Mauritius

Rettende Insel

Mauritius, eine Insel im Nirgendwo östlich von Madagaskar, ist in Europa fast ausschließlich als Urlaubsziel bekannt. Nur wenige wissen von den jüdischen Flüchtlingen, die dort zwischen 1940 bis 1945 unter menschlichen Bedingungen überleben konnten. Auch die Mauritier kennen, wenn überhaupt, dann durch das Buch Der Mauritius-Schekel von Geneviève Pitot, dieses Schicksal, das die Insel in ein sehr positives Licht stellt.

Pitot wurde auf Mauritius geboren und erfuhr erst bei einem Aufenthalt in Frankfurt vom Holocaust. Da sie sich an die jüdischen Flüchtlinge erinnern konnte, schrieb sie dieses Buch, um die Welt darauf aufmerksam zu machen.

ausflugsschiffe Die wahrscheinlich letzten Juden, die dem Einzugsgebiet der Nazis entkamen, fuhren auf vier Ausflugsschiffen die Donau hinunter bis zum Schwarzen Meer. Sie waren eng zusammengepfercht und mussten mit sehr wenig Essen auskommen – insgesamt 6000 Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich, Danzig und der Tschechoslowakei.

Angesichts der Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt kein Land bereit war, jüdische Flüchtlinge in größerer Zahl aufzunehmen, war die illegale Einwanderung nach Palästina der einzige Weg zu überleben.

Erstes Etappenziel war der rumänische Schwarzmeerhafen Tulcea. Die Fahrt erfolgte unter der Naziflagge. Nazideutschland versprach sich durch die verstärkte jüdische Abwanderung nach Palästina auch die Destabilisierung des Nahen Ostens und damit eine Schwächung Englands.

In Tulcea stiegen die Flüchtlinge auf alte, aber hochseetüchtige Frachtschiffe und gelangten nach langer Irrfahrt durch die Ägäis nach Haifa.

Doch in Palästina angekommen, wollte die englische Besatzungsmacht an den Flüchtlingen ein Exempel statuieren, um weitere illegale Einwanderer abzuschrecken. Die Briten fragten in Mauritius an, ob die Flüchtlinge nicht dort aufgenommen werden könnten. Die Antwort war positiv.

Premierminister Winston Churchill erfuhr erst spät davon. Seine Entscheidung trug sehr dazu bei, dass der Aufenthalt auf Mauritius erträglich wurde. Churchill schrieb, dass er die Verschiffung von 1580 Flüchtlingen nach Mauritius billige, aber alle müssten unter menschlichen Bedingungen interniert werden.

Sprengstoff Im Hafen von Haifa lag der Truppentransporter »Patria«, um die illegalen Einwanderer nach Mauritius zu deportieren. Die Hagana wollte das verhindern und die »Patria« nur leicht beschädigen. Doch sie setzten zu viel Sprengstoff ein – die »Patria« sank, und 260 jüdische Flüchtlinge kamen ums Leben. 1580 weitere jüdische Flüchtlinge wurden daraufhin mit zwei Booten unverzüglich nach Mauritius geschickt.

Im Dezember 1940 trafen die Flüchtlinge auf der Insel ein und wurden bis Kriegsende im Gefängnis von Beau Bassin interniert. Doch um der Bitte Churchills weitestgehend zu entsprechen, tat der Gefängniskommandant alles, um ihnen den erzwungenen Aufenthalt möglichst erträglich zu machen.

Die Blöcke A und B mit 340 Zellen wurden das Männerlager. Man schloss die Türen nicht ab und ermöglichte dadurch ein gewisses Privatleben. Die männlichen Flüchtlinge errichteten direkt nach ihrer Ankunft zwei Synagogen: eine liberale und eine orthodoxe. Das Frauenlager bestand aus großen Schlafräumen in 30 Wellblechhütten und war von allem abgeschirmt.

Erst im Januar 1942 beschäftigte sich das britische Parlament mit diesem Fall und entschied, dass Voraussetzungen geschaffen werden müssten, damit Ehepaare zusammenleben könnten. Verhandlungen mit den Lagerkommandanten ergaben, dass verheiratete Frauen ihre Männer täglich von neun bis 21 Uhr besuchen durften. So konnte sich für viele allmählich wieder eine Art normales Familienleben entwickeln.

Die sanitären Einrichtungen im Camp waren relativ gut, und es gab ein Lagerkrankenhaus. Dort arbeiteten auch Ärzte und Pfleger, die selbst Flüchtlinge waren. Bereits im Januar 1941 hatte man eine Chewra Kadischa, eine Beerdigungsbruderschaft, gegründet und einen jüdischen Friedhof eingerichtet. Die mühsame Überfahrt in vollkommen überfüllten Schiffen hatte dazu geführt, dass im Lager eine Typhusepidemie ausgebrochen und etliche Menschen gestorben waren.

Damit der Selbstwert der Flüchtlinge nicht allzu sehr litt, sorgte die Kommandantur dafür, dass landwirtschaftliche Nutzflächen ausgewiesen wurden, die die Flüchtlinge bearbeiten durften, um sich Geld zu verdienen. Außerdem gestattete man ihnen, in Werkstätten Schuster- und andere Arbeiten auszuführen. Viele Flüchtlinge fanden auch Beschäftigung in der Industrie. Die Männer produzierten Möbel, Spielzeug oder Pinsel. Die Frauen stellten Gürtel her, Miederwaren, Taschen und Handtaschen.

Ab 1943 gab es im Camp auch eine Autowerkstatt und eine Tischlerei, die Aufträge für die britische Armee ausführten. Aus dem Erlös konnten sich die Flüchtlinge nicht nur zusätzliche Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, sondern es war auch eine gute Möglichkeit, die Zeit nützlich zu verbringen und sich Fähigkeiten anzueignen, die eines Tages in Palästina gut gebraucht werden könnten.

palästina Nach Kriegsende reisten die meisten Flüchtlinge auf direktem Weg nach Palästina. Im Juni 1945 wurden sie befreit, und am 12. August machten sich 1300 Flüchtlinge mit dem Schiff »Franconia« auf den Weg nach Haifa. Nur wenige wollten zurück in ihre Heimatländer.

Mauritius hat sich durch die sehr humane Behandlung dieser Menschen einen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern verdient. Die jüdischen Flüchtlinge konnten sich innerhalb der Mauern bewegen und tageweise das Gefängnis sogar verlassen. Und auch, wenn sie nicht frei waren – denn laut Definition des englischen Mandats stufte man sie als »Illegal Aliens« ein –, konnten sie doch bis zum Ende des Krieges ihr Judentum praktizieren.

Wer heute einen Blick auf das liberale, freie und demokratische Leben auf Mauritius wirft, dem fällt auf, dass Angehörige aller möglichen Religionen und ethnischen Abstammungen friedlich zusammenleben und die Zukunft gemeinsam gestalten.

An die Zeit der Flüchtlinge erinnert bis heute ein jüdischer Friedhof in Saint Martin mit 126 Gräbern. Daneben wurde 2014 ein Museum eröffnet. Und seit zehn Jahren gibt es auf Mauritius sogar wieder eine Synagoge – für die kleine jüdische Gemeinde ihren rund 40 Mitgliedern.

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