Tagung

Reise nach Jerusalem

Israels Premier Benjamin Netanjahu bei der Eröffnung des Kongresses in Jerusalem Foto: Flash 90

Wahre Zionisten lassen sich nicht so schnell davon abbringen, nach Jerusalem zu kommen – auch nicht von einer Terrorwelle, die derzeit über Israel schwappt. Und so trafen sich in dieser Woche mehr als 1700 Zionisten im Zentrum Binjanei Ha’uma in der Hauptstadt zum 37. Zionistischen Weltkongress. Unter dem Motto »Non-Stop Zionism« diskutierten sie über den Umgang mit Boykotten und Antisemitismus, über Anreize, Alija zu fördern, die Aktivitäten in der Diaspora und das zionistische Selbstbewusstsein in Israel.

Auch einige hochrangige Politiker waren dabei, darunter Premierminister Benjamin Netanjahu. Er widmete sich in seiner Rede vor den Delegierten am Dienstag den häufigsten Lügen, denen Israel ausgesetzt sei – unter anderem die Behauptung, Israel wolle den Status quo auf dem Tempelberg verändern und die Al-Aksa-Moschee zerstören.

Holocaust-Theorie Für Diskussionen auf Social-Media-Plattformen sorgte seine Aussage, der Holocaust sei durch den Mufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, angeregt worden. Der habe Hitler bei einem Besuch in Deutschland erklärt, er müsse Juden verbrennen. Hitler dagegen hätte die Juden zunächst nur vertreiben wollen.

Der Zionistische Weltkongress, 1897 von Theodor Herzl in Basel ins Leben gerufen, ist das größte Zusammentreffen von Zionisten weltweit. Alle fünf Jahre kommen die Delegierten zusammen und befassen sich mit Themen rund um Israel, das jüdische Volk und die zionistische Bewegung. Und sie haben Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der größten jüdischen Organisationen in Israel: die Weltzionistenorganisation, die Jewish Agency for Israel, den KKL und Keren Hayesod.

Sitzverteilung Unter anderem musste der Kongress in diesem Jahr der Wahl Dani Atars zum neuen KKL-Vorsitzenden zustimmen. Atar, der derzeit noch für das Zionistische Lager in der Knesset sitzt, wurde bereits im Vorfeld gewählt und benötigte noch die Zustimmung der Delegierten. Diese kommen zu 38 Prozent aus Israel, 29 Prozent aus den USA und 33 Prozent aus anderen Diasporaländern, wobei sich die Sitzverteilung der israelischen Repräsentanten nach der Sitzverteilung in der Knesset richtet. In den USA und in einigen anderen Ländern wird im Vorfeld gewählt.

Da es in Deutschland mit einer demokratischen Wahl nicht geklappt habe, wurde den deutschen Delegierten das Stimmrecht entzogen, berichtete Jonathan Marcus von Mercaz Deutschland, der zionistischen Organisation von Masorti.

Bereits zum dritten Mal kam der 35-Jährige zum Zionistenkongress: »Wir arbeiten daran, dass die Themen und Werte von Masorti sich in den Diskussionen der Komitees und in den Abstimmungen niederschlagen. Dazu zählt auch ein plurales Judentum.«

Lilly Jockels, Präsidentin der Zionistischen Organisation Deutschlands (ZOD) und Rabbinerin Gesa Ederberg waren ebenfalls vor Ort. Weil Ederberg direkt von Masorti, eine der zahlreich vertretenen weltweiten Vereinigungen, ernannt wurde, hatte sie sogar Stimmrecht. »Ich sitze in einem Komitee, wo es unter anderem um die Frage nach zusätzlichen Zentren zur Unterstützung der Alija aus Frankreich gehen soll«, sagte Ederberg.

Dass beim Zionistenkongress alle politischen Lager vertreten sind und es in angespannten Zeiten zu Meinungsverschiedenheiten kommt, wurde schnell deutlich: »Am Eingang gab es einen Flashmob mit der Parole ›Beendet die Besatzung‹. Darauf reagierten einige andere Teilnehmer handgreiflich, wollten die Gruppe aus dem Gebäude drängen und beschimpften sie, sie seien keine echten Juden«, erzählte Gesa Ederberg.

Israel Beitenu Eine Besonderheit in diesem Jahr ist die Teilnahme vieler russischsprachiger Zionisten. Vor allem World Israel Beitenu, die weltweit agierende Version der israelischen Partei, bemüht sich, sie stärker in bestehende Strukturen zu integrieren. In diesem Jahr sind zehn Delegierte vom »American Forum for Israel«, einer Organisation Russisch sprechender Amerikaner, an Bord. Beim Kongress 2010 waren es nur zwei. Weitere zehn Russisch sprechende Repräsentanten kommen aus Kanada, Australien, Deutschland, Russland und der Ukraine, haben aber kein Stimmrecht.

»Es ist uns eine große Ehre, vor allem die Russisch sprechende Gemeinde in Deutschland zu vertreten. Leider ist die Situation in Deutschland heute nicht normal, es gibt eine Mehrheit von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die aber nach wie vor nicht in den Führungsstab der Gemeinden integriert ist«, so Mihail Yudanin, Gründer und Präsident des Europäischen Forums des russischsprachigen Judentums mit Sitz in München.

Seine Hoffnung: Der Kongress solle »eine starke Position Jerusalems gegen den Terror« unterstützen, und das weltweite Judentum solle sich »vereint gegen die Delegitimierung Israels« stellen.

Das Ziel, die russischsprachigen Zionisten in der Diaspora stärker zu unterstützen und ihre Beziehungen zu Israel zu verbessern, schien bereits zu Beginn des Kongresses gelungen: »Wir haben erreicht, dass es nun zum ersten Mal eine Alija-Abteilung innerhalb der Weltzionistenorganisation gibt. Außerdem wird der KKL nun zum ersten Mal mit den Russisch sprechenden Gemeinden in den westlichen Ländern der Diaspora, USA, Australien, Kanada und Deutschland, arbeiten«, erklärte Alex Selsky, Vorsitzender von World Israel Beitenu.

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  21.10.2026

Interview

»Die Situation in Irland ist besonders dramatisch«

Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht über seine jüngsten Besuche in Irland und Großbritannien und die Zusammenarbeit innerhalb der J7-Gruppe der großen jüdischen Gemeinden weltweit

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

London

Jüdinnen auf offener Straße angegriffen

Die Opfer wurden im Stadtteil Clapton Common ins Gesicht geschlagen

 21.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026