Brasilien

Mit Netzwerk und Krisenstab

Straßenszene in São Paulo Foto: imago images/Agencia EFE

Seit mehr als zwei Monaten hat sie ihr Haus so gut wie nicht mehr verlassen. Die Einkäufe erledigt sie online. »Am schwierigsten war es, meine Reisen nach Rio de Janeiro abzusagen, um meine Familie in den Ferien und zu Pessach zu besuchen«, sagt Leslie Sasson Cohen. Die 45-Jährige ist Sicherheitskoordinatorin des brasilianisch-jüdischen Dachverbands Conib (Confede­ração Israelita do Brasil).

Ähnlich geht es Ricardo Berkiensztat. Er ist Präsident der jüdischen Gemeinde São Paulos (Federação Israelita do Estado de São Paulo – FIESP). Seine Wohnung ist zum Homeoffice geworden. »Durch die vielen virtuellen Besprechungen haben sich auch unsere Arbeitszeiten verlängert. Ich habe meinen Sohn seit mehr als zwei Monaten nicht mehr gesehen und umarmt. Dasselbe mit meinen Eltern«, sagt der 50-Jährige.

BOLSONARO Die Corona-Krise hat den Alltag der Menschen in Brasilien verändert. Als »kleine Grippe« hatte Präsident Jair Bolsonaro die Gefahr einer Corona-Infektion noch im März verharmlost. Mittlerweile ist Brasilien das Land mit der weltweit zweithöchsten Zahl an Covid-19-Fällen. In einigen Städten werden Tote in Massengräbern bestattet, die Krankenhäuser sind überfüllt, und die Menschen sterben, weil es keine Intensivbetten mehr gibt.

Bislang haben sich in Brasilien mehr als 670.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, knapp 36.000 sind an oder mit Covid-19 gestorben. Doch Bolsonaro gibt sich unbeeindruckt und missachtet die Empfehlungen von Fachleuten und der Weltgesundheitsorganisation zur Eindämmung der Pandemie. Seit dem Wochenende veröffentlicht die brasilianische Regierung im Internet keine Gesamtzahlen mehr, wie viele Menschen im Land am neuartigen Coronavirus erkrankten oder gestorben sind.

Stattdessen entließ Bolsonaro mitten in der Krise seinen Gesundheitsminister, und dessen Nachfolger trat nach nur vier Wochen im Amt zurück, da er das Malariamittel Chloroquin nicht, wie von Bolsonaro gefordert, zur Behandlung von Corona-Patienten freigeben wollte. Zur Gesundheitskrise kommt eine politische Krise.

»Leider sehen wir in Brasilien eine Politisierung der Pandemie und Meinungsverschiedenheiten zwischen der Bundesregierung und den Landesregierungen«, sagt Sasson Cohen. Die Bundesstaaten hätten sich für Isolierung und soziale Dis­tanz entschieden und das öffentliche Leben heruntergefahren – Maßnahmen, die Sasson Cohen für richtig hält. Aber »die politische Polarisierung und Gegensätze zwischen den Regierenden erzeugen eine Vertrauenskrise«.

MANGEL Die Reaktion der Regierung sei nicht zufriedenstellend, Präsident Bolsonaro nehme das Virus nicht ernst, kritisiert Berkiensztat. »Es gibt eine Empfehlung der Landesregierungen zu sozialer Isolation, aber in vielen Großstädten geht die Hälfte der Bevölkerung weiterhin auf die Straße.« Das große Problem sei die soziale Ungleichheit im Land. Viele könnten einfach nicht zu Hause bleiben, da sie arbeiten und Geld verdienen müssen. Hinzu kommt der schlechte Zustand des öffentlichen Gesundheitssystems. Es »leidet an der Überfüllung der Betten, dem Mangel an Medikamenten und an Fachleuten«.

»Der Grund dafür ist, dass in den vergangenen 50 Jahren viel zu wenig investiert wurde«, erklärt Arnon Velmovitsky, Anwalt und derzeit Präsident der jüdischen Gemeinde von Rio de Janeiro. »Gesundheit war schon immer eine Priorität nur auf dem Papier.«

»Unsere Hilfe beschränkt sich nicht nur auf unsere Mitglieder«, betont Gemeindechef Arnon Velmovitsky.

Die Gemeinde habe daher einen Krisenstab gebildet. »Es gibt ein Netzwerk von Freiwilligen, die älteren Menschen beim Einkaufen helfen«, erzählt der 60-Jährige. »Wir haben ein Sammelsystem für die Bedürftigsten und bieten online medizinische und psychologische Unterstützung an.« Sie beschränke sich aber nicht allein auf Gemeindemitglieder. »Unsere Idee von Hilfe ist immer plural.«

RISIKOGRUPPEN Auch die Gemeinde in São Paulo hat sich schnell auf die neue Situation eingestellt. »Die liberalen Synagogen streamen ihre Gottesdienste im Internet«, erzählt Berkiensztat. »Unsere Schulen geben Fernunterricht für ihre Schüler, und bei unseren Wohltätigkeitsorganisationen haben sich viele junge Freiwillige gemeldet, um Lebensmittel und Medikamente an Menschen zu liefern, die zu den Risikogruppen gehören.«

Berkiensztat lobt das Israelitische Albert-Einstein-Krankenhaus, das in der Versorgung von Covid-19-Patienten führend sei. »Es stellt ein Drittel aller Betten der öffentlichen Krankenhäuser in São Paulo zur Verfügung.« Darüber hinaus arbeite die Gemeinde in Absprache mit der Stadtverwaltung und der Regierung des Bundesstaates mit nichtjüdischen Bevölkerungsgruppen zusammen, denen es an Lebensmitteln und Kleidung fehlt.

In den vergangenen Wochen sind in São Paulo rund 30 Gemeindemitglieder an oder mit Covid-19 gestorben, die meisten von ihnen waren älter und hatten Vorerkrankungen. Zur genauen Anzahl der Infizierten könne er nichts sagen, beteuert Berkiensztat, denn die meisten hätten keinerlei Symptome.

TESTS Es fehle an ausreichend Tests, kritisiert Sasson Cohen. Sie spricht von 50 Corona-Todesfällen in der jüdischen Gemeinde des Landes.

Doch nicht nur die vielen Toten rufen unter Brasiliens Juden Besorgnis hervor. »Auch bei uns hat der Antisemitismus stark zugenommen«, klagt Velmovitsky. So sorgten in der Öffentlichkeit antisemitische Online-Kommentare gegen Senatspräsident Davi Alcolumbre für Aufregung. »In Zeiten von Krise und Unsicherheit entstehen Hass und Vorurteile, und die Menschen suchen nach ›Schuldigen‹ für die Situation oder richten ihre Wut gegen Minderheiten, die das Ziel ihrer Vorurteile sind«, so Sasson Cohen.

Leider sei der Antisemitismus immer noch in der Bevölkerung verwurzelt, »dies ist vor allem im Internet zu spüren oder, wie im Fall des Senatspräsidenten, wenn politische Differenzen zu antisemitischen Angriffen führen«.

VERSCHWÖRUNGSMYTHEN Berkiensztat verweist darauf, dass der Antisemitismus auch schon vor der Pandemie zugenommen habe. »Wir hören Verschwörungstheorien, die uns Juden für das Virus verantwortlich machen.«

Außerdem sorge ihn die Verwendung israelischer Flaggen und religiöser Symbole in der politischen Auseinandersetzung, sagt Berkiensztat. »Wir sind doch aber keine politisch homogene Gemeinschaft, dies versuchen wir ständig zu zeigen. Wir wollen nicht mit einer politischen Partei verbunden sein, weder mit einer linken, noch mit einer der Mitte oder einer rechten.« In einem politisch polarisierten Land wie Brasilien ist Neutralität eine echte Herausforderung.

Bonn/Berlin

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