Tschechien

»Sag den Jungs, dass ich noch spiele«

Für dieses Fußballspiel sind sie eigens ein paar Tausend Kilometer aus den USA angereist. Jetzt steht man hier auf dem Sportplatz zwischen Plattenbauten am Prager Stadtrand. Ein Freundschaftsspiel ist es, und die Nachfahren des einstigen Fußball-Superstars treten geschlossen an: zwei seiner Enkel, selbst schon um die 70 Jahre alt, ein Urenkel sowie zwei Urenkelinnen. Sie sind vermutlich nervöser, als Pavel Mahrer, der vor einem Jahrhundert sogar bei den Olympischen Spielen mit von der Partie war, es je war, und sie tun es, um an ihren Vorfahren zu erinnern. »Das erste Mal seit 90 Jahren«, erklärt Thomas Oellermann, »führt ein Mahrer unseren DFC als Kapitän aufs Feld!«

Der DFC ist eine Legende unter den Sportvereinen: »Deutscher Fußball-Club« heißt er ausgeschrieben. In den Jahren zwischen den Weltkriegen gehörte er zu den erfolgreichsten Vereinen in der damaligen Tschechoslowakei; die meisten seiner Spieler waren deutschsprachige Juden – so wie Pavel Mahrer.

Oellermann selbst gehört zu einer Gruppe von Enthusiasten, die den Verein vor ein paar Jahren wiederbelebt haben, nachdem er von den Nazis Ende der 30er-Jahre aufgelöst worden war. Er ist Historiker und Fußballfan, und im DFC bringt er beide Leidenschaften zusammen. Seit Jahren schon ist Oellermann mit der Familie Mahrer, die in den USA lebt, in Kontakt, und das Freundschaftsspiel hier auf dem Prager Boden hat er über viele Monate hinweg eingefädelt – symbolträchtig zum Beginn der Fußball-Europameisterschaft.

Denkbar unwahrscheinliches Happy End

Dass die Geschichte von Pavel Mahrer ein solches Happy End haben würde, war zu dessen Lebzeiten denkbar unwahrscheinlich. Im Jahr 1900 wurde Mahrer als Sohn einer deutschsprachigen jüdischen Familie im böhmischen Ort Teplice geboren. Er sollte für die besten Teams seiner Zeit spielen und etliche Male für die Nationalmannschaft antreten – bis die Deutschen in die Tschechoslowakei einmarschierten. Pavel Mahrer wurde nach Theresienstadt deportiert und gründete sogar dort eine Fußballmannschaft. Seine beiden Brüder wurden in Auschwitz ermordet. Pavel überlebte zusammen mit seiner Frau und den beiden jungen Söhnen. Nach dem Krieg begannen sie in den USA ein neues Leben.

Für seine Nachfahren ist die Reise nach Prag eine Spurensuche: Thomas und Alec sind zwei Enkel, mit dabei sind auch die Urenkel Adam und Zev sowie die Urenkelin Dani. Sie nennen ihren Vorfahren in breitem Amerikanisch Paul – die englische Version des tschechischen Namens Pavel nahm er nach der Emigration an. »Paul hat von uns allen erwartet, dass wir auch Fußball spielen«, berichten die Mahrers – aber zu einer Profikarriere habe es bei keinem von ihnen gereicht. Dafür zeigte aber Großvater Pavel selbst im hohen Alter noch kleine Kunststücke, balancierte den Ball minutenlang auf seinem Fuß. »Der Fußball ist für uns ein Symbol dafür, dass unsere ganze Familie überlebt hat«, sagt Thomas Mahrer.

Er stieg zum Nationalspieler auf und nahm an den Olympischen Sommerspielen teil.

Mit einer Demonstration seiner Ballfertigkeit begann die Karriere von Pavel Mahrer. Im Ersten Weltkrieg geriet er als 17-Jähriger in britische Gefangenschaft. Dort wollten die Engländer eine Fußballmannschaft gründen. »Die Auswahl der Spieler lief so, dass sie jedem einen Ball vor die Brust geworfen haben«, so erzählt man es sich in der Familie Mahrer bis heute. »Und unser Großvater hat ihn mit der Brust gestoppt, sich aufs Knie vorgelegt und von da aus auf den Fuß und dann ein bisschen mit dem Ball balanciert. Und die Engländer sagten: Du bist in der Mannschaft!«

Es war der Beginn einer großen Karriere: Nach dem Krieg spielte Pavel Mahrer zuerst für die Elf in Teplice; damals war das ein Spitzenteam. Monatelang ging er mit der Mannschaft auf eine Reise durch Südamerika, was damals ein gewaltiges Abenteuer war. Anschließend wechselte er nach Prag in den Deutschen Fußball-Club DFC, mit dem er mehrfach Meister des Deutsch-Böhmischen Fußballverbands wurde. Er stieg zum Nationalspieler auf, nahm an den Olympischen Sommerspielen 1924 in Paris teil und wechselte daraufhin für ein paar Jahre nach New York, wo damals im Fußball die besseren Gehälter gezahlt wurden – eine sensationelle Karriere in jenen Anfangsjahren des Profifußballs. In der Wirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg endeten die Wunderjahre allerdings, die Fußballvereine hatten kein Geld mehr. Pavel Mahrer musste mit seiner Familie zurückkehren in die Tschechoslowakei.

Seine Nachfahren haben einen Pappkarton im Gepäck, in den sie sorgsam ein historisches Trikot eingepackt haben: Viele Jahrzehnte lang lag es in New York in einem Schrank, wohl verwahrt. Rot-weiß gestreift, auf der Brust die markante Flagge der Tschechoslowakei. »Damit ist Opa vor genau 100 Jahren bei den Olympischen Spielen angetreten«, erklärt Alec Mahrer mit Stolz in der Stimme. Die Olympischen Sommerspiele 1924, lange vor dem Zweiten Weltkrieg, waren einer der Höhepunkte in Pavel Mahrers Karriere.

Als Favorit fuhr das tschechoslowakische Team damals nach Paris, sagt Zdenek Skoda, der Vizepräsident der tschechischen Olympia-Akademie. Sie hätten sich dann aber auf diesen Lorbeeren ausgeruht, nicht ausreichend gekämpft – und so scheiterte die Mannschaft damals bereits im Achtelfinale. Das Trikot von Pavel Mahrer, das Mitarbeiter des Prager Nationalmuseums nun mit weißen Handschuhen vorsichtig aus der Packung ausgewickelt haben, wird in einer großen Ausstellung über die tschechische Olympia-Geschichte zu sehen sein – »als ältestes Textil-Artefakt, das wir in der Sammlung haben«, wie es seitens des Nationalmuseums heißt.

Superstar der damaligen Fußballwelt

Pavel Mahrers Enkel und Urenkel fahren in Tschechien an all jene Orte, an denen der berühmte Fußballspieler unterwegs war: in seine alte Heimatstadt Teplice ebenso wie auf den jüdischen Friedhof in Prag, wo viele von Pavel Mahrers Weggefährten beerdigt sind. Und natürlich nach Theresienstadt. Dort, im einstigen KZ und jüdischen Ghetto, war auch Pavel Mahrer interniert – er, der Superstar der damaligen Fußballwelt.

»Wir haben jede Menge Briefe und Postkarten aus jener Zeit«, erzählen seine amerikanischen Nachfahren. Auf einer von ihnen notierte der inhaftierte Pavel Mahrer eine Durchhaltebotschaft an Freunde und Familie. »Sag den Jungs, dass ich immer noch Fußball spiele«, schrieb er aus Theresienstadt.

Einer der Höhepunkte auf der Pragreise seiner Familie – 100 Jahre nach der Olympia-Teilnahme von Pavel – war das Fußballspiel. Der Gegner war ungleich: ein Verein der deutschen Minderheit in Prag, der turniererfahren ist und bestens im Training steht. Die Mahrers hingegen hatten keine Zeit, um sich sportlich vorzubereiten, ihre Mannschaft umfasste junge Spieler und ältere, Männer und Frauen. Am Ende unterlagen sie haushoch mit 25 zu 2. Aber sie strahlten nach dem Abpfiff und lagen sich in den Armen. Die Mahrers sind zurück auf dem Fußballplatz, zurück in Prag – zumindest für dieses eine denkwürdige Jubiläumsspiel.

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