Frankreich

Pionier des Schmetterlings

Der Schwimmer Alfred Nakache war einer der bekanntesten Sportler im Frankreich der 30er- und 40er-Jahre. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere deportierten ihn die Nazis mit seiner Familie nach Auschwitz. Seine Frau Paule und seine Tochter Annie wurden in den Gaskammern ermordet. Alfred Nakache überlebte. Als einem der wenigen französischen Sportler gelang ihm nach dem Krieg das Comeback.

Die südfranzösische Stadt Sète, in der Nakache seine letzten Lebensjahre verbrachte und in der er begraben liegt, ehrt den Schwimmer derzeit mit einer Fotoausstellung. Die aus dem Familienarchiv zusammengestellte und von dem Nakache-Biografen Denis Baud kommentierte Schau entstand unter der Leitung des Pariser Mémorial de la Shoah. Sie will die außergewöhnliche Lebensgeschichte Nakaches, nach dem in Frankreich mehrere Schwimmbäder benannt sind, im ganzen Land bekannt machen. Die Ausstellung ist bis zum 4. Juni im Rathaus von Sète zu sehen, danach zieht sie weiter.

»Ich habe einen französischen Titel zu verteidigen, ich bin Franzose. Sie können mich ruhig festnehmen, wenn sie wollen, aber ich werde schwimmen« – das sagt Nakache trotzig vor der französischen Meisterschaft 1943. Doch letztlich verbietet man ihm die Teilnahme an dem Wettbewerb, und im Dezember wird er tatsächlich in Toulouse gefangen genommen.

lebensmotto Komme was da wolle, ich schwimme weiter, auch gegen den Strom – so könnte man das Lebensmotto des mehrfachen Weltrekordlers Alfred Nakache umschreiben. »Er hatte einen sehr starken Charakter«, bestätigt auch der Historiker Denis Baud.

Die Leidenschaft für den Schwimmsport entdeckt Nakache in seiner Kindheit. Er wächst in einer religiösen Familie im französisch besetzten Algerien auf. Dort stationierte Soldaten erkennen sein Talent und bringen ihm Brustschwimmen und Kraulen bei. »Ich lernte schnell, denn man lernt schnell, was man liebt«, sagt er später. 1935 wird er zum ersten Mal französischer Meister im Freistil. Nakache gilt als einer der Pioniere des Schmetterlingsschwimmens.

Im Jahr 1936 nimmt er an den Olympischen Spielen in Berlin teil, nicht ahnend, dass Hitler seiner Karriere einige Jahre später ein jähes Ende bereiten würde. Kurz bevor die Wehrmacht ganz Frankreich besetzt, wird Nakache 1942 noch Meister in den Disziplinen Schmetterling und Brust. Ein Jahr zuvor hatte er den Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn erreicht: In Marseille brach er den Weltrekord über 200 Meter Schmetterling.

Trotz seiner Erfolge wollte Nakache, von Beruf Sportlehrer, nie als Star gelten. »Er wirkte zwar wie ein Champion, aber Fred war ein sehr bescheidener und einfacher Mann«, sagt seine zweite Frau Marie, die er nach dem Krieg kennenlernte.

Auschwitz Nakache wird 1944 mit seiner ersten Frau und seiner zwei Jahre alten Tochter nach Auschwitz deportiert. Er sieht sie nie wieder. Mit den Worten »Ich bin ein Schwimmer« stellt er sich den Nazis vor. Zum Spaß werfen KZ-Aufseher Schlüssel und Steine in ein Wasserbecken, um Nakache danach tauchen zu lassen.

Nach dem Krieg kehrt er stark abgemagert aus dem Lager zurück, trainiert jedoch sofort wieder in Toulouse. »Körperlich hat er sich erstaunlich schnell erholt«, bestätigt sein Biograf Denis Baud. Nakache gelingt das Unglaubliche: Schon 1946 gewinnt er den Weltmeistertitel mit der französischen Staffel und schwimmt 1948 bei den Olympischen Spielen – die »Revanche für sein Schicksal«, wie eine Tafel in der Ausstellung es beschreibt.

Über seine Zeit in Auschwitz sprach Nakache, der als fröhlich galt, kaum. Nur manchmal weinte er. »Er hatte den Glauben in die Menschheit nie verloren«, sagt Caroline François vom Mémorial de la Shoah, die das Konzept der Ausstellung entworfen hat. Vor allem in Südfrankreich ist sein Name heute ein Begriff. Denis Baud bedauert, dass »sein Andenken ansonsten etwas in Vergessenheit geraten« sei. Die Ausstellung wird dazu beitragen, dass mehr Freizeitschwimmer mit dem Namen ihres Bades etwas anfangen können.

Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Juni im Rathaus von Sète, Rue Paul Valéry zu sehen.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 9 bis 12.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr
Telefon 0033 - 4 - 99 04 71 71
www.memorialdelashoah.org

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