist ein Faktor, der belastend ist.«

Hilfe annehmen, das heißt auch, sich und seine Kinder vor Folgeschäden zu schützen. Denn, so David Vyssoki, ärztlicher Leiter von ESRA: »Gewalt macht krank.« Posttraumatisches Belastungssyndrom bis hin zur komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, Angst- und Schlafstörungen, Depressionen bis hin zur Suizidgefährdung, chronische Schmerzen, Ess- störungen wie Bulimie und Anorexie: So könne sich Gewalt auswirken, gegen die man sich nicht wehrt. Bei Kindern hat Gewalt fatale Auswirkungen auf die Entwicklung. Auch deshalb sollten sich Frauen möglichst rasch Hilfe holen. »Gewalthandlung – Entschuldigung und Verzeihen – Spannung und Konflikt – Gewalthandlung«, skizziert Vyssoki den üblichen Kreislauf. »Diesen Kreislauf muss man durchbrechen.« Doch dazu braucht man Hilfe von außen.

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