Poway

Mord nach Ankündigung

Trauergäste bei der Beerdigung von Lori Gilbert Kaye am 29. April in Poway Foto: Getty Images

Beinahe schon, so scheint es, hat man sich gewöhnt an die stetigen Schreckensnachrichten von Judenhass weltweit, der sich in sinnlosem Terror gegen Unschuldige manifestiert. Es werden die Toten und Verletzten gezählt, es folgen Solidaritätsbekundungen aller Art, und danach kehrt man zur Tagesordnung zurück – bis zur nächsten Gräueltat.

Empathie Selten allerdings waren Empathie und Entsetzen so groß wie bei dem Angriff auf die Synagoge im kalifornischen Poway bei San Diego. Eine friedliche Gemeinde an einem vermeintlich sicheren Ort wurde von der blutigen Realität des »home grown terrorism«, des hausgemachten Terrorismus, eingeholt. Was macht den Fall Poway so besonders?

Lori Gilbert Kaye war eine der Säulen der Chabad-Gemeinde in der südkalifornischen Kleinstadt. Sie kümmerte sich um alles und jeden. Sie war besonders beliebt, weil sie Gemeindemitgliedern und Freunden Grußkarten zu jedem nur denkbaren Anlass schrieb und mit kleinen Geschenken vor deren Haustür platzierte.

Das Todesopfer Lori Gilbert Kaye (60) gehörte zu den Säulen der Chabad-Gemeinde.

Die Congregation mit der Postanschrift 16934 Chabad Way existiert schon seit 1986. Sie wurde gegründet von Rabbiner Yisroel Goldstein, der bei dem fatalen Angriff des Schützen verletzt wurde und dennoch den Gottesdienst beendete.

Sturmgewehr Kaye, die aus San Diego stammte, überlebte den letzten Tag des Pessachfestes nicht. Die 60-Jährige war an jenem Schabbat in die Synagoge gekommen, um ihrer kürzlich verstorbenen Mutter zu gedenken. Sie stand, so Augenzeugen, in der Schusslinie, als der 19-jährige John Earnest mit einem Sturmgewehr in die Lobby der Synagoge eindrang. Lori Kaye hatte nach den Kindern schauen wollen, die dort spielten.

»Sie hat die Kugeln für uns alle genommen«, schrieb ihre Freundin Audrey Jacobs auf Facebook. Offensichtlich wollte Kaye Rabbiner Goldstein senior (zwei seiner Söhne sind auch Rabbiner in der Gemeinde) retten. Die Familien Kaye und Goldstein waren einander in herzlicher Freundschaft verbunden. Lori Kaye hatte seinerzeit für den Immobilienkredit gebürgt, mit dem Goldstein das Gemeindehaus erbauen lassen konnte.

»Lori Kaye war die Personifizierung der salomonischen Frauen der Tapferkeit«, sagt Rabbi Yisroel Goldstein. »Sie war eine große Philanthropin, warmherzig und stets für alle da.« Schabbat bei den Kayes war ein Erlebnis. Loris aufwendig geschmückter Tisch beherbergte stets eine große Zahl von Gästen. Ihre Challot waren ebenso Legende wie ihre Knejdlach-Suppe und ihr Huhn.

Goldstein war in der Lobby, um seine Toralesung vorzubereiten. Lori hatte ihn noch gefragt, wo denn der Jiskor stattfände. »Ich war auf dem Weg in die Bankett-Halle, um meine Hände zu waschen«, sagt Goldstein, »als ich den ersten Schuss hörte. Instinktiv drehte ich mich um, um festzustellen, was los war. Ich schaute dem Terroristen, dem Mörder, diesem bösen Menschen direkt in die Augen. Er legte mit seinem Sturmgewehr auf mich an.«

»Lori Kaye war die Personifizierung der salomonischen Frauen der Tapferkeit.« Rabbiner Yisroel Goldstein

Dann, nach sechs Schüssen, geschah, so Goldstein, »das Wunder«. Zwar war Lori Kaye bereits tödlich getroffen, der Rabbiner an den Händen verletzt, und der achtjährige Noya Dahan sowie der 31-jährige Almog Peretz hatten Streifschüsse erlitten.

täter Doch dann blockierte die Waffe. Der Armeeveteran Oscar Stewart rannte laut schreiend und fluchend auf den Schützen zu, der ließ sein Gewehr fallen und floh. Kurze Zeit später wurde er von einem Border-Patrol-Polizisten, der an diesem Tag frei hatte, auf einem Parkplatz gestellt. Goldstein, der einen Zeigefinger verlor, führte den Gottesdienst zu Ende.

»Sie hat nicht gelitten, es war kein Blut zu sehen, sie ist direkt in den Himmel gekommen«, sagte Lori Kayes Ehemann, der Mediziner Howard Kaye, auf der Beerdigung, an der Hunderte teilnahmen. Der Arzt hatte noch Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet und war in Ohnmacht gefallen, als er feststellte, wen er da zu retten versuchte. An die Täter und alle anderen, die Hass in sich tragen, appellierte Howard Kaye: »Kehrt um, kehrt zurück in die Welt von Lori, eine Welt des Friedens und der Liebe.«

Die Familie der Verletzten war wegen der Hamas-Raketen aus Sderot nach Poway gezogen.

Es sind vielleicht diese Haltung sowie die besonders ergreifenden Umstände dieser Bluttat – die Familie der kleinen Noya und ihres Onkels Almog waren vor dem Raketenbeschuss der Hamas aus Sderot nach Poway ausgewandert, um ausgerechnet in dem friedlichen Ort vom globalen Terror heimgesucht zu werden –, die für so viel Empathie weltweit gesorgt haben.

Poway scheint dieser Tage die größte jüdische Gemeinde auf Erden zu sein. Alle sind vereint im Schmerz. Auch US-Präsident Donald Trump, der nach der Tat mit Rabbiner Goldstein sprach. Bis nach Deutschland reicht die Welle der Solidarität.

Drehbuch Sie ist auch bitter notwendig, denn das Attentat von Poway folgt einem beunruhigenden neuen Drehbuch, wie der »New Yorker« feststellt. John Earnest hatte seine Tat auf der Verschwörungsplattform »8Chan« angekündigt – und dort sogar mit einem Brandanschlag auf die Synagoge von Escondido geprahlt.

Und auch der Mörder von Christchurch in Neuseeland hatte sein Moscheemassaker auf »8Chan« gepostet – einer Plattform, auf der sich weiße Verschwörungstheoretiker jeglicher rechtsradikalen Schattierung austoben. Eine Internetseite, auf der verwirrte Psychopathen ihre Mörderdepeschen absetzen. Falls die US-Regierung, wie stets nach derlei schlimmen Ereignissen bekundet, wirklich handeln will: Bei »8Chan« und Konsorten gäbe es ein breites Betätigungsfeld.

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026