USA

Langer Atem

Abraham Foxman leitet seit 1987 die Organisation. Foto: Flash 90

Die Geschichte der Anti-Defamation League beginnt mit einem Mord, oder genauer gesagt: mit zwei Morden. Das erste Opfer war ein Mädchen von 14 Jahren, das für einen Hungerlohn in einer Bleistiftfabrik in Atlanta im Bundesstaat Georgia arbeitete. Eines schlimmen Tages wurde sie im Keller der Fabrik aufgefunden, ihr Gesicht war schwarz und zerkratzt, ein Streifen von ihrem Unterrock war abgerissen, sie hatte mit ihrem Mörder gekämpft.

Anfangs hieß es, der Nachtwächter – ein Schwarzer – sei es gewesen, später konzentrierte der Verdacht sich auf Leo Frank, einen der Manager der Bleistiftfabrik. Frank eignete sich hervorragend als Buhmann: Er war reich, er war Jude und er stammte aus dem Norden. Leo Frank wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, aber vom Gouverneur von Georgia begnadigt, der verstand, dass der Verurteilte wahrscheinlich unschuldig war.

Am Nachmittag des 16. August 1913 hielten acht Autos vor dem Gefängnis, in dem Leo Frank saß. Unter den Fahrgästen befanden sich ehrenwerte Männer: ein ehemaliger Gouverneur, ein ehemaliger und ein amtierender Bürgermeister, zwei Sheriffs, ein Anwalt und Bankier, außerdem Farmer aus der Umgebung. Sie befreiten Leo Frank aus dem Gefängnis, fuhren ihn beinahe 300 Kilometer weit fort und hängten ihn auf – sie lynchten ihn.

schockwelle Die Nachricht von diesem Mord sandte eine Schockwelle durch die jüdische Gemeinschaft in Amerika, die damals längst nicht so groß und etabliert war, wie sie es heute ist. Unter anderem hörte Sigmund Livingston von dem Fall – ein deutscher Jude aus Gießen, der 1888 Amerikaner geworden war, sich in Chicago als Anwalt niedergelassen hatte und der örtlichen B’nai-B’rith-Loge beigetreten war. Livingston hatte einmal eine Theateraufführung verlassen, nachdem der Antisemitismus ihm dort zu bunt geworden war. Nach dem Lynchmord an Leo Frank aber reichte es ihm endgültig – er gründete die Anti-Defamation League (ADL) seiner B’nai-B’rith-Loge. Der Rest ist Geschichte.

Heute, genau 100 Jahre später, kann man sich die Anti-Defamation League aus Amerika gar nicht mehr wegdenken: Wer auch immer in den Vereinigten Staaten den Mund aufmacht und dummes Zeug redet, kann sicher sein, dass die Leute von der ADL ihm hinterher peinlich auf die Finger klopfen werden.

sachverstand Die Mission der Anti-Defamation League war von Anfang an glasklar. Sigmund Livingston hatte sie mit dem Sachverstand eines Anwalts definiert: »Das unmittelbare Ziel der Liga ist es, die Verleumdung des jüdischen Volkes zu stoppen – durch Appelle an die Vernunft und das Gewissen und, wenn nötig, an die Justiz. Ihr endgültiges Ziel ist es, Gerechtigkeit und faire Behandlung für alle Bürger gleichermaßen zu erreichen und unfaire und ungerechte Diskriminierung und das Lächerlich-Machen jeder Religionsgemeinschaft und jeder Gemeinschaft von Bürgern für immer zu beenden.«

Die Anti-Defamation League hat sich also nie als reiner Anti-Antisemitismusverein verstanden, sondern als Teil einer breiteren und universalistischen Bürgerrechtsbewegung. Deshalb hat die Liga mit Empörung reagiert, als in einem amerikanischen Film Hass auf Mormonen gepredigt wurde; sie hat antimuslimische Organisationen als vorurteilsbeladen und rassistisch bezeichnet; sie hat davor gewarnt, dass die Debatte über illegale Einwanderer in Amerika ein gefundenes Fressen für Neonazis sei; und sie hat die Republikaner im Senat scharf kritisiert, als sie die Homosexuellenehe verhinderten.

Das könnte nun so klingen, als sei die ADL eine linksliberale Organisation. Aber das ist sie nicht: Sie versteht sich als parteiübergreifend und wird von Kritikern regelmäßig auf die rechte Seite des politischen Spektrums sortiert. Leuten wie Noam Chomsky und Norman Finkelstein tritt regelmäßig der Schaum vor den Mund, wenn sie über die Anti-Defamation League reden. Sie gilt ihnen als zionistische Organisation, die Gegnern des Staates Israel den Mund verbiete. Die Haltung der Liga auch hierzu ist klar: Kritik an Israel ist natürlich legitim, aber oft genug verbirgt sich hinter der angeblichen Kritik das blanke Ressentiment.

eigentümlichkeiten Man kann über die Anti-Defamation League nicht sprechen, ohne über Abraham Foxman zu reden, der ihr seit 1987 vorsteht. Seine Eigentümlichkeiten haben die Liga stark geprägt, sei es im Guten oder Bösen. Foxman wurde 1940 in Baranovichi geboren, einer polnischen Stadt, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugeschlagen worden war. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion versteckten Foxmans Eltern ihn bei seinem katholischen Kindermädchen; sie selbst wurden von den Deutschen ins Ghetto gesteckt.

Die Familie überlebte und wanderte 1950 nach Amerika aus. Foxman wuchs in Flatbush auf, einem Viertel in Brooklyn, das sehr jüdisch-säkular geprägt war (auch Woody Allen stammt von dort). Er studierte Judaistik am Jewish Theological Seminary und internationale Wirtschaft an der New School, der Alma Mater vieler europäischer Emigranten.

Foxman ist also zwei Dinge gleichzeitig: sehr amerikanisch und ein europäischer Jude, der den Völkermord nicht nur aus Büchern und Filmen kennt. Vielleicht erklärt das seinen manchmal etwas bulldozerhaften Charme, seine sympathische Schroffheit, seine grenzenlose Selbstsicherheit.

Zumindest zweimal hat Foxman der Anti-Defamation League damit Probleme bereitet. Das erste Mal 2007, als er den Völkermord an den Armeniern nicht Völkermord nennen wollte – aus diplomatischer Rücksichtnahme auf die Türkei, die ein wesentlicher Sicherheitspartner Israels ist (oder zumindest war). In dieser Frage musste Foxman schließlich einlenken. Er nahm am Ende, wenn auch in einer gewundenen Formulierung, dann doch das Wort »Genozid« in den Mund.

Das zweite Mal trat Foxman ins Fettnäpfchen, als er sich namens der Liga gegen das islamische Begegnungszentrum zwei Straßenzüge vom Ground Zero in Manhattan – die fälschlicherweise sogenannte Ground Zero Mosque – aussprach. Danach überwarfen sich viele Organisationen, jüdische wie nichtjüdische, mit der Anti-Defamation League und warfen ihr vor, sie sei nun selbst engstirnig geworden.

Letztlich waren all dies aber Kleinigkeiten. Am großen Bild können sie nichts ändern: Die Anti-Defamation League, die kommende Woche mit einer Konferenz den 100. Jahrestag ihrer Gründung begeht, hat sich um die Juden, um Amerika, um ein gedeihliches Miteinander verdient gemacht. Schade, dass die Juden Europas nach 1945 nicht die Kraft aufbringen konnten, etwas Vergleichbares zu schaffen.

Auszeichnung

Olaf Scholz bekommt die Leo-Baeck-Medaille

Das in New York ansässige Leo-Baeck-Institut würdigt den Altbundeskanzler. Laudator soll der frühere US-Außenminister Antony Blinken sein

 10.04.2026

Ukraine

Selenskyj: »Pessach handelt vom Sieg der Freiheit«

Der ukrainische Präsident empfängt zu Pessach Rabbiner in Kyjv und wendet sich mit einer Grußbotschaft an Juden in der gesamten Welt

von Eugen El  07.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026