USA

Mrs. Gore-Tex

»Early to bed and early to rise, work like hell and advertise«: Gert Boyle (1924–2019) Foto: dpa

Im Herbst sieht man sie wieder überall auf den Straßen: wetterfeste Jacken vor allem deutscher und amerikanischer Marken. Eine der weltweit bekanntesten ist »Columbia«. Man erkennt sie am blauen Schriftzug, links daneben ein auf der Spitze stehendes gewebtes Quadrat.

Das Unternehmen sitzt an der amerikanischen Westküste in der Stadt Portland im Bundesstaat Oregon – einem Paradies für Wanderer, Angler und Skiläufer. Man sagt, Portland sei die Stadt mit der höchsten Lebensqualität der USA, die Menschen dort seien fit und selbstironisch.

Das traf auch auf die Columbia-Chefin Gert Boyle zu. Sie war bis zu ihrem Tod Anfang des Monats im Alter von 95 Jahren Vorsitzende des Aufsichtsrates – eine toughe Frau, wie man so sagt. Offensichtlich sah sie sich genauso, denn als ihre Autobiografie 2005 erschien, gab sie ihr den Titel One Tough Mother.

Kindheit Geboren wird Gert Boyle 1924 als Gertrude Lammfromm in Augsburg. Ihr Vater besitzt dort, am Königsplatz in der Nähe der Synagoge, eine große Fabrik für Weiß- und Unterwäsche. 1937 »arisieren« die Nazis das Unternehmen, kurz darauf emigriert die Familie nach Amerika. Das rettet ihr das Leben. Die Großmutter, die in Deutschland bleibt, wird im KZ ermordet.

Als Gertrude Lammfromm wurde sie 1924 in Augsburg geboren.

Die Lammfromms siedeln sich in Portland an, denn ein Cousin des Vaters hat sich einige Jahre zuvor dort niedergelassen. Der Vater leiht sich Geld bei dem Verwandten und kauft eine kleine Hutfabrik namens »Rosenfeld Hat Company«. Doch der Neueinwanderer Paul Lammfromm will einen amerikanischen Namen für sein Unternehmen, und so ändert er ihn in »Columbia«, so heißt einer der Flüsse, die durch Portland fließen.

Gertrude ist 13, spricht kein Wort Englisch und kommt in die erste Klasse. Doch das Mädchen ist zäh und ehrgeizig und schafft es innerhalb weniger Wochen, dort zu landen, wo sie hingehört: in die siebte Klasse. An den Wochenenden muss sie in der Firma helfen: Hutkisten stapeln und für den Versand vorbereiten. »Ich hasste jede Minute, denn ich schlug mir oft mit dem Hammer auf die Hand«, sagt sie Jahrzehnte später in einem CNN-Interview.

Kaum hat sie die Schule abgeschlossen, verlässt sie das Elternhaus und geht aufs College. Nur weg von zu Hause! »Ich wollte am Ende nicht auch noch selbst in so eine kleine Box gesteckt werden.«

Studium An der University of Arizona studiert sie Soziologie und macht ihren Bachelor. »Ich wollte die Welt retten – aber es kam anders: Ich heiratete.«

Ihr Mann Neil Boyle steigt ins Geschäft ihres Vaters ein und wird nach dessen Tod Chef des Unternehmens. Gert Boyle zieht unterdessen drei Kinder groß.

»Wir Frauen haben damals nicht über andere Optionen nachgedacht«, sagt sie später. »Meine Freundinnen und ich beeilten uns, unsere Hausarbeit zu erledigen, und trafen uns danach zum Kaffee. So war das früher. Man sagte nicht: Oh, ich würde gern dies oder das tun. Wir haben alle still gelitten.«

1970 ändert sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen. Ihr Mann erleidet einen Herzinfarkt und stirbt. Gert Boyle ist zu diesem Zeitpunkt 46. Sie ergreift das Ruder und führt das Unternehmen weiter. »Ich musste am nächsten Tag zur Arbeit gehen. Es war der 5. Dezember, kurz vor Weihnachten, und es standen viele Auslieferungen an.«

Das Weihnachtsgeschäft läuft gut – doch dann gerät die Firma ins Straucheln. Viele Männer trauen Gert Boyle nicht zu, das Unternehmen zu führen. Zulieferer stellen die Zusammenarbeit ein, Banken verweigern Kredite, der Umsatz sinkt. Doch Boyle boxt sich durch. »Ich warf einige Buchhalter und Justiziare hinaus und baute mir ein neues Team auf.«

In dieser Zeit stellt sie die Weichen, die Columbia zu einer weltbekannten Marke machen werden. Sie beginnt eine neue Produktlinie: Outdoor-Kleidung. »Mein Mann hatte in den 50er- und 60er-Jahren schon damit begonnen, außer Hüten auch graue Hosen und dunkelblaue Blazer zu produzieren. Aber die 70er waren eine andere Zeit: Die Menschen dachten anders, und sie kleideten sich anders.«

Jacken Der große Durchbruch kommt Anfang der 80er-Jahre mit Jacken, deren Innenfutter man herausnehmen kann. »Ja, das Reißverschlussfutter brachte uns auf den Plan.« Die sogenannten Bugaboo-Jacken sind erschwinglich und verbreiten sich rasant. »Bald wollte jedes Kind eine haben, das war ein bisschen so, als hätte man ein Empfehlungsschreiben vom Papst.«

Nach den Outdoor-Jacken erweitert Boy­le das Sortiment um Bekleidung für Jäger, Angler und Skiläufer. Als erste Firma führt sie wetterfeste Kleidung aus Gore-Tex ein. Die Nachfrage in der Region ist riesig. Ab Mitte der 80er-Jahre werden die Produkte auch amerikaweit und später im Ausland immer beliebter.

Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes führte sie das Unternehmen zum Erfolg.

In dieser Zeit fängt Gert Boyle an, durch eine besonders persönliche Form von Werbung einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden. In den sogenannten Mother-Boyle-Anzeigen und -Clips tritt sie als toughe Mutter auf (daher der Titel ihrer Autobiografie).

Mit viel Witz und einer gehörigen Portion Grobheit setzt sie ihren Sohn Tim widrigen Wetterbedingungen aus, um zu zeigen, wie gut Columbia-Produkte sind. Mal schickt sie Tim durch eine Autowaschanlage – doch das Innere seiner Jacke bleibt trocken; mal steuert sie einen Helikopter, rettet Tim an einem Seil aus dem Schnee – aber seine Jacke reißt nicht.

Bis ins hohe Alter arbeitete Boyle hart und machte sich aus ihren Werbekampagnen mit viel Augenzwinkern einen Spaß. Ihr Lebensmotto: »Early to bed and early to rise, work like hell and advertise.« Ihrem Sohn Tim hinterlässt sie ein milliardenschweres Erbe: eines der führenden Sportbekleidungsunternehmen der Welt.

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