Schweiz

»Mit Gottes Hilfe kann es gelingen«

Sein Bild ist in diesen Tagen an der Tür des koscheren Supermarkts, aber auch sonst in jüdischen Vierteln Zürichs oft zu sehen: »Anthony Goldstein in den Nationalrat« steht auf den Plakaten, darunter das Emblem der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Die schwarze Kippa verweist auf die religiöse Richtung des 70-jährigen Kandidaten. Anthony Goldstein ist Mitglied der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ), wo er 13 Jahre lang im Vorstand saß.

Es kommt äußerst selten vor, dass in Zürich ein orthodoxer Jude für ein öffentliches Amt kandidiert, und in anderen Schweizer Städten ist es fast unvorstellbar.

Freisinnige Partei Anthony Goldstein, der auch Schwyzerdütsch spricht, ist seit fünf Jahren Mitglied der bürgerlichen Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Sie stellt in der siebenköpfigen Schweizer Regierung zwei Vertreter. Einer von ihnen ist der als pro-israelisch geltende Außenminister Ignazio Cassis.

Es kommt äußerst selten vor, dass in Zürich ein orthodoxer Jude für ein öffentliches Amt kandidiert, und in anderen Schweizer Städten ist es fast unvorstellbar.

Als die Partei den aus England stammenden Finanzspezialisten und Wirtschaftsprüfer Goldstein vor einigen Monaten fragte, ob er bei den Wahlen am 20. Oktober kandidieren würde, sagte er zu – obwohl er die Schweizer Politik hin und wieder als langweilig empfindet, wie er meint. Amüsiert erzählt er, seine Familie – er und seine Frau haben vier Kinder und 26 Enkelkinder – sagte zu ihm, er solle doch lieber »etwas Jüdisches machen«.

Der im Londoner Stadtteil Golders Green Aufgewachsene engagierte sich schon als junger Mann in England politisch. »Ich war Mitglied bei den Konservativen, wir sind auch damals von Tür zu Tür gegangen und haben um Stimmen geworben.«

Wahlkampf Goldstein findet, man müsse sich politisch engagieren, auch wenn das in orthodoxen Kreisen eher unüblich sei. Das merke er im aktuellen Wahlkampf. »Viele sagen, sie würden mich gern wählen, wüssten aber gar nicht, wie man das macht.«

Auch deshalb steht der Kandidat immer wieder an Wahlkampfständen seiner Partei in Gegenden, in denen viele jüdische Familien wohnen. Am Schabbat ist er allerdings nicht dabei. »Ich habe dem Parteivorstand von Anfang an gesagt, dass ich da nicht mitkomme, das war absolut kein Thema.«

Anthony Goldstein kandidierte vor einigen Jahren bei Kommunalwahlen in Zürich. Er wurde zwar nicht gewählt, erzielte aber ein achtbares Ergebnis.

Ob er diesmal genügend Stimmen bekommt? Eine Wahl im gesamten Kanton Zürich, der in der größeren der beiden Kammern des Schweizer Parlaments, dem Nationalrat, 35 von 200 Sitzen besetzt, wäre eine kleine Sensation. Goldstein hält es nicht für unmöglich: »Mit Gottes Hilfe kann es gelingen.«

Anthony Goldstein sieht der Wahl am 20. Oktober mit Spannung entgegen. Allerdings könnte sich diese Spannung noch in den nächsten Tag hinein ziehen.

Mieten Selbstverständlich bräuchte er dafür mehr als nur die jüdischen Stimmen. Da ist Goldstein aber durchaus gut aufgestellt: Denn er arbeitet auch als Schlichter bei Mietsachen. In Zürich mit seinen in vielen Stadtteilen engen Wohnverhältnissen ist das eine wichtige Tätigkeit. So kommt es, dass ihn auch der Mieterverband, für den er arbeitet, zur Wahl empfiehlt. Und dies als einziger Kandidat der politischen Rechten, denn sonst überlassen die bürgerlichen Parteien dieses Feld fast ausnahmslos der Linken.

Anthony Goldstein sieht der Wahl am 20. Oktober mit Spannung entgegen. Allerdings könnte sich diese Spannung noch in den nächsten Tag hinein ziehen. Denn am Abend des Schweizer Wahlsonntags beginnt der jüdische Feiertag Schemini Azeret. Goldstein wird diesen Abend selbstverständlich in der Synagoge und am Familientisch verbringen. Je nachdem, wie schnell die Stimmen ausgezählt sind, wird er dann möglicherweise noch etwas länger im Ungewissen darüber sein, ob er die Sensation geschafft hat oder nicht.

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thadigsmann  15.04.2026

Rom

Auch die »Trump-Flüsterin« Meloni fällt in Ungnade

Eigentlich gilt Italiens Ministerpräsidentin Meloni als Politikerin mit gutem Draht zu US-Präsident Trump. Nun attackiert er sie scharf. Der Schlagabtausch könnte für Meloni jedoch von Nutzen sein

von Robert Messer  15.04.2026

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

München/Budapest

Europäische Rabbiner gratulieren Magyar zum Wahlsieg in Ungarn

»Das ungarische Volk hat eine klare Entscheidung für Demokratie, für Erneuerung und für ein zukunftsorientiertes Ungarn getroffen«, sagt Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

 15.04.2026

Polen

Rechtsradikaler Politiker schockiert mit israelischer Hakenkreuzfahne

Am Holocaustgedenktag warf Konrad Berkowicz Israel im Sejm vor, das neue Dritte Reich zu sein

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Nordmazedonien

Brandanschlag auf Synagoge in Skopje

Zwei bislang unbekannte Täter verschafften sich Zugang zum Eingangsbereich des Gotteshauses und versuchten, ihn in Brand zu setzen

von Nicole Dreyfus  14.04.2026 Aktualisiert

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026

Ungarn

Netanjahu gratuliert Wahlsieger Magyar – und lobt Orban

Israels Premier: »Orban ist ein wahrer Freund Israels, der fest an der Seite Israels stand angesichts ungerechter internationaler Verleumdungen«

 13.04.2026