Grossbritannien

Labour geht ein Licht auf

Montagabend in einem modernen Hochhaus im Zentrum Londons. Neben der Rezeption steht ein mit Glaskugeln geschmückter Weihnachtsbaum. In einem großen Raum in der achten Etage haben sich an die 70 Personen versammelt. Vor dem großen Fenster steht ein großer Chanukkaleuchter, dessen elektrische Kerzen alle brennen. Am anderen Ende des Raumes ist ein Buffet mit frischen Latkes, Sufganiot und koscherem Wein aufgebaut. Die britisch-jüdische Arbeiterbewegung, das Jewish Labour Movement (JLM), ist zusammengekommen, um Chanukka zu feiern.

Zum ersten Mal trifft sich JLM zu einem solchen Anlass in Labours Hauptquartier. Es ist wohl als ein Zeichen der Partei an ihre jüdischen Genossen zu verstehen. In den vergangenen Jahren hatte es wiederholt Pressemeldungen von antisemitischen Vorfällen in der Arbeiterpartei gegeben. Das führte im Sommer schließlich zu einer parteiinternen und einer parlamentarischen Untersuchung.

Janvier Palmer (30), eine der Teilnehmerinnen des Abends, meint, es habe schon lange Antisemitismus in der Partei gegeben, doch in den vergangenen Jahren habe er zugenommen. »Wegen meiner dunkleren Hautfarbe reden viele gern vor mir über Juden und Israel – ohne zu ahnen, dass ich selbst Jüdin bin.« Das Jahr 2016 sei in Sachen Antisemitismus in der britischen Labourpartei ein verheerendes Jahr gewesen, glaubt sie.

vergleich Derweilen diskutieren Neil Nerva und Silke Goldberg, beide langjährige jüdische Labourmitglieder, darüber, ob Chanukka heute eher mit dem Lichterfest 1933 oder 1923 zu vergleichen sei.

Vielleicht kann Peter Stern helfen. Er wurde 1928 in Gießen geboren. 1934 verließ er Hitlerdeutschland und zog mit seinen Eltern nach England. Als ehemaliges Mitglied der Jüdischen Sozialistisch-Demokratischen Arbeiterpartei Poale Zion gibt er sich optimistisch: Es werde sich schon alles einpendeln, glaubt er.

Anders als Stern ist Gewässerökologe Michael Green, Mitte 30, erst seit kurzer Zeit Mitglied im JLM. »Links war früher mein natürliches politisches Zuhause«, sagt er. Aber er habe seinen Glauben an diese politische Ausrichtung während des zweiten Irakkriegs verloren. »Damals begannen viele, gegen Israel zu hetzen, und priesen die militanten Bewegungen Hisbollah und Hamas«, erinnert er sich. JLM stehe für sein eigenes Recht und seinen Platz innerhalb der Arbeiterbewegung.

Neurowissenschaftlerin Lise Magnollay ist hingegen ein nichtjüdisches Solidaritätsmitglied, wie sie es beschreibt, und auch andere sind hier, um ihre Unterstützung offen zu zeigen, darunter Sikhs-Labourmitglieder sowie der Vorsitzende von Labours muslimischem Freundeskreis. »Wir müssen wegen unserer Werte wie Gerechtigkeit vereint zusammenstehen«, erklärte er.

Religionsfreiheit Dann ergreift Jeremy Newmark, der seit zehn Monaten Vorsitzender der JLM ist, das Wort. Er stellt sich auf das kleine Podium neben der Chanukkia und hält eine kleine Rede: »Die Makkabäer begannen vor 2000 Jahren den Kampf für ihre religiöse Freiheit. Vielleicht sind wir ein bisschen so«, sagt er und berichtet, wie die JLM-Mitgliederzahlen in diesem Jahr entgegen all den Schlagzeilen und Erwartungen angestiegen seien. Es haben sich in mehreren Städten neue Ortsverbände gegründet, zum Teil mit jungen Mitgliedern.

Jewish Labour stehe keineswegs nur für den Kampf gegen den Antisemitismus, sondern auch für das Ringen um Labour-und um jüdische Werte. Newmark nennt die Fürsorge bedürftiger Menschen, den Kampf für Gleichberechtigung und den Einsatz für »eine bessere Lösung für Israel und Palästina«.

Nach ihm spricht Luciana Berger, jene britische Parlamentsabgeordnete, die seit 2013 einer ganze Lawine von Angriffen und Hassmails ausgesetzt war, weil sie jüdisch ist. Inzwischen sind drei sogenannte Internettrolls wegen antisemitischer Äußerungen zu Haftstrafen verurteilt worden, eine vierte Person wegen eines rassistischen Angriffs.

Chanukka sei ihr Lieblingsfest, sagt Berger entspannt. »Hier geht es um Würde.« Sie sei zuversichtlich, denn bei der letzten Parteikonferenz habe es großes Interesse an der jüdischen Arbeiterbewegung gegeben »Die Existenz unserer Bewegung verändert die Partei.«

Feuer Nach den Ansprachen ist es endlich Zeit für ein bisschen Jiddischkeit. Rabbinerin Laura Janner-Klausner stimmt das Lied »Banu Choschech legaresch« an. Es rufe zur Zerstörung der Dunkelheit auf und sei deshalb »das richtige für JLM, die ein vereintes Feuer in der Dunkelheit symbolisiert«.

Nicht ganz tonsicher versuchen sich nun die 70 Stimmen im Saal an dem Lied. Doch als danach »Maos Zur« gesungen wird, erfüllt ein klarer und selbstsicherer Klang den Raum. Dem folgt eine Ehrenauszeichnung für »die beste jüdische Labour-Aktivistin«, auch dies eine neue Initiative, sowie eine Versteigerung und eine Tombola. Mit einer Ansprache des Parlamentsabgeordneten John Mann endet die Veranstaltung. Nur vereint könne JLM die Partei beeinflussen, sagt er. Die Bewegung müsse sich weiter ausbauen. Nur so könne sie die Situation der Juden in der Labourpartei und in Großbritannien verändern.

Die Latkes und Sufganiot scheinen geschmeckt zu haben. Nur ganz wenige sind übrig geblieben. So gestärkt machen sich die Makkabäer der Arbeiterbewegung auf den Heimweg durch das dunkle, nasskalte London.

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