Slowakei

Noch herrscht Ruhe

Die slowakische Politik erfüllt Ju­raj Stern mit Besorgnis. »Bei uns haben die Neonazis Aufwind«, sagt der 78-jährige Wirtschaftsprofessor und Rektor der paneuropäischen Universität in Bratislava. »Jetzt sitzen sie sogar im Parlament. Das jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.« Gemeint ist die rechtsextreme »Volkspartei – Unsere Slowakei« von Marian Kotleba, die 2016 mit 14 Abgeordneten in den Nationalrat einzog und nach der Europawahl im Mai dieses Jahres auch mit zwei Abgeordneten in Straßburg.

Juraj Stern hat schlimme Erfahrungen mit slowakischen Nationalisten. Als Kleinkind entkam er mit seiner jüdischen Familie nur knapp der Deportation unter der Hitlerdeutschland hörigen Regierung von Jozef Tiso.

»Ich verdanke mein Leben einem einfachen slowakischen Bauern, der viel riskiert hat«, sagt Stern. »Wären wir gefunden worden, hätte man uns und ihn an die Wand gestellt. Als Stern ihn später nach seinen Motiven fragte, habe der Bauer geantwortet: «›Wir als gläubige Christen wollten unserem Menschenbruder helfen.‹ Das war für mich überraschend, war doch Präsident Tiso katholischer Priester. Doch diese Menschen haben sich seiner Propaganda widersetzt und sind ihrem Gewissen gefolgt.» An dieser Stelle stockt seine Stimme, und Tränen treten ihm in die Augen.

Jozef TISO Wo auf dem Martinsfriedhof in Bratislava die sterblichen Überreste von Tiso lagen, wusste nach seiner Hinrichtung 1947 niemand. 2008 bettete ihn die katholische Kirche in die Gruft der Kathedrale auf dem Burgberg in Nitra um, mit der Begründung, er habe einige Jahre das dortige Priesterseminar geleitet.

Die faschistische slowakische Regierung schickte mehr als 57.700 Juden in die deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen.

Die faschistische slowakische Regierung schickte mehr als 57.700 Juden in die deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen. Gleichzeitig versteckten zahlreiche Slowaken Juden. 525 Slowaken wurden in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt.

Eine gewisse Angst, der Antisemitismus könnte wieder Raum greifen, scheint auch die Regierung zu hegen. Nach dem Einzug der Kotleba-Nationalisten ins Parlament beschloss sie, den Geschichtsunterricht um eine Stunde zu verdoppeln, und wies die Lehrer an, ausführlicher über den Holocaust zu informieren, wie Kristina Dublanova erzählt. Die 28-Jährige führt Besucher durch das 1994 gegründete «Museum der jüdischen Kultur» in Bratislava.

«Ein Konzept dafür fehlte», sagt Dublanova. «Man hat alles den Lehrern überlassen.» Einer älteren Kollegin habe ein Schüler bei einer Führung an den Kopf geworfen, Juden würden ja Gas mögen. Ein anderer sei demonstrativ mit einem T-Shirt der Ultranationalisten erschienen. «Ich ha­be mit Schülern jedoch bisher nur gute Erfahrungen gemacht», fügt sie hinzu.

pilgerort «Gott sei Dank haben wir keinen Antisemitismus hier», sagt Otto Machac. «Aber das könnte sich ändern.» Der pensionierte Psychologe erklärt Besuchern das Grabmal des berühmten, aus Frankfurt am Main stammenden Rabbiners Chatam Sofer (1762–1839) unterhalb der Bratislavaer Burg. Es ist ein wichtiger Pilgerort für orthodoxe Juden aus aller Welt. «Hier bei uns ist es nicht so schlimm wie in Deutschland oder in Wien, wo sie bewaffnete Polizisten vor die Synagoge stellen müssen», sagt Machac.

Tatsächlich ist weit und breit kein Polizist zu sehen. Ein Vater mit Bart, Hut und langem Anzug kommt zwischen seinen beiden Söhnen, die Schläfenlocken tragen, die Straße entlang. Er muss nicht fürchten, angepöbelt zu werden. Nirgendwo findet man eine antisemitische Schmiererei. «Bratislava ist ein ›Wunderland‹», meint Machac. «Als Jude kann man hier sehr harmonisch leben.»

Der Fernsehjournalist Tibor Macak, Vorsitzender der slowakischen Sektion des Europäischen Journalistenverbandes, nennt Bratislava das «Vorbild für eine kosmopolitische Stadt». «Hier gab es früher nie Probleme zwischen der deutschen, der ungarischen und slowakischen Bevölkerung, zwischen Katholiken, Protestanten und Juden.» Symbol dafür sei die neologische Synagoge, die 1893 etwa 20 Meter neben dem St.-Martins-Dom errichtet wurde. An das 1969 abgerissene Gebäude erinnert seit 1996 ein Mahnmal aus Bronze.

Mit Kippa könne man unbehelligt durch die Straßen gehen, «Bratislava war immer eine multikulturelle Stadt», sagt Martin Sani. Er gehört zur jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt, der größten in der Slowakei. Sie hat heute rund 800 Mitglieder.

Zu den Gottesdiensten versammeln sich in der vor knapp 100 Jahren im kubistischen Stil errichteten Synagoge regelmäßig um die 30 Beter, doch an hohen Feiertagen reichen die Plätze nicht.

Vor sieben Jahren hat die Gemeinde auf der Empore ein Museum zur Geschichte der Gemeinde eingerichtet. «In einem speziellen Programm arbeiten wir mit Schulen zusammen, informieren über Multikulturalität, jüdisches Leben und die Schoa», erzählt Sani.

synagogen Von den mehr als 136.000 Juden in der Slowakei, die sich vor 1930 in 167 Gemeinden versammelten, sind nach der Schoa und mehreren Fluchtwellen nach dem Krieg und vor allem nach 1968 nur sehr wenige geblieben. Außer in Bratislava gibt es im Land noch eine weitere Gemeinde, in Kosice. Zu ihr gehören rund 400 Mitglieder.

Die Regierung hat die Lehrer angewiesen, den Holocaust stärker zu thematisieren.

Wo die Gemeinden verschwunden sind, kümmern sich heute andere um den Erhalt der ehemaligen Synagogen. Das 1803 in Stupava nördlich von Bratislava errichtete Bethaus zum Beispiel hat der Arzt Tomas Stern, ein Sohn von Juraj Stern, mit der gemeinnützigen Organisa­tion «Jew­ro­pe» unter seine Fittiche genommen. Im Sommer organisieren sie in dem notdürftig sanierten Gebäude Ausstellungen, Konzerte oder Theatervorstellungen. «Da kommen etwa 150 Leute», sagt Stern.

galerie In der Stadt Trnava rund 40 Kilometer nordöstlich von Bratislava sind zwei Synagogen erhalten geblieben. Die eine wurde restauriert und zu einem Café umgebaut. Die andere ist seit 2002 eine Galerie für zeitgenössische Kunst.

Die 1911 im maurisch-byzantinischen Stil erbaute und bis 2003 restaurierte Synagoge in Nitra wird heute für Konzerte genutzt. Seit 2011 erinnert eine Ausstellung an ihre Geschichte. Und in der 2015 restaurierten Synagoge in Lucenec aus dem Jahr 1924 zeigt Peter Kalmus eine Installation aus 70.000 Kieselsteinen in vier quadratischen Glasgefäßen. Sie symbolisieren die in vier KZs ermordeten slowakischen Juden.

Gemeindemitglieder gibt es heute nur noch wenige in der Slowakei – doch wie in etlichen anderen Ländern Ost- und Südosteuropas erinnern zahlreiche Gebäude an das vielfältige jüdische Leben vor der Schoa.

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