Chile

Maccabi in den Anden

Acht Tage lang ist in Chiles Hauptstadt Santiago bei hochsommerlichem Wetter gefochten, geschwommen und gekickt worden. Am Montag dann gingen die 13. Panamerikanischen Makkabi-Spiele zu Ende. Ihren emotionalen Höhepunkt erlebte die alle vier Jahre stattfindende jüdische Olympiade auf dem amerikanischen Kontinent bereits zum Auftakt.

Vor rund 8000 bewegten Zuschauern im Stadion der Universidad Católica von Santiago – darunter die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet – entzündeten Iara und Kala Nisman, Töchter des argentinischen Staatsanwaltes Alberto Nisman, die »Flamme der Wahrheit und Gerechtigkeit«. Anschließend wurde in einer Videobotschaft ein Brief von Iara Nisman verlesen.

»Wir haben lange an der Idee gearbeitet, die beiden einzuladen. Denn der Tod Nismans, zusammen mit der AMIA-Tragödie, hat die argentinische Gemeinde und alle jüdischen Gemeinden in diesem Teil der Welt erschüttert«, erklärte Makkabiade-Präsident Álvaro Rosenblut gegenüber der jüdischen Nachrichtenagentur AJN.

Terror Nisman war Sonderstaatsanwalt und ermittelte im Fall des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) 1994 in Buenos Aires. Bei dem Anschlag waren 85 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 300 wurden verletzt. Die Entscheidung für den Anschlag sei an höchster Stelle der damaligen iranischen Regierung gefallen, so eine argentinische Untersuchungskommission.

Mitte Januar 2015 war Nisman mit einer Schusswunde tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob es sich um Mord oder Suizid handelte. In einem Bericht hatte Nisman der damaligen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner vorgeworfen, aus wirtschaftlichen und diplomatischen Interessen die Verfolgung der Hauptverdächtigen des Anschlags zu sabotieren.

Für den früheren Vorsitzenden des jüdischen Dachverbandes DAIA (Delegación de Asociaciones Israelitas Argentinas), Waldo Wolff, ist das Gedenken an Nismans Tod im Rahmen der Makkabi-Spiele Ausdruck eines »stolzen Judentums, das Werten wie Gerechtigkeit und Erinnerung folgt, und in diesem Fall die Familie eines Mannes ehrt, der in der Erfüllung seiner Pflicht starb«.

GEist Neben den Schwestern Iara und Kala Nisman waren an der Entzündung der insgesamt sechs Flammen weitere Personen beteiligt, die jede auf ihre Art den Geist der Makkabi-Spiele verkörpern: Elie Alevy, eine Holocaust-Überlebende; Mario Kreutzberguer, Sprecher des Stadions Israelita Maccabi in Chile; Frankin Lobos, früherer chilenischer Fußballer und einer der 33 Geretteten des Grubenunglücks von San José, das Chile und die Welt im Sommer 2010 in Atem hielt; Noam Guershony, ein früherer israelischer Pilot, der querschnittsgelähmt später zum paraolympischen Goldmedaillengewinner im Tennis wurde, sowie die Tochter und die Enkelin eines israelischen Sportlers, der bei dem Olympia-Attentat von München 1972 ermordet wurde.

Den Eindruck vieler Teilnehmer brachte Bradley Lazarus, britischer Fußballer und Teil der Delegation aus dem Vereinigten Königreich, auf den Punkt: »Für das gesamte Team war die Eröffnungszeremonie die beste, die es jemals gegeben hat. Es schien, als sei die gesamte jüdische Bevölkerung Chiles gekommen, um uns und alle anderen Athleten zu unterstützen. Es herrschte ein großartiger Geist – wie eigentlich immer bei solchen Gelegenheiten –, vor allem, als die Hatikwa (Israels Nationalhymne) von allen gemeinsam gesungen wurde.« Das sei immer ein symbolischer Moment, so Lazarus. Die britische Flagge trug die Tennisspielerin Samantha Cohen. Sie war auch im Sommer bei den European Maccabi Games in Berlin dabei.

Zionismus Sport wurde in den acht Tagen in Santiago natürlich auch getrieben, obwohl die Ergebnisse bei Makkabi-Spielen nicht im Vordergrund stehen. Das sieht auch Rosenblut so: »Über den Sport und den Wettkampf hinaus wollen wir Kontinuität und Identität erzeugen und mit den jüdischen Gemeinden des Kontinents zusammenarbeiten. Mehr als ein sportlicher Wettkampf besteht das Konzept darin, ein zionistisches jüdisches Ereignis zu sein und eine gemeinsame Erfahrung für alle zu schaffen.«

Rund 4000 Teilnehmer (und damit fast doppelt so viele wie bei den European Maccabi Games vergangenen Sommer in Berlin) waren nach Chile gereist. Sie kamen aus 21 Ländern, von Kanada bis Chile, aber auch aus Staaten, die lange nicht mehr an Makkabi-Spielen teilgenommen haben, wie Kuba, Bolivien oder Guatemala, sowie aus Israel, einigen europäischen Ländern, Südafrika und Australien. Eine Woche lang fochten sie in insgesamt 16 Sportarten wie Fußball, Tennis, Schwimmen, Beachvolleyball und vielen mehr ihre Wettkämpfe aus.

Wie immer bei jüdischen Großereignissen waren auch im Vorfeld der Panamerikanischen Makkabi-Spiele in Chile Fragen der Sicherheit aufgekommen. Das südamerikanische Land beherbergt mit heute geschätzten rund 400.000 Menschen die größte palästinensische Exil-Gemeinde außerhalb des Nahen Ostens. Seit 1912 – Palästina stand damals noch unter osmanischer Herrschaft – waren zahlreiche Menschen aus der Levante nach Chile geflüchtet. Der 1920 in Santiago gegründete Verein Deportivo Palestino ist heute der einzige Fußball-Profiklub der palästinensischen Diaspora weltweit.

Sicherheit Die palästinensische Gemeinde sei jedoch zu keiner Zeit ein Faktor gewesen, darüber nachzudenken, die Makkabi-Spiele in Chile nicht auszutragen, sagt Carlos Tapiero, Chef der Maccabi World Union. »Es gab nie ein Problem. Von Anfang an ist Chile für die Sicherheit seiner jüdischen Bürger und dieses jüdischen Ereignisses eingestanden.«

Und so waren die Panamerikanischen Makkabi-Spiele vor allem ein sportliches Zusammensein und ein soziales Ereignis, das seine Teilnehmer mit dem Judentum und dem Staat Israel verbindet.

»An diese Erfahrung werden die Sportler sich erinnern«, betont Cheforganisator Álvaro Rosenblut. »Als Sportler und Funktionär kann ich sagen, dass es spektakulär ist, an einer Makkabiade teilzunehmen.« Über das Sportliche hinaus gehe es vor allem um das Soziale und ein Gemeinschaftsgefühl. »Gewinnen oder Verlieren – ich hoffe, alle fahren mit den besten Erinnerungen und Erfahrungen wieder nach Hause.«

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