Mode

»Oy oy, mein Freund ist Goj«

Antonina Samecka (31) rennt durch ihr Büro in einem Altbau im Stadtzentrum Warschaus. Sie posiert für Fotos, beantwortet E-Mails und blättert durch Kataloge. Neben Klara Kowtun ist Samecka die Chefin der Modemarke Risk Made in Warsaw – und sie ist sehr beschäftigt. Gerade ist sie von einer Messereise zurückgekommen. Ihre Stationen waren Los Angeles, London und Moskau. In welcher Reihenfolge, das weiß sie selbst nicht mehr so genau. »Wir wollen zeigen, dass es heute in Polen cool und sexy ist, jüdisch zu sein«, sagt sie.

Mit ihrer Kollektion Risk Oy hat Samecka jedenfalls Erfolg. Vor allem ihre T-Shirts und Kapuzenpullover sind gefragt. Sie zeigen jüdische Symbole wie den Davidstern, manche subtil, über der rechten Schulter, sodass man ihn erst beim zweiten Hinsehen erkennt, oder Sätze wie »Oy oy, mein Freund ist ein Goj«.

Samecka ist jüdisch, und sie sei es immer schon gewesen, hebt sie hervor. Viele junge Polen haben erst als Jugendliche oder junge Erwachsene erfahren, dass zum Beispiel ein Elternteil jüdisch ist. Nachdem 1968 im Zuge einer antisemitischen Kampagne in der kommunistischen Staatspartei PZPR Tausende Juden dazu gedrängt wurden, das Land zu verlassen, verheimlichten viele, die in Polen geblieben waren, ihre Identität sogar vor ihren Kindern.

Menora Vor diesem Hintergrund ist Samecka eine Ausnahme. »Wir haben zu Hause jüdische Traditionen gepflegt und das auch gezeigt. Meine Mutter hatte die Menora im Fenster stehen«, sagt sie. Was Samecka stört, ist, dass einige ihrer Gesprächspartner immer noch betroffen wirken, wenn sie sagt, dass sie Polin und Jüdin sei. Juden hätten doch vieles erreicht in ihrem Land. Einer von Sameckas Vorfahren war zum Beispiel ein bekannter Architekt in Warschau. Man solle auch an die positiven Aspekte jüdischen Lebens denken, findet Antonina Samecka.

Mit Risk Oy schafft die 31-Jährige nun selbst etwas Positives. Unterhalb der Büroräume sind im Erdgeschoss der Shop und das Café. Mehr als 30 vorwiegend junge Leute arbeiten mittlerweile für das Unternehmen. Anna Tenenbaum, die PR-Managerin von Risk Oy, sagt: »Ich fühle mich hier wohl, wir sind wie eine Familie.« Tenenbaum stammt aus einer Kleinstadt im Süden Polens. Nach ihrem Studium in Krakau kam sie zu dem Label nach Warschau. »Risk Oy ist eine tolle Kollektion, ich kann mich gut mit dem Produkt identifizieren«, sagt sie.

Das Produkt findet man drüben im Shop. Alle Kleidungsstücke sind in Grautönen gehalten, schick geschnitten und aus Baumwolle. Samecka und Kowtun haben elegante Kleidung entworfen, die trotzdem bequem ist. Das allerdings hat seinen Preis. Die Kleidung ist teuer, gerade in Polen, wo das Durchschnittseinkommen immer noch weit unterhalb dessen liegt, was man in Deutschland verdient.

Trotzdem laufen die Geschäfte gut. Risk verkauft nicht nur in Polen, sondern über das Internet auch ins Ausland. Die Kollektion mit den jüdischen Symbolen macht dabei zwar nur einen kleinen Teil des Umsatzes aus, dafür aber hat sie viel Aufmerksamkeit erregt und Antonina Samecka in Polen bekannt gemacht. Sogar der Oberrabbiner des Landes, Michael Schudrich, wirbt für Risk Oy. In einem kurzen Video auf YouTube zeigt er sich von der Kollektion begeistert.

Abgrenzung Tatsächlich steht Risk Oy für ein neues polnisch-jüdisches Selbstbewusstsein, das sich abgrenzt von kitschigen Souvenirs oder Klezmerfolklore. Polen hat angefangen, sich kritisch mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen – selbst wenn immer wieder auch andere Töne zu hören sind, wie vor einigen Tagen sogar vom künftigen Staatspräsidenten, dem rechtskonservativen Politiker Andrzej Duda.

Oft geht es dabei um die Frage, inwiefern Polen in den 40er-Jahren an der Ermordung von Juden beteiligt waren. Das Buch Nachbarn (2001) des Historikers Jan T. Gross brachte in dieser Hinsicht einiges in Bewegung. Es beschäftigt sich mit dem Massaker von Jedwabne, einem Ort, in dem es 1941 zu einem Pogrom kam. Auch im neuen Museum der Geschichte der polnischen Juden gegenüber dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos sehen viele ein positives Zeichen dafür, dass Polen sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt.

Auffällig ist, dass sich viele Menschen in Polen für jüdische Geschichte und Kultur begeistern. Festivals, Konzerte und Lesungen sind gut besucht. »Polen ist eines der besten Länder für Juden«, sagt Samecka selbstbewusst. »Vor unseren Synagogen stehen keine Sicherheitskräfte – wir brauchen sie nicht. Zustände wie in Frankreich, wo Juden mit Gewalt begegnet wird, kann ich mir hier nicht vorstellen.«

Antonina Samecka versucht mit Risk Oy zu zeigen, wie cool und sexy es ist, jüdisch zu sein – und das in Polen. Ihre Kleidung wird von Juden und Nichtjuden gleichermaßen getragen. »Ich bin froh«, sagt Samecka, »in Warschau etwas Positives zu machen.«

Bonn/Berlin

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