Polen

»Schädlicher Verleumder«

Jan Tomasz Gross (68) Foto: imago

Polen

»Schädlicher Verleumder«

40.000 Bürger fordern in einer Petition, dem Holocaustforscher Jan Gross das Verdienstkreuz abzuerkennen

von Gabriele Lesser  15.02.2016 19:06 Uhr

Verräter oder Patriot?» Immer wieder muss sich Jan Tomasz Gross, polnisch-jüdischer Geschichtsprofessor an der renommierten Princeton University, diese Frage stellen lassen. Er selbst sieht sich als polnischer Patriot, wie er nicht müde wird zu versichern. Mit seinen zahlreichen Büchern zur deutschen und sowjetischen Okkupation Polens 1939 bis 1945, dem Holocaust und den von Polen verübten Pogromen an ihren jüdischen Nachbarn regte Gross eine intensive und bis heute andauernde Geschichtsdebatte an. Sie brachte ihm aber – neben großem Ansehen – auch viele Feinde ein, die nun von Polens rechtsnationalem Präsidenten Andrzej Duda fordern, Gross das 1996 verliehene Kavalierskreuz für besondere Verdienste wieder abzuerkennen.

Die Petition der Stiftung «Festung für den guten Ruf Polens – Polnische Antidiffamierungsliga» steht noch immer online im Internet. Seit Oktober 2015 setzten mehr als 40.000 Menschen ihren Namen unter Sätze wie «Jan Tomasz Gross ist ein ungewöhnlich schädlicher Verleumder, der unter dem Schein wissenschaftlicher Arbeit eine gegen Polen gerichtete Diffamierungs- und Beleidigungsaktion durchführt».

fehlschlüsse Auch wenn die Motive des Princeton-Professors unbekannt seien, schreibt Maciej Swirski, Vorsitzender der polnischen Antidiffamierungsliga und Autor der Petition, so sei «die hasserfüllte Publizistik von Gross auf keinen Fall wissenschaftliche Arbeit». Darauf hätten schon öfter polnische Historiker aufmerksam gemacht, ebenso wie auch auf «grobe methodologische Fehler und Überinterpretationen von Fakten, die dann zu Fehlschlüssen und sogar Fälschungen führten».

Die Sätze beziehen sich in erster Linie auf das im Jahr 2001 erschienene Buch Nachbarn, in dem Gross sehr eindrücklich schilderte, wie katholische Polen im nordostpolnischen Dorf Jedwabne 1941 auf Anstiftung von deutschen SS-Männern ihre jüdischen Nachbarn ermordeten und dann deren Eigentum untereinander aufteilten. Mit diesem historischen Essay zerstörte Gross den polnischen Geschichtsmythos von den «Helden und Opfern der Geschichte», als die sich viele Polen bis dahin gesehen hatten.

Später ergaben weitere Forschungen, dass Polen während des Zweiten Weltkriegs in knapp 70 weiteren Orten Pogrome verübt hatten – mit und ohne Anstiftung durch die Nazis. Wie viele Juden dabei ums Leben kamen, kann zurzeit nur geschätzt werden. Keiner der Historiker behauptet, dass Polen dadurch eine Mitschuld an der Schoa trage, auch Jan Tomasz Gross nicht, doch die Frage der Kollaboration mit den Nazis stellte sich neu.

Vergangenes Jahr publizierte «Die Welt» einen Artikel von Gross. Angesichts der Flüchtlingskrise hinterfragte er die «europäischen Werte» Polens, Ungarns und der Slowakei. Obwohl sie selbst über Jahrhunderte auf der Suche nach einem besseren Leben zu Hunderttausenden emigriert waren, verweigerten sie jetzt den Kriegsflüchtlingen «herzlos und kaltschnäuzig» jede Solidarität. Gross führte das Verweigern der Hilfe auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück: «Die Polen beispielsweise waren zwar zu Recht stolz auf den Widerstand ihrer Gesellschaft gegen die Nazis, haben aber tatsächlich während des Krieges mehr Juden als Deutsche getötet.»

kritik Dieser Satz brachte Gross viel Kritik ein, da die hohe Zahl der Pogrome zwar den Holocaustforschern bekannt war, die meisten Polen aber immer noch auf dem Stand des einen Pogroms von 1941 – Jedwabne – waren. Andere warfen Gross vor, er ziehe eine falsche Linie – vom fehlenden Mitgefühl für die Juden als Hauptopfer der Nazis zur aktuellen Solidaritätsverweigerung für die Kriegsflüchtlinge.

Noch während des Wahlkampfs im Mai 2015 hatte Andrzej Duda den damals amtierenden Präsidenten Bronislaw Komorowski scharf für dessen Haltung zur Aufarbeitung der Vergangenheit kritisiert. Sie habe sich schlecht «auf den guten Namen Polens» ausgewirkt. Jetzt muss Duda selbst entscheiden, auf wessen Seite er sich schlägt: Ist dem «guten Namen Polens» eher durch eine intensive Geschichtsaufarbeitung gedient oder durch Forschungsverbote, eine Wissenschaftszensur und die Aberkennung eines Verdienstordens für den streitbaren und diskutierfreudigen Historiker Jan Tomasz Gross?

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