Kuba

Kosher Nostras Erbe

Teil eines Geldwäschegeschäfts aus den 50er-Jahren: Hotel »Riviera« in Havanna Foto: Andreas Knobloch

Ein Jahr nach Beginn der Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba rückt auch eine der wichtigsten bilateralen Fragen wieder auf die Agenda: die Forderungen nach Rückgabe oder Entschädigung amerikanischen Besitzes, der nach dem Triumph der Revolution in Kuba verstaatlicht wurde. Auch die Familie des legendären Mafiapaten Meyer Lansky (1902–1983) hofft auf Entschädigung für ein Hotel in Havanna, das Kubas Regierung vor Jahrzehnten konfisziert hat.

Die Enteignungen amerikanischer Unternehmen in Kuba begannen 1960, nachdem sich US-Ölkonzerne geweigert hatten, sowjetisches Erdöl zu verarbeiten. Daraufhin verstaatlichte die Regierung Fidel Castro zunächst die Ölgesellschaften, später auch Fabriken, Landgüter, Stromwerke und andere Besitztümer.

Die Nachfahren Meyer Lanskys sehen nun die Möglichkeit, das Hotel »Riviera« zurückzufordern oder entschädigt zu werden. »Das Hotel wurde meinem Großvater unter Zwang enteignet«, sagt der in Tampa, Florida, lebende Lansky-Enkel Gary Rapoport (60) der Tageszeitung »The Tampa Tribune«. Rapoport ist der Sohn von Sandy Lombardo, der einzigen Tochter von Meyer Lansky. »Kuba schuldet meiner Familie Geld.« Rund acht Millionen Dollar sollen es laut Rapoport sein.

Biografie Meyer Lansky wurde 1902 als Kind jüdischer Eltern im heutigen Weißrussland geboren. 1911 wanderte die Familie in die USA aus. Lansky galt jahrzehntelang als einer der wichtigsten Köpfe der sogenannten Kosher Nostra (auch Yiddish Connection), zu der einige weitere Mafiagrößen jüdischer Herkunft gehörten wie Arnold Rothstein, Bugsy Siegel, Dutch Schultz, Louis Buchalter, Monk Eastman, Mickey Cohen, Moe Sedway, Gus Greenbaum, Moses Annenberg und Abner Zwillman.

Meyer Lansky galt als einer der mächtigsten Vertreter des organisierten Verbrechens, das in den 50er-Jahren in die Tourismus- und Glücksspielbranche in Havanna investierte. Die Mafia-Immobilien in Kuba waren Teil eines Geldwäschegeschäfts und wurden zum Teil aus illegalen Einkünften gebaut. Allerdings ist Lansky in den USA nie rechtskräftig verurteilt worden.

Als das Hotel »Riviera« 1957 eröffnete, war es der größte Hotel-Casino-Komplex auf der Insel. Damals plante die Mafia eine ganze Reihe weiterer Casinos in und um Havanna und konnte dabei wohl auch auf die Unterstützung von Diktator Fulgencio Batista zählen, dessen Berater Lansky war. Doch bevor die Pläne umgesetzt werden konnten, triumphierte die kubanische Revolution, und die Spielkasinos und Hotels auf Kuba, darunter das »Riviera«, wurden verstaatlicht. Lansky beklagte später immer wieder den Verlust seiner »Investitionen« auf Kuba.

US-Regierung Es wäre paradox, wenn die Regierung in Washington nun die Ansprüche aus ehemaligem Mafiabesitz geltend machen würde. Denn schließlich war sie es, die damals Druck auf Batista ausübte, die Mafiosi und vor allem Lanskys Kompagnon Lucky Luciano von der Insel zu verweisen.

Die dem amerikanischen Justizministerium unterstellte Foreign Claims Settlement Commission hat knapp 6000 Forderungen amerikanischer Bürger und Unternehmen gegenüber Kuba gesammelt und beziffert sie auf insgesamt 1,8 Milliarden Dollar. Einschließlich Zinsen erhöhen sich die Ansprüche auf heute mehr als sieben Milliarden Dollar. Die Liste war im Juli 1972 geschlossen worden, von 2005 bis 2006 wurden jedoch weitere Ansprüche aufgenommen, seitdem allerdings nicht mehr.

Ob die Familie Lansky jemals entschädigt werden wird, ist daher unklar. »Wir haben gegenüber der Regierung nie Ansprüche geltend gemacht, noch jemals einen Anwalt beauftragt, da wir es nie für möglich hielten, dass sich die Tür für Verhandlungen irgendwann einmal öffnen würde«, so Rapoport.

Diese Tür ist nun zwar offen, der Sachverhalt erscheint aber äußerst komplex. Denn auch Kuba erhebt Forderungen: 302 Milliarden Dollar für die Schäden durch die bis heute bestehende US-Wirtschafts-, Finanz- und Handelsblockade. Die kubanische Regierung hat ein Ende der Blockade wiederholt zur Vorbedingung für eine vollständige Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten gemacht. »Wir wissen, dass nach derzeitigem US-Recht das Embargo nicht aufgehoben werden kann, ohne dass die Frage der Eigentumsforderungen gelöst ist«, sagt Michael J. Kelly, Juraprofessor an der Creighton University School of Law und Autor mehrerer Studien zum Thema.

Ein erstes Treffen zu dem Thema im Dezember in Havanna endete allerdings im Schnelldurchgang und ohne Ergebnis: Beide Seiten trugen ihre Ansprüche vor, packten ihre Koffer und verabredeten, sich im ersten Quartal 2016 wieder zu treffen. So oder so wird der Lansky-Enkel also warten müssen.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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