EMG 2015

Nicht ohne Dan

Ihr Freund ist nicht vergessen: David Fischer, Daniel Fhima und Michael Fish (v.l.) halten bei den European Maccabi Games das Andenken an Dan Uzan hoch. Foto: Uwe Steinert

Als wir bei der Eröffnung in der Waldbühne eingelaufen sind, mit der dänischen Fahne, den T-Shirts und dem Banner von Dan, sind wildfremde Menschen aus allen möglichen Ländern plötzlich aufgesprungen, haben auf das Banner gezeigt und sich auf ihr Herz gepocht. Das war einfach unglaublich schön. Ich musste direkt wieder anfangen zu heulen», sagt Michael Fish, Futsalspieler und Jugendfreund von Dan Uzan. Ein islamistischer Attentäter hatte den jüdischen Wachmann aus Kopenhagen in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 2015 bei einem Attentat auf die Synagoge in der dänischen Hauptstadt mit einem Schuss in den Kopf ermordet.

Auch Dan Uzans Eltern und seine Schwester waren in der Arena, als die dänische Delegation mit ihrem Erinnerungstransparent bei der Eröffnungszeremonie der 14. European Maccabi Games (EMG) am vergangenen Dienstag in Berlin einlief. Verantwortliche von Makkabi Deutschland hatten die Familie eingeladen.

Irgendwie sollte Dan, der ein leidenschaftlicher Sportler und Makkabi-Fan war und nur 37 Jahre alt wurde, in Berlin dabei sein. Darin waren sich alle Mitglieder der dänischen EMG-Delegation einig – auch wenn keiner von ihnen vorher darüber gesprochen hatte. Trotzdem war es ein großer Moment, als bei der Abfahrt des dänischen Teams plötzlich Michael Fish am Bus auftauchte, in der Hand einen Stapel T-Shirts mit dem Konterfei von Dan darauf.

Fish verteilte die T-Shirts an die Mitglieder der dänischen Delegation. Wenige Momente später kam David Fischer um die Ecke, mit einem großen Banner, befestigt an zwei Stöcken. Auch hier ein Bild von Dans Gesicht, versehen mit den Worten «Dan the man» und «Forgiveness is a must» – Vergeben ist ein Muss.

sportverein David Fischer und Michael Fish kennen sich schon seit dem Kindergarten. Fast genauso lange spielen sie auch zusammen Fußball, beim Sportverein Hakoah Kopenhagen. Auch Dan Uzan war ein Teil dieser Clique aus alten Freunden – und der Torwart von Hakoah. Gemeinsam nahmen sie an mehreren Makkabiaden in Europa und Israel teil. Dan spielte auch Basketball im dänischen Erstligaklub Hørsholm 79’ers. Für David wie für Michael war klar, dass sie zur EMG in Berlin an ihren Freund erinnern wollten. Ohne sich abzustimmen, kamen sie nahezu auf die gleiche Idee. Als sie sich am Bus gegenüberstanden, fühlte es sich so an, als wären sie sich schon immer einig gewesen – und sie stiegen wortlos ein, um nach Berlin zu fahren.

Beiden ist bewusst: Dan wurde ermordet, nur weil er Jude war. Wie schon wenige Wochen zuvor bei dem Anschlag auf den jüdischen Supermarkt in Paris im Januar griff auch der Täter in Kopenhagen zunächst Islamkritiker an – dann gezielt eine jüdische Einrichtung. Dan Uzan war im Dienst, um etwa 80 Gäste einer Batmizwafeier zu beschützen. Für den erfolgreichen Einsatz bezahlte er mit seinem Leben.

verlust Es dauert eine ganze Weile, bis David Fischer die richtigen Worte findet. Der Schmerz über den Verlust des Freundes steht ihm noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben. Er beißt sich kurz auf die Lippen, legt die Stirn in Falten, zieht scharf die Luft ein.

«Es war der Abend des Valentinstages, und ich habe mit meinem Bruder und einer Freundin im meinem eigenen Restaurant in Kopenhagen etwas gegessen. Danach habe ich den Laden zugemacht und bin nach Hause gefahren. In den Nachrichten hieß es auf einmal, dass es einen Anschlag in der Innenstadt nahe der Synagoge gegeben hätte, aber die Reporterin sagte nicht genau, was passiert war.» David Fischer rief einen Freund an, der auch als Wachmann in der Synagoge arbeitete: «Doch der sagte mir nur, dass er gerade nicht reden könne, und legte auf. Erst am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass Dan tot ist.»

Für seine beiden Freunde David und Michael, aber auch für die zahlreichen anderen Mitglieder des dänischen Teams, die Dan Uzan bereits seit ihrer Kindheit kannten, waren die EMG 2015 in Berlin eine emotionale Achterbahnfahrt. Ständig fühlten sie sich hin- und hergerissen zwischen der Trauer um den Verlust ihres Freundes, der bei diesen Spielen gerne dabei gewesen wäre, und der Rührung über den Zuspruch, den sie von allen Seiten erhielten.

Die kleine jüdische Gemeinde in Dänemark hat in der Winternacht vom 14. auf den 15. Februar erfahren, was es heißt, wenn der Fall, auf den man sich jahrelang hypothetisch vorbereitet, wirklich eintritt. Wenn all die Sicherheitsschleusen vor Synagogen und Gemeindezentren plötzlich nicht mehr bloße Vorsichtsmaßnahmen sind, sondern notwendig, um sich gegen mörderische Angreifer zu schützen.

Schutzmassnahmen
«Ich arbeite als Zimmermann», sagt Michael Fish. «Knapp eine Woche nach den Anschlägen in Paris wurde die Gemeinde in Kopenhagen darum gebeten, die Sicherheitsstufe an jüdischen Einrichtungen zu erhöhen, weshalb ich zur jüdischen Oberschule gefahren bin und Stahlplatten an den Zaun angeschraubt habe, damit man von außen nicht mehr hineinsehen kann.» Und er fügt hinzu: «Damals dachte ich mir noch: ›Kommt schon, jetzt übertreibt ihr es aber ein bisschen.‹ Aber bereits wenige Tage später habe ich einsehen müssen, dass sie recht hatten.»

Und David Fischer sagt: «Ich weiß, man sollte es lieber andersherum sagen, aber dank Dan wurden alle Leute bei der Batmizwa in der Synagoge gerettet. Deshalb bin ich irgendwie auch froh, dass er dort war, und nicht jemand anderes.»

Für David war es keineswegs selbstverständlich, zu den Spielen nach Berlin zu fahren. Er war vorher nie in Deutschland: «Mein Vater hatte immer große Vorurteile gegen Deutschland und gegen alles, was deutsch war, und ich sah das eigentlich immer ganz ähnlich», sagt er. «Aber Dan wurde ermordet, von einem Idioten, wegen dessen Ignoranz und Vorurteilen. Da bin ich ins Grübeln gekommen: Wie kann ich andere verurteilen wegen ihrer Ignoranz, wenn ich selbst so bin? Deshalb bin ich letzten Endes doch gekommen», sagt er und wischt sich ein paar Tränen vom Rand seiner goldenen Sonnenbrille.

Es sind wohl genau diese Geschichten, die erzählt werden sollten – wenn man gefragt wird, worum es eigentlich ging bei diesem großen jüdischen Sportfest, das gerade in Berlin stattgefunden hat.

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