USA

Marathon als Mizwa

Auf den ersten Blick sehen sie aus wie alle anderen Läufer: Shorts, Sportschuhe und Schweißtropfen auf der Stirn. Doch Scott Weiner, Ben David und ihre Laufkollegen sind keine gewöhnlichen Marathonis. Am Ende der 42,195 Kilometer sind sie nicht nur ihrer persönlichen Bestzeit, sondern auch einem höheren Ziel näher gekommen: die Welt ein bisschen besser und gerechter zu machen. Sie sind die »Running Rabbis« – Rabbiner, die mit ihrer Teilnahme an Läufen Spendengelder für Wohltätigkeitsorganisationen beschaffen. »Laufen als Tikkun Olam«, nennt es Rabbiner Scott Weiner, einer der Gründer der »Running Rabbis«.

zedaka Weiner ist Oberrabbiner am Temple Israel in New Rochelle bei New York und leidenschaftlicher Läufer. Bereits als Student am Hebrew Union College ging er bei verschiedenen Events an den Start – zusammen mit seinem Freund und Studienkollegen Ben David, der mittlerweile Rabbiner in Mount Laurel (New Jersey) ist.

Im Jahr 2005 motivierte ihn David, sich an der Startnummer-Lotterie beim New Yorker Marathon zu beteiligen. Beide bewarben sich – und gewannen. Beim anschließenden Training und dem ehrenamtlichen Engagement in New Yorker Suppenküchen begegneten sie immer wieder zahlreichen Obdachlosen, Bettlern und Kranken. »Daraus entstand der Wunsch, möglichst viele Menschen für gesellschaftliche Nöte und Missstände wie Hunger und Obdachlosigkeit zu sensibilisieren«, erzählt Weiner. »Und was erregt mehr Aufmerksamkeit als zwei rennende Rabbiner?«, bemerkt Weiner schmunzelnd.

Also bügelten die beiden die Buchstaben »RR« – für »Running Rabbis« – auf ihre Trikots und liefen los. Am Ende der Strecke hatten sie die Herzen zahlreicher Unterstützer gewonnen – und ein paar Tausend Dollar für gute Zwecke »erlaufen«. »So haben wir eine ziemlich egoistische Aktivität, den Sport, in eine Plattform für die Erfüllung eines sozialen Auftrags – Zedaka – verwandelt«, sagt Weiner.

Immer mehr Freiwillige traten den »Running Rabbis« bei, und bald war die kleine gemeinnützige Organisation zu einer internationalen und interreligiösen Bewegung geworden, die Rabbiner und Kantoren verschiedener Altersstufen und Strömungen in aller Welt vereinigt. »Manchmal laufen wir in einer Gruppe von 18 Läufern«, sagt Rabbi Weiner stolz.

Ob New York, Las Vegas oder Boston – die »Running Rabbis« sind bei allen wichtigen Laufveranstaltungen dabei. Einladungen nach Europa haben sie allerdings bislang abgelehnt. »Wir versuchen, uns auf die nächste Umgebung zu konzentrieren«, sagt Weiner, »das ist Arbeit genug.«

suppenküchen Jedes Jahr wählen die »Running Rabbis« eine andere Wohltätigkeitsorganisation aus. Seit 2005 haben sie auf diese Weise Autismus- oder Krebsforschungszentren, Einrichtungen für Kinder oder gegen häusliche Gewalt, Obdachlosenzentren und Suppenküchen sowie Sportzentren mit mehr als 200.000 Dollar unterstützt. »Das Feedback ist enorm«, sagt Weiner, »es gibt nichts Schöneres als die Freude der Empfänger«.

Die Rabbiner sind darauf bedacht, vor allem nichtjüdische Organisationen zu unterstützen – was ihnen einige Kritik einbringt. Doch Weiner hat Gründe für diese Entscheidung: »Als Rabbiner kümmern wir uns tagtäglich um die Sorgen jüdischer Menschen – dies soll uns daran erinnern, dass es unser Auftrag ist, allen Bedürftigen, egal welcher Religion, zu helfen. Auch wenn das Geld nicht nach Israel geht oder jüdischen Kindern zugutekommt – Menschen in Not zu unterstützen, ist eine zutiefst jüdische Idee«, sagt Weiner mit Nachdruck.

Der Erfolg gibt ihm recht – die meisten Spender kommen laut Weiner aus der jüdischen Community. Und sein Beispiel macht Schule: Inzwischen haben sich ein paar Kantoren mit ähnlichen Motiven unter dem Namen »Cantors Who Care« zusammengeschlossen.

Vorurteile Dass Weiner und seine Kollegen ausgerechnet das Laufen gewählt haben, um ihre Mission als Rabbiner zu erfüllen, ist ungewöhnlich. Denn trotz der vielen Erfolge jüdischer Sportler ist das Verhältnis des Judentums zum Sport gespalten und mit Vorurteilen behaftet – eine Sichtweise, die in der Geschichte wurzelt.

Der Körperkult der frühen Olympischen Spiele, von den Griechen als Fest für die Götter inszeniert, wurde von den stärker intellektuell orientierten Juden abgelehnt. Obwohl der Talmud lehrt, dass es wichtig ist, den Körper gesund zu erhalten, weil er das Gefäß für die Seele ist, lehnen noch heute vor allem orthodoxe Juden jede sportliche Betätigung ab. »Die meisten Menschen stellen sich Rabbiner als vergeistigte, schwarz gekleidete und bärtige Männer vor, nicht als Marathonläufer«, sagt Weiner lachend. »Wir zeigen ihnen, dass wir ganz normale Erdenbürger sind – und überwinden damit die Hemmschwellen vieler Leute.«

Dennoch wollen die »Rennenden Rabbiner« mit ihrem Sport weder ihren Ehrgeiz befriedigen noch ein Exempel statuieren. Die Entscheidung fürs Laufen war eine höchst praktische: »Jeder sollte sein eigenes, ganz spezielles Talent dafür nutzen, Gutes zu tun und damit die Welt ein Stück weit zu verbessern«, betont Weiner. »Das kann eine künstlerische oder sonstige Tätigkeit sein – für uns ist es eben der Sport.«

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