Argentinien

Mord am Montagmorgen

Verwandte gedenken der Opfer. Foto: dpa

In der Calle Pasteur im Stadtviertel Balvanera der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires herrschte geschäftiges Treiben am 18. Juli 1994. Das Haus Nummer 633, in dem der jüdische Wohlfahrtsverband Asociación Mutual Israelita Argentina (AMIA) sitzt, hatte an diesem Montagmorgen bereits seine Pforten geöffnet. Wie an jedem Tag waren neben den Angestellten auch einige Dutzend Besucher gekommen. Niemand achtete auf den Renault-Lieferwagen, der vor dem Gebäude hielt.

Um genau 9.53 Uhr übertönte eine schwere Explosion alle anderen Straßengeräusche. Menschen, Fahrzeuge und Bäume flogen durch die Luft. Noch Hunderte Meter entfernt zersprangen Fensterscheiben, Türen wurden durch die Wucht der Explosion eingedrückt. Nur wenige Sekunden danach legte sich eine riesige Staubwolke über Menschen und Häuser in der Pasteurstraße.

Trümmer
Das AMIA-Gebäude wurde völlig zerstört. 85 Menschen kamen in den Trümmern und vor dem Haus ums Leben. Rund 300 Personen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die meisten von ihnen waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Noch Tage danach suchten Rettungsteams, die eilig aus Israel eingeflogen worden waren, in den Trümmern nach Überlebenden und Leichen.

Der bei dem Selbstmordattentat ums Leben gekommene Täter konnte erst elf Jahre später nach einer aufwendigen Recherche und DNA-Untersuchung als der zur Tatzeit 21 Jahre alte Libanese Ibrahim Hussein Berro identifiziert werden. Aber bereits wenige Tage nach dem Bombenattentat lagen argentinischen und israelischen Behörden Hinweise darauf vor, dass die Attentäter in enger Verbindung mit der libanesischen Terrororganisation Hisbollah standen.

Interpol Nicht gerade durch großes Engagement zeichneten sich allerdings die argentinischen Polizei- und Justizbehörden bei der Fahndung nach den Mittätern des Anschlags aus. Inzwischen jedoch werden der ehemalige iranische Sicherheitsminister Ali Fallahijan, zwei frühere Kommandanten der Revolutionswächter, Mohsen Rezai und Ahmad Vahidi, zwei Mitarbeiter der iranischen Botschaft in Buenos Aires, Mohsen Rabbani und Ahmad Reza Ashgari, sowie der ehemalige Sicherheitschef der Hisbollah, der Libanese Imad Moughnieh, wegen Beihilfe zu dem Anschlag mit Interpol-Haftbefehl gesucht.

Anfang Januar dieses Jahres sagte Israels früherer Botschafter in Argentinien, Yitzhak Aviran, in ei- nem Interview mit der jüdischen Nachrichtenagentur Agencia Judia de Noticias (AJN), dass mehrere beteiligte Täter getötet worden seien: »Der Großteil der Schuldigen befindet sich im Jenseits, und dafür haben wir gesorgt.«

Buenos Aires Zwei Jahre vor dem Anschlag auf das AMIA-Gebäude war auch die israelische Botschaft in Buenos Aires Ziel eines schweren Bombenanschlags. Am 17. März 1992 raste um 14.42 Uhr ein mit Sprengstoff beladener Pick-up mit einem Selbstmord-Attentäter am Steuer in das Gebäude. Auch eine benachbarte katholische Kirche und eine Schule wurden dabei völlig zerstört.

29 Menschen starben, darunter vier Israelis. 242 Personen wurden verletzt, unter ihnen viele Kinder. Die Sicherheitsbehörden gehen inzwischen davon aus, dass beide Anschläge von denselben Hintermännern geplant wurden.

Bis heute fordert der Dachverband der jüdischen Gemeinden Argentiniens (DAIA) von der Regierung, die beiden Anschläge juristisch aufzuarbeiten – bisher vergeblich. Das Gebäude des jüdischen Wohlfahrtsverbandes ist längst wieder aufgebaut. »Diejenigen, die das jüdische Leben zerstören wollten, sind gescheitert«, betont der AMIA-Schatzmeister Ariel Cohen Sabban.

»Die AMIA bleibt das Haus für alle. Wir empfangen Juden und Nichtjuden, alle Menschen, die guten Willens sind.« Am 18. Juli werden auch in diesem Jahr in Erinnerung an die 85 Ermordeten wieder die Sirenen heulen.

Vereinte Nationen

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