Schweiz

Mord ohne Zeugen

Zwei Wochen nach der Tat: Die Zürcher Stadträtin Monika Stocker legt am 20. Juni 2001 zum Gedenken an Abraham Grünbaum Blumen am Tatort nieder. Foto: picture alliance / dpa

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Mord ohne Zeugen

20 Jahre nach den Schüssen auf einen Rabbiner ist der Fall weiter ungeklärt

von Peter Bollag  03.06.2021 08:32 Uhr

Die Tat und ihr Hergang erinnern eher an Chicago oder Mexiko-Stadt als an das beschauliche Zürich: Am 7. Juni 2001 wird der knapp 70-jährige Rabbiner Abraham Grünbaum aus Bnei Brak auf dem Weg zum Abendgebet am Hallwylplatz auf offener Straße erschossen. Der Schoa-Überlebende hält sich privat in Zürich auf.

Anwohner im Aussersihl-Quartier, wo ein Großteil der orthodoxen Gemeindemitglieder lebt, werden später aussagen, dass sie zwei Schüsse hörten und sahen, wie ein Mann wegrannte. Wenig später wird ein Verdächtiger festgenommen, doch bald wieder freigelassen, da er über ein Alibi verfügt. Direkte Zeugen gibt es nicht.

raubmord Der Ermordete hatte eine Aktentasche mit rund 1000 Franken bei sich, ein versuchter Raubmord wird deshalb bald ausgeschlossen. War es also eine antisemitische Tat? Hinterließ möglicherweise der damals aktive NSU sogar seine Spuren in der Schweiz? Oder gibt es eventuell doch ein anderes Motiv? Die Polizei tappt trotz intensiver Ermittlungen im Dunkeln. Auch ein Aufruf in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY … ungelöst bringt keine brauchbaren Hinweise.

Daran hat sich auch 20 Jahre danach nichts geändert. Ein Täter konnte bis heute nicht ausgemacht werden. So bleibt eine Tat weiterhin im Dunkeln, die umso entsetzlicher erscheint, wenn man das Leben des Opfers betrachtet: 1930 wird Abraham Grünbaum in einer polnischen Kleinstadt geboren. Zusammen mit seinem Bruder überlebt er in einem sowjetischen Arbeitslager in Sibirien, die Eltern werden in Polen von den Nazis ermordet.

Nach der Schoa findet Abraham Grünbaum sich im DP-Lager in Zeilsheim bei Frankfurt wieder, wo er sich bereits religiösen Studien widmet. 1952 kommt er nach Israel und studiert in der Jeschiwa von Ponovitz in Bnei Brak, erhält die Smicha und gründet das Kollel Mordechai. Um es am Leben zu halten, fliegt er später oft nach Antwerpen, London, Paris oder eben auch Zürich. Er sammelt für sein Ins­titut, aber auch für bedürftige Familien in Jerusalem.

mission »Er hat sich nie etwas Privates gegönnt, er war nur von seiner Mission getrieben, Geld für Bedürftige zu sammeln«, sagte sein Sohn Jakob einige Monate nach dem gewaltsamen Tod des Vaters der »Neuen Zürcher Zeitung«. So sei Abraham Grünbaum beispielsweise mehrere Male im Jahr in Paris gewesen, »aber auf dem Eiffelturm war er nie, das hätte er nur als Zeitverschwendung betrachtet«.

Jakob ist auch derjenige der Söhne, der nach dem Mord nach Zürich fliegen wird, um den Leichnam des Vaters zu identifizieren und mit dem Toten nach Israel zurückzukehren.

Am 7. Juni, dem 20. Todestag von Rabbiner Grünbaum, findet am Tatort in Zürich eine Gedenkzeremonie statt.

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