Theaterlegende

Meister der Bühnenmagie

Der österreichische Regisseur Max Reinhardt in Wien, 1923. Foto: picture alliance / brandstaetter images/Archiv Setzer-Tschiedel

Theaterlegende

Meister der Bühnenmagie

Für Regisseur Max Reinhardt sollte das Theater ein Fest sein - bis er vor den Nazis in die USA fliehen musste

von Claudia Schülke  09.09.2023 21:28 Uhr

Ausgerechnet mit seinem beruflichen Ziehvater hat er gebrochen. Otto Brahm, designierter Direktor des Deutschen Theaters Berlin und Verfechter der naturalistischen Bühnenkunst, hatte Max Reinhardt (1873-1943) in einem Wiener Vorstadttheater entdeckt und 1894 als Ensemblemitglied nach Berlin geholt. Schon ein Jahr später notierte der junge Schauspieler: »Ich komme in meinem Beruf nicht voran.«

Reinhardt, geboren vor 150 Jahren, wollte eigene Wege gehen - und wurde schnell zum neuen Stern am Theaterhimmel. Er gründete ein Kabarett namens »Schall und Rauch« und das Kleine Theater Unter den Linden. Dort überzeugte er 1903 mit seiner Inszenierung von Maxim Gorkis »Nachtasyl« den Großkritiker Alfred Kerr, der schrieb: »Dieses Haus ist heute für die Förderung dramatischer Dinge der edelste Ort.«

Bahnbrechende Inszenierung Mit Shakespeares Komödie »Ein Sommernachtstraum« im »Neuen Theater« am Schiffbauerdamm brach Reinhardt im Januar 1905 endgültig mit den nüchternen Prinzipien des Naturalismus. »Niemand wird den ‚Sommernachtstraum‘ und das Geheimnis seines Waldes vergessen«, erinnerte sich die Salonnière Helene von Nostiz 1924 im Rückblick an die bahnbrechende Inszenierung.

Reinhardt hatte das moderne Regie-Theater erfunden: mit einem plastischen Wald auf dem moosigen Boden einer Drehbühne statt bemalter Kulissen. Lichtbirnen als Glühwürmchen an beweglichen Zwirnsfäden versetzten die Zuschauer in eine Traumlandschaft. Als er noch im selben Jahr das Deutsche Theater pachtete, musste Otto Brahm ins Lessing-Theater ausweichen.

Das war ein steiler Aufstieg für Reinhardt, der am 9. September
1873 als Sohn des jüdischen Kleinhändlers Wilhelm Goldmann in Baden bei Wien zur Welt kam. Auf Wunsch seines Vaters musste Maximilian Goldmann erst eine kaufmännische Ausbildung absolvieren, bevor er privaten Schauspielunterricht nehmen durfte. 1890 debütierte er an einer Privatbühne in Wien-Maltzleinsdorf.

Salzburger Landestheater Nach weiteren Auftritten an Wiener Vorstadtbühnen legte er sich seinen Künstlernamen Max Reinhardt zu. Im Stadttheater Salzburg übernahm er 52 Rollen in einer einzigen Spielzeit. Kurz war er am Salzburger Landestheater engagiert, dann folgte er Brahm nach Berlin.

Berlin, Salzburg, Wien blieben bis 1937 seine Haupt-Wirkungsstätten. Den atmosphärischen, realitätsflüchtigen Zauber seines »Sommernachtstraums« versuchte Reinhardt 1935 in Hollywood auf die Leinwand zu übertragen, aber es übertrug sich nur Kitsch. Das Kino blieb dem Theaterregisseur lebenslang fremd. Mehr Glück hatte er im Theater, mit seinem Shakespeare-Zyklus, mit Molière und der Commedia dell‘ arte. Hier konnte er anwenden, was er als Schauspieler in der Wiener Vorstadt gelernt hatte.

Wie kein anderer Regisseur seiner Zeit vermochte Reinhardt Stimmungen hervorzurufen und riesige Statistenchöre zu führen. 1910 inszenierte er mit »König Ödipus« sein erstes Arena-Spiel in der Münchner Festhalle. Im Jahr darauf brachte er im Berliner Zirkus Schumann die Uraufführung des »Jedermann« heraus.

Chöre der Erlösten Mit dem Verfasser Hugo von Hofmannsthal gründete er 1920 die Salzburger Festspiele. Alexander Moissi spielte die Titelrolle des »Jedermann«, Werner Krauß den Teufel, Heinrich George den Mammon. »Die Glocken von allen Kirchen läuteten, mächtig brauste die Orgel hinter den geöffneten Portalen der Kathedrale, aus der die Chöre der Erlösten ertönten«, beschrieb Helene von Nostiz.

Das Theater sollte ein Fest sein und die Zuschauer unter Kuppelhorizonten vom tristen Alltag erlösen. »Was mir vorschwebt, ist ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt«, schrieb Reinhardt.
Dafür baute er ein erlesenes Ensemble auf: Albert Bassermann, Ernst Deutsch, Otto Preminger, Fritz Kortner, Käthe Gold, Hans Moser, Peter Lorre, Tilla Durieux, Paula Wessely und Attila Hörbiger lösten ein, was ihnen der Meister abverlangte: »Die Schauspielkunst ist eine Kunst der Enthüllung, nicht der Verwandlung.«

Reinhardt verließ Berlin 1920, behielt aber die Leitung des Deutschen Theaters. Schon 1918 hatte er in Salzburg Schloss Leopoldskron gekauft. Ein Jahr später verließ er seine Frau, die Schauspielerin Else Heims, und die gemeinsamen Söhne; er hatte sich in die Schauspielerin Helene Thimig veliebt. Er pachtete das Theater in der Wiener Josefstadt und eröffnete es mit Goldonis »Diener zweier Herren«. In Wien entstand 1929 das Max Reinhardt Seminar - eine prestigeträchtige Schauspielschule, die als Teil der Hochschule für Musik und Bildende Kunst bis heute existiert.

Flucht nach Salzburg Das Deutsche Theater und das Josefstädter leitete Reinhardt bis 1933. In der Nacht nach dem Reichstagsbrand floh er nach Salzburg, wo aber sein Festspiel-»Faust« bald von Nazis gestört wurde.

Im Jahr 1937 ging er schließlich in die USA, die ihm zum Exil werden sollten. In Hollywood gründete er eine Theater- und Filmakademie. 1941 zog er nach New York und überließ Helene Thiemig die Akademie. Max Reinhardt starb am 31. Oktober 1943 nach einem Schlaganfall in einem New Yorker Hotel. Begraben wurde er auf dem jüdischen Westchester Hills Cemetery in Hastings-on-Hudson im Bundesstaat New York.

Belarus

Die Kushner-Karte

Alexander Lukaschenko sucht die Nähe zu den USA und gibt sich philosemitisch

von Alexander Friedman  18.02.2026

Antisemitismus

In Andorra wird zum Karneval eine Israel-Puppe hingerichtet

In dem kleinen Fürstentum in den Pyrenäen wurde beim Karneval einer Puppe mit Davidstern der Prozess gemacht - die jüdische Gemeinschaft ist empört

 18.02.2026

Meinung

Eklat im Schweizer öffentlich-rechtlichen: Das RTS und der Israelhass

Der eigentliche Skandal ist die Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Senders. Eine Rundfunkanstalt sollte ihre publizistischen Leitlinien immer einhalten und auch bei Israel keine Ausnahme machen.

von Nicole Dreyfus  17.02.2026

Der israelische Bobfahrer Adam Edelman nimmt die Hasstiraden gegen seine Person gelassen und will sich auf den Wettkampf konzentieren.

Olympische Winterspiele

Sender verteidigt »Genozid«-Kommentar, nimmt ihn aber offline

Die politischen Einordnungen eines Schweizer TV-Kommentators bei der Abfahrt des israelischen Bobfahrers Adam Edelman sorgen für Debatten. Der Sender verteidigt sich, der Sportler sieht es gelassen

 17.02.2026

Brüssel

Streit um Beschneider: US-Botschafter nennt Belgien »antisemitisch«

In mehreren X-Posts griff Bill White die belgische Regierung scharf an, die wiederum sich die Einmischung verbat. Hintergrund ist ein Strafverfahren gegen drei Mohelim in Antwerpen

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026

Boston

Dokumentarfilm-Pionier Frederick Wiseman gestorben

»Dokumentarfilme sind wie Theaterstücke, Romane oder Gedichte – sie haben keine messbare soziale Nützlichkeit«, sagte der Verstorbene einst. Er wurde 96 Jahre alt

 17.02.2026

Österreich

Wiener Oberrabbiner wandert nach Israel aus

Sechs Jahre leitete der gebürtige Schweizer Engelmayer mit einer internationalen Berufsbiografie die jüdische Gemeinde in Wien. Jetzt siedelt er mit seiner Familie nach Israel über

von Burkhard Jürgens  16.02.2026 Aktualisiert

Trauer

»Teheran«-Produzentin Dana Eden stirbt mit 52 Jahren

Sie wurde tot in ihrem Hotelzimmer in Athen aufgefunden

 16.02.2026

Bosnien-Herzegowina

Jüdischer Protest gegen rechtsextrexmen Sänger Thompson

Vergangenes Jahr hatte der kroatische Sänger Thompson mit einem Megakonzert in Zagreb einen Zuschauerrekord gebrochen. Bekannt ist er für rechtsnationalistische Auftritte. Jetzt provoziert er erneut

von Markus Schönherr  16.02.2026