Grossbritannien

Londons hungrigster Rabbiner

Magenknurren für den Dialog: Rabbi Levy Foto: Daniel Zylbersztajn

In einem älteren Gebäude am Bloomsbury Square in London läuft ein schlanker Rabbiner, dynamisch und sportlich, zwei Etagen der steilen knarrigen Treppen hinunter. Einst wohnte hier Isaac D’Israeli, der Vater des späteren britischen Premiers Benjamin Disraeli. Heute ist es der Sitz des Zentralrats der Juden in Großbritannien, Board of Deputies (Bod).

Die Sportlichkeit des Gelehrten überrascht, denn er hat schon seit Längerem nichts zu sich genommen. Es ist gerade Zom Tamus, der jüdische Fastentag zur Erinnerung an den Beginn der Zerstörung Jerusalems. Aber Levy hat auch am Vortag nicht viel gegessen. Das letzte Mal, dass er ausgiebig feste Nahrung zu sich genommen hatte, war am Schabbat zuvor, denn an allen anderen Tagen fastet Levy von frühmorgens bis spätabends. Hat er etwa noch mehr zu betrauern als die traumatische Zerstörung der Stadt Jerusalem durch die Römer?

interreligiös Der in Amerika aufgewachsene und in Berkeley graduierte orthodoxe Rabbi ist seit über zwei Jahren der interreligiöse Beauftragte des Bod. Er hat zahlreiche interreligiöse Begegnungen organisiert. Doch völlig unvorbereitet traf ihn die Reaktion eines Mitglieds seiner Synagoge. Dort saß am Freitagabend, den 27. Juni, ein Ehrengast, eine muslimische Professorin aus Cambridge. Die Jüdin neben ihr geriet in Panik, als sie die Muslima mit dem islamischen Hidschab sah, klappte ihr Gebetbuch zu und rannte aus dem Gottesdienst, um das Sicherheitspersonal der Synagoge zu verständigen.

»Ich war von dieser Begebenheit sehr betroffen«, sagt Levy. »Sie zeigte mir, dass innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zum Teil nicht einmal die Fundamente für einen Anfangspunkt der Begegnung bestehen, und ich fragte mich, was ich dagegen tun könnte.« Am Abend des 29. Juni, dem Vorabend des ersten Ramadanfastentages, traf Levy eine spontane Entscheidung: Er wollte mitfasten. »Ich verfasste eine Meldung auf Facebook, und innerhalb einiger Stunden hatte der Nachrichtenredakteur der britisch-jüdischen Zeitung Jewish News davon erfahren und mich um ein Interview gebeten. Es gab kein Zurück.«

Dass ein orthodoxer Rabbiner an Ramadan fastet, war bald in aller Munde, und Levy wurde zum Medienstar der BBC. »Ich fühle mich ein bisschen unwohl deswegen, da ich ja das Gleiche wie die Muslime tue, die aber nicht interviewt werden«, meint er. Doch was soll das Hungern bewirken, will Levy Muslim werden? Keineswegs – der Rabbiner spricht von »conversation rather than conversion«.

Schabbat »Meine jüdischen Glaubensgenossen sehen, dass ich nichts esse und trinke, und so wird das Fasten zum Gesprächsthema über Ramadan und Islam. Von muslimischen Kontakten erhalte ich Tipps, wie ich das Hungern durchstehe, und Dankeserklärungen.« Er sei und bleibe Jude, beteuert der Rabbi. »Ich bete nicht fünfmal pro Tag, und außerdem esse ich am Schabbat, denn sonst müsste ich laut Halacha noch einen extra Tag pro Schabbat fasten.« Gerade das mache es nicht einfacher, denn sein schwerster Tag sei der Sonntag danach.

Eine der Geschichten der Tora, die Levy fasziniert, ist die von Awraham, Jizchak und Jischmael. »Jizchak macht es sich zur Aufgabe, die zerbrochene Familie wieder zu vereinigen. Ich sehe es als meine Verpflichtung, mich mit meinen Wüstenbrüdern, wo auch immer sie leben, wieder zu versöhnen«, erklärt Levy. Juden und Muslime hätten Fasten und Beten auch als »Strategie« eingesetzt, wenn es in der Geschichte nicht so lief, wie sie wollten.

»Das zeigt, dass wir nicht zu weit voneinander entfernt sind. All die ernsten Diskussionen und Details des islamischen Fastens erinnern mich sehr an die geregelte jüdische Lebensweise.« Eine Überraschung für ihn sei gewesen, dass Muslime sich mit armen Menschen solidarisieren und das Geld, das sie wegen des Fastens sparen, spenden.

Kritik an seiner Aktion hält Levy für verfehlt – und will weiter über die Botschaft der Gerechtigkeit des Ramadan nachdenken. Doch auch sein Magen beschäftigt ihn. Als er an der Rezeption an einer Glasschale vorbeigeht, sagt er plötzlich: »Da sollten eigentlich Bonbons drin sein.« Doch einige Tage muss der Rabbi noch durchhalten.

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