Luxemburg

Reine Handarbeit

Eine schlichte Visitenkarte, darauf in Versalien: »MADE BY HAND – EZRI KAHN«. Wer einen Modedesigner à la Karl Lagerfeld erwartet, liegt falsch. Der große Mann mit den grau melierten Haaren, blauen Augen, die aufmerksam blicken, und einem gepflegten langen Bart empfängt den Gast warmherzig in seinem Atelier. Es ist eine weitläufige, helle Wohnung im zweiten Stock mit stilvoller Inneneinrichtung – jedes Möbelstück hat seinen Platz. Der Hund Gaspar, ein Weimaraner, springt verspielt umher, doch dann macht er artig Platz im Flur.

Zwei Räume der Wohnung dienen Ezri Kahn als Atelier. In einem befindet sich ein großer Tisch, an dem eine Praktikantin sitzt und mit der Schere an einem Papierstück schnippelt, dem Entwurf einer Bluse. Im Raum nebenan stößt man auf Modepuppen mit abgesteckten Kleidungsstücken und auf zahlreiche Kleider‐Entwürfe. Hier empfängt Ezri Kahn seine Kundinnen, finden die ersten Beratungsgespräche statt.

Belgier Nach Stationen in Paris, Antwerpen, New York und Zürich kam der gebürtige Belgier vor drei Jahren nach Luxemburg. Der Anfang als Modedesigner in dem kleinen Land sei nicht leicht gewesen, sagt Kahn. Die Leute seien nicht besonders aufgeschlossen gegenüber Kunsthandwerk. »Hier scheint es besser zu sein, du arbeitest bei einer Bank und nicht mit deinen Händen«, gibt er lachend zu bedenken. Man müsse die Leute darüber aufklären, was Handarbeit bedeute, und das brauche Zeit.

Seinem Label gab er den Namen »Made by hand«, weil die Menschen seine Arbeit schätzen sollen. »Ich möchte, dass sie verstehen, dass es sich um Qualität und Handarbeit handelt.« Es ist ihm wichtig, sich von den »Prêt-à-porter«-Kleidungsstücken der großen Kaufhausketten, die meist in großen Fabriken in China oder Bangladesch hergestellt werden, abzugrenzen. Die Kleider, die Ezri Kahn näht, brauchen Zeit. Es sind exklusive Stücke aus Naturfaserstoffen; ausgewählte Stoffe, die er meist in England bestellt, weil auch dort per Hand gearbeitet wird und man sie noch per Meter bestellen kann.

Es braucht ein paar Monate, bis ein Kleidungsstück genäht und individuell an den Kunden angepasst ist. Ezri Kahn hat zwar schon Design für Models genäht, aber die Vorstellung, dass alle Frauen die »idealen Maße« haben müssen, lehnt er ab. Er liebt es, für Menschen mit unterschiedlichen Charakteren zu arbeiten. Die Herausforderung liegt für ihn darin, durch die Kleidungsstücke die Persönlichkeit seiner Kunden zu betonen.

Der Preis dafür sei dann natürlich etwas höher, sagt er. »Es sind eben Einzelstücke.« Bei bekannten Modelabels wie Louis Vuitton zahle man eher viel für die Marke und nicht unbedingt für die Arbeit am Kleidungsstück. Und er versucht in seinem schlichten, doch eleganten Stil, minimalistisch zu arbeiten. »Wirklich gute Kleider trägt man lange, auch das ist meine Philosophie.«

Lebensart Wie lang er im Durchschnitt an einem Kleid arbeitet, kann er nicht sagen. Es gibt ein erstes Treffen, bei dem er die Kunden berät, was zu ihnen passt, und man gemeinsam versucht, herauszufinden, was sie wollen. »Wir klären ein paar Fragen, wie die Passform und die Lebensart. Danach schauen wir nach dem Stoff.«

Manchmal werde ein Kleidungsstück dreimal angepasst, zuweilen fünfmal, und der Preis hänge eben auch von der Arbeit ab, die er damit hat. Aber er arbeite viel, manchmal bis in die Nacht hinein. »Manche Kunden rufen drei Tage vor ihrer Hochzeit an und wollen, dass ich ihnen ein exklusives Hochzeitskleid nähe«, erzählt Kahn verärgert – und das passiere sogar regelmäßig. Dann muss er ihnen erklären, dass das nicht möglich ist und er mindestens drei Monate dafür braucht. »Es ist nicht wie diese Prêt‐à‐porter‐Mode. Es erfordert mehr Zeit und ein größeres Budget. Viele Leute sind sich dessen leider nicht bewusst.«

Der Alltag in seinem Atelier ist aber nur ein Teil seines Lebens als Modedesigner. Daneben entwirft Kahn Kleidungsstücke für Theaterstücke, aktuell für das Tanzstück Exsilium der Choreografin Sylvia Camarda, das Anfang Oktober im Grand Théâtre Première hat und die er dank seiner Erfahrung als Tänzer kompetent berät.

Man könne Tänzern durch Kostüme Grenzen setzen oder auch Ideen geben, erklärt Kahn. »Dadurch, dass ich selbst Tanz gelernt habe, kann ich beurteilen, welches Kleidungsstück sich eignet. Man muss beachten, dass sich die Tänzer darin drehen können müssen.« Manchmal wirkt er auch an Kostümen für Filme und Ausstellungen mit. Ezri Kahn liebt den Wechsel und die Vielfalt. »Ich mag es nicht, jeden Tag dasselbe zu machen.«

»NOMADE SS17« ist der Name seiner aktuellen Kollektion. »Ein Teil unseres Alltagslebens ist wie eine lange Reise. Meine Kollektion in ultraleichtem Leinenstoff wird bald in fünf Farben erhältlich sein. Sie berücksichtigt mein Erbe, aber reflektiert auch den Geist eines modernen Nomaden, der in der Welt herumreist«, heißt es in der Beschreibung. »Ich liebe es zu reisen, ich liebe Menschen und den Austausch mit ihnen, und ich schlage Kollegen auch Kreationen vor.«

In andere Welten einzutauchen, um sich und andere zu inspirieren, ist wichtig für sein Leben. »Wenn du in einem Laden arbeitest und Kleider verkaufst, ist es nicht dasselbe. Du hast nicht diesen persönlichen Austausch. So wie ich zurzeit arbeite, sind meine Kunden wie Komplizen. Das ist etwas ganz anderes!«

Er kennt den Wettbewerb der Modebranche in Paris. Doch »Competition« ist etwas, das ihm fernliegt. Die andere, die dunkle Seite der Modebranche, bestimmt von Konkurrenz, Massenproduktion und Druck, ist Ezri Kahn vertraut. Er war Teil davon und ist bewusst ausgebrochen.

»Ich habe drei Jahre lang in der industriellen Herstellung gearbeitet für große Ketten wie C&A und Ikea.« Sein Arbeitsalltag dort sei der Horror gewesen. »Seitdem weiß ich, dass ich so nicht arbeiten will. Ich habe an dem System teilgehabt, und es hat mich angeekelt. Es mangelt an Respekt. Man steht unter Druck, wirklich sehr schnell und viel herzustellen.«

Es sei erstaunlich, was für ein Rhythmus einem dort aufgezwungen werde. Ein bis zwei wirklich exklusive Kleidungsstücke herzustellen, das sei machbar und menschlich, aber das ganze Jahr über Neues auf den Markt zu werfen, 300 bis 400 Kleidungsstücke – das findet er regelrecht verrückt. Letztlich handele es sich dabei längst nicht mehr um Kreationen, sondern um Modifikationen.

Yoga So wie er heute sein Leben gestaltet, lebe er im Einklang mit sich selbst, sagt er. Das liege am Anusara‐Yoga, das er regelmäßig praktiziert, an den Spaziergängen mit Gaspar, aber auch daran, dass er morgens aufwacht und sich in Ruhe überlegt, woran er arbeiten wird und was er wie designen will.

Das war nicht immer so. Bis Ezri Kahn nach Luxemburg kam und bis zur Gründung seines eigenen Ateliers war es ein langer Weg. Denn zunächst wollte er professioneller Tänzer werden, besuchte eine Tanz‐Akademie in Antwerpen und fand in der Szene sein Zuhause. Bis er einen Unfall hatte und abrupt aufhören musste mit dem Tanz.

Zwischendrin dachte er sich, er müsse etwas Seriöses machen und könnte Zahnarzt werden. Aber er sei nur widerwillig ein‐ bis zweimal die Woche zur Uni gegangen und habe schnell gemerkt, dass das nicht sein Ding ist. Dann überlegte er, was er aus seiner Tanzleidenschaft machen könnte, und dachte daran, Kreationen für Balletttänzer zu entwerfen. »So fing ich an, ein paar Kleider für sie zu nähen, und die fanden das gut«, erinnert er sich.

Schließlich bewarb er sich an der »Haute École Francisco Ferrer« in Brüssel und wurde aufgenommen. Es folgten Assistenzen bei Modedesignern wie Azzedine Alaia in Paris und bei Konzeptionen von Kostümen für Mannequins. So fand Ezri Kahn Stück für Stück seinen Weg. »Ich manipuliere meine Gefühle nicht. Wenn ich das Gefühl habe, ich muss etwas machen, dann mache ich es einfach. Das ist meine Philosophie«, sagt Kahn, der 1969 im belgischen Lüttich geboren wurde.

Welcher Ort ihm am besten gefällt? Kahn will sich nicht festlegen, aber wenn der Belgier, dessen Mutter Israelin ist, von Tel Aviv spricht, dann glänzen seine Augen. »Tel Aviv ist großartig, vor allem wegen der Einstellung der Menschen dort. Die Leute sind offen, und wenn du etwas machen willst, kannst du es machen«, schwärmt Kahn.

In Tel Aviv hat er sich auch sein Tattoo machen lassen. Auf Hebräisch steht in kursiven Lettern: »Wenn du denkst, dass du zerstört werden kannst, vergiss nie, dass du dich selbst wiederaufbauen kannst.«

Orte Die Orte, an denen er gelebt hat, seien alle sehr unterschiedlich. »Man kann die Städte nicht miteinander vergleichen.« Und trotzdem glaubt er, dass Belgien ein bisschen wie Israel ist. Dort gibt es viele Italiener, die Menschen seien etwas offener. »Aber natürlich ist es nicht dasselbe wie in Tel Aviv, denn da sitzen alle auf Terrassen und sprechen miteinander.« Man könne eben Städte am Meer nicht mit anderen Städten vergleichen. Das hänge mit der Mentalität zusammen.

Zum Judentum hat Ezri Kahn, der sowohl Silvester als auch Rosch Haschana feiert, ein zwiespältiges Verhältnis. Durch seinen Vater bekam er ebenso eine katholische Erziehung mit. »Ich habe in meiner Kindheit beide Einflüsse erlebt«, sagt er, aber in Belgien sei die Prägung eher katholisch gewesen. Trotzdem habe er seiner Mutter viele Fragen gestellt. Bräuche mag er, aber mit der Religion ist es für ihn nicht immer leicht gewesen. »Denn ich bin gay«, sagt er leise.

Fragt man ihn danach, ob er religiös sei, räumt er ein, »gläubig zu sein«, aber offen gegenüber den Energien von Menschen und Dingen, die uns umgeben. »Ich akzeptiere die Extreme einer Religion nicht. Wir sind Teil eines Ganzen«, fasst Ezri Kahn seine Spiritualität in Worte. »Trotzdem ist es wichtig, woher man kommt. Du erlangst irgendwann eine Position im Leben, und deine Herkunft ist wichtig für dein Gleichgewicht.«

Mit seinem Vater war der Umgang über eine längere Zeit hinweg nicht leicht. »Es war sehr schwierig, ihm klarzumachen, dass ich homosexuell bin.« Fünf Jahre lang hat er den Kontakt zu ihm abgebrochen, den Kontakt zu seiner Mutter in der Zeit aber gehalten. »Ich ging nach Paris«, sagt Kahn, in eine Weltstadt, in der es ganz normal ist, homosexuell zu sein. Aber in einem Künstler‐Umfeld sei es ohnehin leichter, weil dort alle sehr offen seien.

Wenn Ezri Kahn nicht arbeitet, reist er viel, geht ins Museum oder »einen trinken«, wie er sagt, allein oder mit Freunden. »Zwischendrin konzentriere ich mich immer wieder auf mich selbst beim Yoga.« Und dann ist da noch sein Hund Gaspar. »Er ist wie mein Kind«, sagt Kahn.

Manchmal wird er gefragt, wie lange er noch in Luxemburg bleiben wolle und wohin er dann gehen werde. »Ich würde gern hierbleiben«, antwortet Kahn dann. Er habe die ständigen Ortswechsel zwar genossen, aber in Luxemburg habe er endlich das Gefühl, angekommen zu sein. »Ich glaube, in meinem Alter ist es besser, zu bleiben.« Und Luxemburg habe den entscheidenden Vorteil: »Es ist nicht weit von Belgien.«

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