Kiew

Lichter im Krieg

Das wichtigste Wort in der Geschichte von Chanukka ist »Wunder« – doch nur auf den ersten Blick. Denn tatsächlich hilft Gott denjenigen, die im Kampf für ihre Überzeugungen und Ideale, für ihre Freiheit und die ihres Landes aufs Ganze gehen. Für diese hartnäckigen Helden schafft Gott das, was man gemeinhin ein Wunder nennt.

Die Tatsache, dass die Ukraine seit fast zwei Jahren der Invasion der zweitgrößten Armee der Welt trotzt, ist in gewissem Sinne auch ein Wunder. Ein Wunder, an das im Februar 2022 weder Moskau noch Washington, Brüssel oder Berlin glaubten.

So wie im Falle von Chanukka geht es auch in diesem Krieg um Identität – und um das Recht, in der eigenen Heimat zu leben und einen eigenen Weg zu wählen. Unterdessen gehen die Kämpfe weiter, und die ukrainischen Juden feiern ihr zweites Chanukka im Krieg.

Noch vor zwei Jahren lag die Zahl der in Odessa lebenden Juden bei mehreren Zehntausend. Doch mit Beginn der russischen Aggression verließen 70 Prozent von ihnen die Stadt, viele gingen ins Ausland. Gleichzeitig seien neue Menschen in die Gemeinde gekommen, Vertriebene aus Kherson, Donetsk oder Bakhmut, sagt Kira Verkhovskaya. Sie ist Vorstandsvorsitzende des jüdischen Gemeindezentrums »Migdal« und staunt darüber, wie das Gemeindeleben trotz des Krieges pulsiert. »In der 32-jährigen Geschichte von Migdal hatten wir noch nie so viele Besucher. An etlichen Kursen nehmen mehr als 50 Erwachsene teil.«

Das Telefongespräch wird durch das Heulen einer Sirene unterbrochen

Das Telefongespräch wird durch das Heulen einer Sirene unterbrochen. Es ist zu hören, wie sich Verkhovskaya im Befehlston an ihre Kinder wendet: »Raus, auf den Korridor, schnell!«, schreit sie. Die russischen Truppen bombardieren an diesem Tag das Hafengebiet.

»Im vergangenen Jahr haben wir für den Schabbat an Chanukka ein Hotel mit einem Stromgenerator gemietet«, erzählt Polina Blinder. Sie ist die stellvertretende Direktorin des Gemeindezentrums. »Damals fiel dann tatsächlich der Strom aus, aber unsere Gäste saßen zwei Tage lang im Warmen, hatten Licht und warmes Wasser.«

In diesem Jahr sind für jeden einzelnen Chanukka-Tag Aktivitäten für Juden aller Altersgruppen geplant. Dazu gehören Rätsel für Kinder, ein Chanukka-Quiz sowie einige Abende für Gemeindemitglieder, die in ihrer Jugend im Ghetto oder KZ waren. Am 8. und 9. Dezember sollen im Hotel »Londonskaja« am Primorski-Boulevard 100 Personen zu einem gemeinsamen Schabbat zusammenkommen – vorausgesetzt, die russische Armee beschießt an diesen Tagen nicht wieder den Hafen.

Unisono sagen Verkhovskaya und Blinder, die Nachfrage nach jüdischen Aktivitäten habe seit Kriegsbeginn deutlich zugenommen. »Die Menschen besuchen Vorträge und sehnen sich nach Geselligkeit. Sie wollen sich vom Krieg ablenken.«

Ähnlich wie in Odessa ist die Situation in Kiew. Auch dort haben etwa zwei Drittel der Gemeindemitglieder die Stadt verlassen. Einige jüdische Schulen wurden geschlossen, und das jüdische Dorf Anatevka in der Nähe von Kiew, wo vor dem Krieg 60 Jungen den Kindergarten und 40 Mädchen die Mädchenschule besuchten, musste aufgegeben werden.

Die Nachfrage nach jüdischen Aktivitäten hat seit Kriegsbeginn deutlich zugenommen

Und doch beobachtet man auch in Kiew dasselbe Paradox: Jüdische Veranstaltungen werden stärker besucht als vor dem Krieg. Nach Angaben von Rachel Kantorovich, die in der Gemeinde Hebräisch unterrichtet, kamen im vergangenen Jahr mehr als 150 Personen zur Chanukka-Feier in die Gemeinde. Das Fest sei dann ausgerechnet auf jene Tage gefallen, an denen die Behörden angeordnet hatten, die Wohnungen zu verdunkeln. »Aber es gibt ein Gebot, die Dunkelheit mit Licht zu vertreiben – ich sehe darin eine besondere Symbolik«, betont Kantorovich.

In den ersten Tagen der russischen Invasion versuchte Rachel, eine studierte Ärztin, sich für den Einsatz an der Front zu melden. Heute seien viele kriegsmüde, sagt sie, »aber die Menschen glauben, dass das Böse nicht siegen kann«.

Die ukrainischen Juden feiern bereits zum zweiten Mal Chanukka in Zeiten des Krieges.

»In dunklen Zeiten brauchen die Menschen Licht«, hebt Galina Kotljar hervor, die hinzugetreten ist. Sie ist eine Geflüchtete aus Charkiw und leitet die Entwicklungsabteilung der Gemeinde. »Für mich als Zuwanderin war es wichtig, einen Ort zu haben, an dem ich herzlich aufgenommen wurde.« Sie versuche, diese Herzlichkeit weiterzugeben, denn es kämen weiterhin viele Flüchtlinge, sagt Kotljar.

In diesem Jahr erwartet die Gemeinde zu Chanukka mehr als 200 Erwachsene und rund 100 Kinder. Ein großes Konzert ist geplant, es soll Geschenke geben und ein Programm für Kinder. Sie werden eine Lichtshow einstudieren: »Stadt aus Licht«, so der Titel. Darüber hinaus werden junge Gemeindemitglieder Geschenke und Lebensmittelpakete an ältere Juden verteilen und mit ihnen zu Hause das Chanukkalicht anzünden.

Im Gegensatz zu Kiew und Odessa haben die allermeisten Juden von Winnyzja ihre Heimatstadt nicht verlassen oder sind nach der Evakuierung zurückgekehrt. Inzwischen leben wieder rund 2000 Juden in der Stadt, und es gibt drei funktionierende Synagogen. In den Jahren vor dem Krieg und der Pandemie fuhren an den Festtagen Autos mit Chanukkaleuchtern auf dem Dach durch Winnyzja, und im zentralen Stadtpark gab es Konzerte und Feuershows.

Inzwischen leben wieder rund 2000 Juden in der Stadt, und es gibt drei funktionierende Synagogen

Mehrmals in den vergangenen Jahren betrieben jüdische Aktivisten auch eine spezielle Chanukka-Straßenbahn: An jeder Haltestelle stiegen Jugendliche aus, verteilten Sufganiot an die Passanten und erzählten ihnen von den Chanukka-Bräuchen. Die Menschen auf der Straße reagierten sehr unterschiedlich darauf. Manche seien verängstigt gewesen, andere begeistert, erzählt Oleksandr Tsodikovich. Er leitet die regionale Gesellschaft für jüdische Sprache und Kultur in Winnyzja und betont, dass bei all dem aber nicht ein einziger Fall von Antisemitismus festgestellt worden sei.

In diesem Jahr soll die Tradition wiederaufgegriffen werden. Die Kinder schmücken bereits die Straßenbahn, die auf zwei Strecken verkehren wird, und an der Hauptsynagoge wurde eine große Chanukkia aufgestellt. Obwohl Winnyzja nicht sehr unter dem russischen Beschuss leidet, sind die Auswirkungen des Krieges auch hier spürbar. Etwa 50 jüdische Familien aus Mariupol, das von den russischen Truppen inzwischen zu 80 Prozent zerstört wurde, haben in Winnyzja ein vorübergehendes Zuhause gefunden.

In vielen jüdischen Gemeinden im Land hat sich seit Beginn des Krieges die Identität der Menschen verändert. Anders als noch vor wenigen Jahren hört man heute immer mehr Ukrainisch. »Überraschender­weise fangen inzwischen sogar die Großmütter damit an«, sagt Tsodikovich. Es klinge manchmal »ein bisschen komisch: Ukrainisch mit jiddischem Akzent«.
Allgemeiner Trend ist, dass alle öffentlichen Veranstaltungen in ukrainischer Sprache abgehalten werden. So erhielt zum Beispiel vor Kurzem die »Simcha«-Schule hebräisch-ukrainische Tora-Ausgaben – vorher waren sie ausschließlich in russischer Übersetzung erhältlich.

Vor über 2000 Jahren besiegten die Makkabäer ein griechisches Heer - heute kämpfen die Ukrainer gegen eine der stärksten Armeen der Welt

Für die Ukraine hat das zweite Chanukka im Krieg eine besondere symbolische Bedeutung. Vor mehr als 2000 Jahren besiegten die wenigen, aber willensstarken Makkabäer ein griechisches Heer, das um ein Vielfaches größer war als sie. Heute kämpfen die Ukrainer gegen eine der stärksten Armeen der Welt. Und auch sie hoffen auf einen Sieg, ganz im Sinne des Al-HaNisim-Gebets, das an Chanukka in die Amida, das Achtzehnbittengebet, eingefügt wird: »Du hast die Mächtigen in die Hände der Schwachen gegeben.«

Die Griechen wollten, dass sich die Juden assimilieren. Als diese Idee scheiterte, wurden Waffen eingesetzt. Auch Moskau bestand lange Zeit darauf, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien. Das hat nicht funktioniert. Und jetzt bombardieren russische Flugzeuge Wohnviertel in ukrainischen Städten. In der Seleukidenzeit gaben viele Juden ihre Kultur und Tradition auf. Auch einige Ukrainer folgten diesem Weg und zogen es vor, sich im russischen Volk aufzulösen.

Die Griechen unterschätzten die Bereitschaft der Juden, dem Druck zu widerstehen und bis zum Ende durchzuhalten. Auch der Kreml war sich sicher, dass Kiew drei Tage nach der Invasion fallen würde.
Kaum ein jüdischer Feiertag spiegelt die aktuelle Situation in der Ukraine so anschaulich wider wie Chanukka. Die Ukrainer hoffen auf ein Wunder – und behalten gleichzeitig die Waffen in der Hand.

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