Aalst

Neue Kontroverse um Karneval

Darstellungen von Juden beim Karneval in der flämischen Kleinstadt Aalst (März 2019) Foto: Getty Images / istock

Nach dem Eklat im vergangenen Jahr beim Karneval im flämischen Aalst haben Politiker des Europäischen Parlaments und der flämischen Regierung vor neuerlichen antisemitischen Motiven gewarnt.

Der Straßenkarneval in der 85.000-Einwohner-Stadt vor den Toren Brüssels findet in diesem Jahr vom 23. bis zum 26. Februar statt. Im Dezember hatte die UNESCO die traditionsreiche Veranstaltung aus ihrem Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes gestrichen.

Motivwagen Grund war der Motivwagen des Karnevalvereins »Vismooil’n«, auf dem vergangenen Jahr im Figuren mit Hakennase, Strejmel und Schläfenlocken zu sehen waren, die auf Säcken mit Goldmünzen standen und sich Geldscheine in die Tasche stopften. Auf der Schulter einer der Figuren war eine weiße Ratte zu sehen. Der Motivwagen trug den Titel »Sabbatjahr 2019«.

Im Dezember hatte die UNESCO die Veranstaltung aus ihrem Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes gestrichen.

 Die UNESCO verurteilte die Darstellung als »rassistisch und antisemitisch«. Es war nicht das erste Mal, dass der Aalster Karneval in die Schlagzeilen kam: 2013 liefen Karnevalisten als Nazis verkleidet durch die Stadt und hielten »Zyklon B«-Dosen in der Hand.

In einem offenen Brief forderten jetzt mehrere Abgeordnete des Europäischen Parlaments die Verantwortlichen in der Stadt zum Handeln auf. Es dürfe nicht sein, dass der Straßenkarneval als öffentliche Plattform zur Verbreitung von Antisemitismus und Hass diene, heißt es in dem Schreiben.

»Wir sind uns bewusst, welchen Stellenwert Satire und Parodie in einer robusten Demokratie haben. Die vielen Beispiele von antisemitischen und fremdenfeindlichen Stereotypen, die wir beim Aalster Karneval gesehen haben, gehen aber deutlich über die Grenzen von Satire hinaus und verstoßen gegen europäische Werte wie Vielfalt und Inklusion«, so die Parlamentarier.

Zu den Unterzeichnern gehören die Vorsitzende der Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus, die FDP-Politikerin Nicola Beer, der grüne Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky sowie der frühere spanische Justizminister Juan Fernando López-Aguilar.

Kritisch setzten sich die Unterzeichner des Schreibens auch mit der Haltung des Aalster Bürgermeister auseinander. Christoph d’Haese habe bislang nichts unternommen, um im Vorfeld des diesjährigen Karnevals »Risiken zu minimieren«. Erneut seien Flyer und andere antisemitische Motive im Umlauf. Auf ihnen würden beispielsweise internationale Organisationen als Marionetten der Juden dargestellt. »Unabhängig von der Intention« der Karnevalisten verbreiteten sich so antisemitischer Stereotype, schreiben die Abgeordneten.

Kostümgeschäft Auch im Schaufenster eines Aalster Delikatessenladens ist Mann mit Schläfenlocken zu sehen; ein Kostümgeschäft hat dieses Jahr erstmals auch Verkleidungen orthodoxer Juden in sein Angebot aufgenommen, berichtete diese Woche die »taz«.

Bei vielen in Aalst hat internationale Kritik eine »Jetzt-erst-recht«-Stimmung befeuert.

Bei vielen in Aalst hat internationale Kritik eine »Jetzt-erst-recht«-Stimmung befeuert. Die Gruppe »Vismooil’n« verteilte unlängst Ansteckbuttons, auf denen sie sich gegen eine Zensur aussprach. In ihrem Brief äußern die Europaabgeordneten die Befürchtung, es werde kommende Woche sogar noch mehr judenfeindliche Motive auf den Straßen der Stadt zu sehen sein.

Für den Innenminister der Region Flandern, Bart Somers, ist vor allem Aufgabe der Verantwortlichen vor Ort, die Dinge in eine andere Richtung zu lenken. »Es ist nicht einfach, so etwas zu ändern«, sagte Somers dem belgischen Nachrichtenmagazin »Knack«. Der Stadtrat müsse den Dialog suchen, sagte der liberale Politiker, der bis vor Kurzem selbst Bürgermeister einer flämischen Kleinstadt war.

Geschmack Der Ministerpräsident der Region Flandern, Jan Jambon von der nationalistischen NVA (ein Parteifreund von D’haese), äußerte sich ähnlich. Die Karnevalisten sollten sich vorab einmal die Frage stellen, ob ihre Motive dem »gutem Geschmack« der Menschen entsprächen.

Jambons Parteivorsitzender, der Antwerpener Bürgermeister Bart De Wever, hatte die Darstellung von Juden im Straßenkarneval 2019 jüngst als »unhöflich« bezeichnet.

»Ich denke, sie sind mehr als unhöflich«, sagte nun Innenminister Bart Somers dem »Knack«. Die Motivwägen seinen vielmehr »unnötig anstößig, unklug und völlig unangemessen« gewesen. »Es gibt Dinge, die tut man nicht, auch wenn Karneval ist.« Eine kleine Gruppe von Karnevalisten in Aalst verstünde das leider nicht, erklärte Somers.

Sydney

Australien verweigert jüdischem Islamgegner die Einreise

Australien hat in der vergangenen Woche seine Gesetze gegen Hassverbrechen verschärft. Ein jüdischer Influencer, der ein »Islamverbot« fordert, darf das Land nicht betreten

 27.01.2026

Gespräch

»Israel ist stark und schützt uns«

Morgen wird sie im Bundestag die Rede zum Holocaust-Gedenktag halten. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman spricht Tova Friedman im Interview über ihre Sicht auf Deutschland - und ihre Aktivitäten auf TikTok

von Michael Thaidigsmann  27.01.2026

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 27.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  26.01.2026

Europäische Rabbinerkonferenz

»Israel ist unverzichtbar für unseren Zusammenhalt«

Der Dachverband orthodoxer Rabbiner in Europa wird in diesem Jahr 70 - zu seiner 33. Generalversammlung in Jerusalem werden rund 400 Teilnehmer erwartet

 26.01.2026

Spanien

Grabschändung in Barcelona - Bürgermeister verurteilt die Tat

Die Stadt und das israelische Außenministerium reagieren mit scharfer Kritik

 25.01.2026

Georgien

Zwischen Tel Aviv und Tiflis

In Israel geboren, kaukasische Wurzeln und in Mailand entdeckt: Tammy Aligo ist als Top-Model überall zu Hause

von Mikheil Khachidze  25.01.2026

USA

Ein Stück Heimat

1943 gründeten Flüchtlinge aus Europa einen Stammtisch in New York. Mehr als acht Jahrzehnte war er eine Institution. Mit dem Tod einer der letzten Überlebenden aus dieser Zeit endet eine Ära

von Heidi Friedrich  22.01.2026

Bosnien

Unsichere Zukunft auf dem Balkan

Die kleine jüdische Gemeinde von Sarajevo erlebt gerade schwierige Zeiten. Ein Ortsbesuch

von Peter Bollag  22.01.2026