Belgien

Mafia und Juwelen

Kevin Janssens (l.) als Noah und Robby Cleiren als Eli Foto: De Mensen / Netflix

Wer ist der erfolgreichste Serienheld Israels? Doron Kabilio, der impulsgesteuerte Turboagent aus Fauda. Welches jüdische Setting hat zuletzt für Film-Schlagzeilen gesorgt? Das der ultraorthodoxen Juden in Shtisel und Unorthodox. Kann man das irgendwie verbinden? Wie wäre es mit einem Mafia-Thriller mit einem jüdischen Helden im Diamanten-Viertel von Antwerpen? Voilà: Hier kommt die neue Netflix-Serie Rough Diamonds.

Noah Wolfson hat vor 15 Jahren mit seiner angesehenen charedischen Familie aus der Gemeinschaft der Antwerpener Diamantenhändler gebrochen und sich in London ein neues Leben aufgebaut. Doch nachdem sein kleiner Bruder Yanki Selbstmord begangen hat, kommt er zu dessen Beerdigung, auch wenn außer Schwester und Mutter kaum jemand etwas mit ihm zu tun haben will. Als klar wird, dass Yanki vor seinem Tod in krumme Geschäfte verwickelt war, ahnt der Zuschauer langsam, dass Noah auch in seinem neuen Leben nicht unbedingt ein guter Junge ist, denn der muskulöse Mann mit dem kantigen Kinn und der kurzen Zündschnur geht bei der Suche nach Antworten erstaunlich brutal und effizient vor.

konzept Die israelisch-belgische Produktion folgt dem Konzept »Es geht immer noch schlimmer«, und so rutschen die Wolfsons bei jedem Versuch, die Familie und die Firma zu retten, tiefer in die Kriminalität. Der Schuldenberg wächst und damit auch die Erpressbarkeit.

Offensichtlich hatte Yanki sich mit der albanischen Mafia eingelassen, was schließlich auch noch die belgische Polizei auf den Plan ruft. Während Noahs Schwester Adina sofort erkennt, was auf dem Spiel steht und dementsprechend handelt, sorgt der ältere Bruder Eli für zusätzliche Probleme. Und Noah muss länger bleiben als geplant.

Wie in jedem guten Thriller geht es auch hier um viel mehr als Geld, Gewalt und clevere Twists. Noah, der verlorene Sohn, muss herausfinden, wer er eigentlich ist. Ansonsten, so prophezeit das Familienoberhaupt Tate Ezra, werde er nichts als Chaos und Zerstörung bringen. Dazu kommt eine alte Liebesgeschichte, die Noah das Herz verdreht, und sein kleiner Sohn, der zwischen dem freiheitsliebenden Vater und der neuen, klar geregelten Welt hin- und hergerissen ist.

glückstreffer Rough Diamonds mag zuweilen sprichwörtlich etwas roh daherkommen und Details eher auf Fauda-Art wegwischen, denn auf Shtisel-Art fein ausleuchten, doch ist die Besetzung ein Glückstreffer.

Dabei sind es vor allem die Frauenfiguren, auf die man regelrecht wartet. Allen voran Ini Massez, die Noahs hartgesottene und zugleich sensible Schwester Adina spielt. Die israelische Schauspielerin Yona Elian strahlt als Noahs Mutter Sarah voll wunderbarer Wärme und Entschiedenheit. Und Marie Vinck, als Noahs ehemalige Verlobte Gila, spielt so rehgleich verzweifelt, als wäre sie die große Schwester von Shira Haas. Eine gelungene Überraschung ist der Auftritt von Musicalstar Dudu Fisher als Tate Ezra. Die besonders fein ziselierte Charakterführung von Robbie Cleiren als Eli ist wirklich ein Hingucker. Und Kevin Janssens dauerbrodelnder Noah erinnert tatsächlich ein bisschen an Doron.

Nein, Rough Diamonds erfindet nichts Neues, schließlich hat Sidney Lumet bereits 1992 in A Stranger among us das Leben charedischer Diamantenhändler in einem Thriller verewigt. Doch holt diese Serie Shtisel in die Diaspora und Unorthodox in die Mainstream-Unterhaltung. Und das mit einer wunderbaren Vielsprachigkeit aus Jiddisch, Flämisch, Französisch und Englisch.

Action, Familie und Glaube werden kräftig gemixt und ergeben einen zugkräftigen Cocktail, der wieder einmal zeigt, dass Israel das kleine Serien-Hollywood ist.

»Rough Diamonds« – jetzt auf Netflix

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