Großbritannien

Nazis früh auf dem Radar

Das Tagebuch, das Alfred Wieners Tochter Ruth in Westerbork und Bergen-Belsen führte Foto: Sabine Schereck

Großbritannien

Nazis früh auf dem Radar

Die Wiener Holocaust Library feiert mit zwei Ausstellungen den 90. Jahrestag ihrer Gründung

von Sabine Schereck  27.09.2023 15:28 Uhr

Die Adresse liest sich prominent: Die Wiener Holocaust Library liegt mitten in London, am Russell Square. Bis 2019, als sie noch Wiener Library hieß, war allenfalls Historikern bewusst, dass sich hinter dem Namen eines der bedeutendsten Archive verbirgt, das sich mit dem Schicksal deutscher Juden in den 30er-Jahren beschäftigt.

Und es gibt einen Superlativ: Die Wiener Holocaust Library ist die älteste Sammlung ihrer Art. Nun begeht sie den 90. Jahrestag ihrer Gründung mit zwei Ausstellungen. Die eine präsentiert Highlights aus ihrem Bestand, die andere zeigt die Vita ihres Gründers und Namensgebers Alfred Wiener.

eisernes kreuz Der 1885 in Potsdam geborene Wiener erhielt für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz. Er war Mitglied im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und beobachtete aufmerksam die politischen Entwicklungen in Deutschland. Bereits 1925 erkannte er, welche Gefahr für Juden von den Nationalsozialisten ausging. Früh beginnt er, ihre Aktivitäten zu dokumentieren und publizistisch gegen sie anzukämpfen. Aus diesem Grund muss er bereits Anfang 1933 flüchten.

Erste Station seines Exils ist Amsterdam, wo er mit dem niederländischen Zionisten David Cohen das Jewish Central Information Office (JCIO) gründet. Dieses informiert über die Judenpolitik der Nazis und bildet quasi die Keimzelle der späteren Wiener Library. Als die Arbeit in Holland 1939 schwieriger wird, zieht Wiener zusammen mit dem JCIO nach London. Während des Zweiten Weltkriegs greifen unter anderem die alliierten Geheimdienste, die BBC sowie zahlreiche Presseagenturen immer wieder auf Wieners Material zurück. In diesem Kontext bürgert sich langsam die Bezeichnung »Wiener Library« ein.

Während Wiener unermüdlich über die fortschreitende Diskriminierung und Verfolgung von Juden aufklärt, erlebt seine Familie diese am eigenen Leib. In der Wiener Holocaust Library zeichnen Ausstellungstafeln mit einer Landkarte, Fotos und Dokumenten ihre Lebens-, aber vor allem ihre Fluchtwege nach. Wieners Frau Margarete und die gemeinsamen drei Töchter waren ihm zwar nach Amsterdam gefolgt, aber während er seit 1940 in New York arbeitet, wird seine Familie 1943 in das Durchgangslager Westerbork und dann nach Bergen-Belsen deportiert.

Dank eines Gefangenenaustauschs kommt sie frei und gelangt mit der Bahn in die Schweiz. Für Margarete ist es jedoch zu spät. Ihr kranker und erschöpfter Körper kann die Anstrengungen der Reise nicht mehr bewältigen; sie stirbt in Kreuzlingen. Ihre Töchter aber schaffen es, im Februar 1945 in Marseille an Bord eines Schiffes zu gelangen, das sie zu ihrem Vater nach New York bringt.

diplomatie Auf einer weiteren Wandtafel ist zu erfahren, was sich im Hintergrund abspielte, um diese Ausreise zu ermöglichen. So hatte die Familie über die Schweizerin Camille Aronowska, eine alte Freundin der Familie, Kontakt zu polnischen Diplomaten in Bern, die wiederum südamerikanische Botschaftsangehörige bestachen, damit sie paraguayische Pässe für Juden ausstellten, um sie letztendlich aus Europa herauszuholen.

Spannende und abenteuerliche Geschichten stecken dahinter. Sehr berührend ist eines der wenigen ausgestellten Artefakte: ein kleines Tagebuch von Tochter Ruth, das sie in Westerbork und Bergen-Belsen geführt hat. In einem Eintrag ist zu lesen, dass sie in Bergen-Belsen Margot und Anne Frank sah, die sie aus der Schule in Amsterdam kannte.

Die zweite Ausstellung zeigt Objekte aus verschiedenen Zeiten der Verfolgung sowie des Widerstands. Auffallend ist ein Brettspiel von 1938 namens »Juden Raus!«. Es erinnert an ein anderes, das »Unser Mut. Juden in Europa 1945–48« heißt und den Kampf der Juden reflektiert, »Wiedergutmachungs«-Anträge bewilligt zu bekommen.

Fotografien Zu den Highlights der Ausstellung gehören Bilder der Fotografin Gerty Simon, die im Berlin der 30er-Jahre Prominente fotografiert hat, unter anderem die Grafikerin Käthe Kollwitz, den Maler Max Liebermann und die Schauspielerin Lotte Lenya. Auch Gerty Simon schaffte es nach London, geriet aber in Vergessenheit.

Die beiden Ausstellungen und das Begleitprogramm machen auf Aspekte aufmerksam, die ansonsten wenig Beachtung finden. Zudem bieten sie gute Einblicke in das britische Exil. Aber näher als London mag vielleicht Berlin sein, wo die Wiener Holocaust Library seit 2008 eine Dependance im Jüdischen Museum hat.

»The Wiener Holocaust Library at 90«. Noch bis zum 20. Oktober

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Elvis Presley

Der King of Rock ’n’ Roll trug einen Davidstern

Hollywoodregisseur Baz Luhrmann setzt dem Star ein episches Denkmal

von Stephen Tree  02.03.2026

Schweiz

Drohung gegen koscheren Supermarkt

In Zürich ist es am Samstagabend zu einem Großaufgebot der Polizei vor jüdischen Einrichtungen gekommen

von Nicole Dreyfus  01.03.2026

Deutschland

Warnung vor Terror-Gefahr in Deutschland wegen Iran-Krieg

Wegen des Krieges in Nahost rechnet der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, mit einer »gesteigerten Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland«

 01.03.2026

Israel

Netanjahu an Iraner: »Vollendet es«

Regierungschef Benjamin Netanjahu richtet sich mit einer Ansprache auf Farsi an die iranische Bevölkerung

 01.03.2026

Iran

Britischer Verteidigungsminister: »Iran verliert die Kontrolle über seine Kommandostrukturen«

Großbritannien beteiligt sich am Militäreinsatz gegen den Iran. Verteidigungsminister Healey warnt vor wahllosen iranischen Angriffen

 01.03.2026

Türkei

Exil-Iraner im Glück

Nach dem Tod Chameneis feiern Exil-Iraner in der Türkei die Möglichkeit ihrer Rückkehr. Doch schwingt auch Sorge mit

 01.03.2026

Iran

Iran bestätigt Chameneis Tod und droht mit Vergeltung

Die staatlichen Medien des Iran haben Chameneis Tod bestätigt. Die Angriffe gehen beidseitig weiter - auch auf Golfstaaten

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert