Kommentar

Mein jüdisches Erwachen

Wie André Herzberg seine Jüdischkeit fand Foto: Stephan Pramme

Kommentar

Mein jüdisches Erwachen

Für den Musiker André Herzberg musste erst die Mauer fallen, damit er zu seinem Jüdischsein fand

von André Herzberg  09.11.2023 09:30 Uhr

Am Tag als die Mauer fiel, wusste ich, dass die DDR, in der ich bis dahin 34 Jahre gelebt hatte, Geschichte war. Wie stark dies mein Leben neu bestimmen würde, ahnte ich noch nicht.

Einen Monat später war ich in New York. Als Musiker war es immer mein Traum gewesen, dort zu sein, und es war das westlichste Lebensgefühl, das ich mir vorstellen konnte, wohin nun alles trieb.

Auf dem Time Square sah ich eine riesige Leuchtschrift für Chanukka, die mitten in der üblichen Werbung blinkte. Selbstverständlich, mitten im öffentlichsten Raum wurde an ein jüdisches Fest erinnert, dessen Namen ich nur aus der geschlossenen Wohnung meiner Mutter kannte.

Für mich war es, als würde ein Geheimnis preisgegeben. Ich kannte noch kaum die Bedeutung, aber die Tatsache des für alle weit sichtbaren, deutlichen Zeichens, hier wird an Juden gedacht, war schockierend.

Die Stimme hallte in Hebräisch

Kurz danach war ich mit meinem amerikanischen Freund in einer Synagoge. Der Rabbi sammelte die vielen, lärmenden Kinder um sich, sang mit ihnen und betete. Noch nie hatte ich so viele jüdische Kinder zusammen gesehen, die auch noch fröhlich waren, an so einem Ort. Meine Erfahrungen aus der Berliner Synagoge Rykestraße waren qualvoll.

Mutter verdonnerte mich, einen Pudel aufzusetzen. Es gab in der DDR keine Kippot zu kaufen. Dann saßen wir in einer der hinteren, leeren Reihen, die Stimme hallte in Hebräisch, für mich unverständlich, durch den Raum. Immer wieder gab es dieses langgezogene, von mir schon angstvoll erwartete Wort, »Aaaauuuschschschwiiiitz«.

Es hatte sich mir ins Herz gebohrt, wie meine Tante mit thüringischer Färbung davon erzählte, also gemütlich im Klang, wie sie nackt vor Dr. Mengele stand und weiterleben durfte. Mutter war es peinlich, weil Tante Fofi, wie wir sie nannten, nur »Opfer des Faschismus«-Rente bekam, Mutter dagegen die »Kämpfer«-Rente. Das war Mutters Hin und Her, erst viel später lernte ich dafür das Wort, Trauma.

»Bleibst du jetzt hier?«

Als junger Musiker wollte ich nicht mehr über meine Jüdischkeit nachdenken. Ich wollte Spaß, Erfolg, Frauen. Jude sein war geheim, unausgesprochen, belastend, also ganz das Gegenteil.

In New York traf ich mich mit meinem Onkel. Der ehemalige Berliner hatte sich nach dem Krieg, der Nazi-Hölle entkommen, eine neue Heimat aufgebaut, und er fragte mich als Erstes ganz selbstverständlich, »Bleibst du jetzt hier?«. Aber ich wollte mich nicht als Künstler aufgeben und in den USA ein anderes Leben aufbauen.

In diesem Augenblick begann alles zu bröckeln. Es war nur der Beginn eines langen, schwierigen, inneren Prozesses, der mich zu mehr Jüdischkeit führte. Ich bezahlte mit größerer, innerlicher Trennung von meinen Eltern. Bald darauf fuhr ich das erste Mal nach Israel, wo ich mich im Kibbuz als Jude unter lauter Juden wiederfand, was mir half, eine größere Selbstverständlichkeit zu finden.

Das jüdische Leben

Ich ließ mich später beschneiden, und mit jedem dieser Schritte ließ ich das Schattendasein, das Trauma meiner Eltern, ihre dürftigen, traurigen Erklärungen, ihren keine Abweichung duldenden Stalinismus immer mehr hinter mir.

Inzwischen lebe ich mit meinen Kindern das jüdische Leben, so wie ich es mir erwünscht hätte, wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte. An jedem Schabbat, wenn wir zusammensitzen, wenn die warmen Brote auf dem Tisch liegen, wenn die Kerzen angezündet sind, wenn wir alle zusammen das »Schalom Alechem« singen.

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  02.07.2026

Schweiz

Zürcher Attentäter schweigt vor Gericht

Der 17-jährige Angeklagte, der am 2. März 2024 in Zürich einen orthodoxen jüdischen Mann fast tötete, verweigert vor Gericht jede Aussage. Ihm droht wegen mehrfachen versuchten Mordes die höchstmögliche Jugendstrafe von einem Jahr Freiheitsentzug.

von Nicole Dreyfus  02.07.2026

USA

Es war einmal ein »Reich der Güte«

Vor 250 Jahren wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Aus jüdischer Perspektive war die Entstehung der Neuen Welt auch der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte

von Paul Bentin  02.07.2026

Großbritannien

Oberrabbiner Mirvis fordert, den Ruf »Tod der IDF« unter Strafe zu stellen

Oberrabbiner Mirvis hat die Politik seines Landes zu einem schärferen juristischen Vorgehen gegen anti-israelische und antisemitische Hassrede aufgefordert

 01.07.2026

Proteste gegen Kushner-Projekt

Ein Land sieht pink: Albaniens Flamingo-Revolution ist nicht zu stoppen

Flamingos überall - und kein Ende in Sicht: EU-Beitrittskandidat Albanien ist fest im Griff einer Protestwelle. Fällt die Regierung unter der pinken Revolution?

von Markus Schönherr  30.06.2026

Österreich

Rabbiner Yaron Nisenholz wird Wiens neuer Oberrabbiner

Nach einem internationalem Auswahlverfahren übernimmt Rabbiner Yaron Nisenholz die religiöse Führung der IKG Wien

von Nicole Dreyfus  29.06.2026

Venezuela

Jüdische Gemeinde beklagt drei Tote, mehr als 100 Obdachlose

Das Erdbeben in Venezuela hat auch für die rund 5000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinschaft des Landes schwere Folgen

 29.06.2026

Eva Erben

»Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«

Die 95-jährige Holocaustüberlebende war aus Israel nach Prag gekommen, um bei der Verlegung der »Stolpersteine« für ihre in der Schoa ermordeten Eltern dabei zu sein

von Michael Thaidigsmann  26.06.2026