USA

Kiddusch ohne Gott

Schabbatkerzen, vertraute Melodi­en, Challa und Wein – vieles erinnert bei der Versammlung im Klubhaus einer Eigenheimsiedlung in Newport Beach, rund eine Autostunde von Los Angeles entfernt, an den Gottesdienst einer amerikanischen Reformgemeinde. Doch etwas fehlt: Gott.

»Wir geben den Menschen, was eine religiöse Gemeinschaft bietet, schlagen dabei aber einen säkularen Ton an«, sagt Rabbi Adam Chalom, Dekan des International Institute for Secular Humanistic Judaism.

Schma Nach etwa 30 Minuten der Andacht ohne Schma oder Kaddisch, aber mit Gedichten, diskutiert Chalom mit seinen rund 30 vorwiegend weißen Zuhörern jenseits der 50 die Frage: Wer ist jüdisch?

Kol Hadash in Chicago ist mit rund 150 Haushalten eine der größten humanistischen Gemeinden in den USA.

Für den humanistischen Rabbiner, der sich als dem jüdischen Volk und seiner Kultur zugehörig versteht, ist die Antwort eindeutig: »Wir heißen jeden willkommen, der sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des jüdischen Volkes identifiziert«, sagt er. Die Devise laute: »Du willst bei uns mitmachen? Herzlich willkommen!«

Der 44-jährige Chalom ist Rabbiner von Kol Hadash in Chicago – mit rund 150 Haushalten eine der größten humanistischen Gemeinden in den USA. Gegründet wurde die humanistisch-jüdische Bewegung Mitte der 60er-Jahre von Rabbi Sherwin Wine.

In dessen Birmingham Temple in Detroit, der Urgemeinde des humanistischen Judentums, wuchs Chalom auf. »Ich hatte das Beste aus beiden Welten: einerseits ein Gemeinschaftsgefühl – und andererseits musste ich keine Dinge sagen, an die ich nicht glaubte«, sagt er.

Chaloms aschkenasische Mutter war Sozialistin, der Vater kam aus einer syrisch-sefardischen Familie. Seine Smicha erhielt Chalom vom Seminar des International Institute for Secular Humanistic Judaism.

Tradition Kantor Jonathan Friedmann von der Adat-Chaverim-Gemeinde in Los Angeles wuchs anders auf. Er ging als Kind in eine traditionelle Reformsynagoge. Obwohl seine Familie mit Religion nicht viel am Hut hatte, war es seinen Eltern wichtig, ihrem Sohn eine Beziehung zum Judentum zu vermitteln.

Für interkonfessionelle Familien sind säkulare Gemeinden eine willkommene Alternative.

»Es gab sonst nicht viele Orte, an denen wir lernten, was es bedeutet, jüdisch zu sein«, erinnert sich Friedmann. »Mit dem Gerede über Gott konnte ich nichts anfangen.« Um der Langeweile vor allem während der Gebete an den Hohen Feiertagen zu entgehen, trat er dem Gemeindechor bei.

Dabei lernte er die liturgische Musik zu schätzen – und stellte fest, dass er eine gute Stimme hat. Seine Ausbildung zum Kantor absolvierte der heute 39-Jährige an der konfessionsübergreifenden Academy for Jewish Religion in Los Angeles.

Als er 2013 als Rabbiner und Kantor in einer Person zu Adat Chaverim kam, musste er feststellen, dass vieles von dem, was er in seiner Ausbildung gelernt hatte, für seine neue Stelle nicht zu gebrauchen war.

»Die meisten Gebete richten sich an Gott, somit ist ein großer Teil des traditionellen Materials nutzlos für uns«, erklärt er. Wie Chalom schreibt auch Friedmann viele Texte selbst. Ein einheitliches humanistisches Gebetbuch gibt es nicht – wohl aber eine an die Bar- und Batmizwa-Tradition angelehnte Zeremonie, die den Eintritt eines jungen Menschen ins Erwachsenenleben markiert. Anders als in traditionellen Gemeinden suchen sich im humanistischen Judentum die Jugendlichen ihren Toraabschnitt selbst aus.

Gebet »Wir verbringen nicht stundenlang damit, Gebete auswendig zu lernen, die kein junger Mensch versteht«, sagt Friedmann. In seiner Gemeinde habe zum Beispiel ein Schüler die Geschichte von Noah aus umweltpolitischer Sicht betrachtet, ein anderer näherte sich Jakobs Traum über seine Liebe zum Klettersport.

Solche Freiheiten schätzt Friedmann, der im Hauptberuf Professor für jüdische Musikgeschichte ist. »Wir sagen hier nur Dinge, die wir verstehen und auch so meinen.«

Für viele interkonfessionelle und interkulturelle Familien sind säkulare und humanistische Gemeinden eine willkommene Alternative.

Regan Kibby, die sich als »100-Prozent-Jüdin und 100-Prozent-Atheistin« beschreibt, fand die Sholem Community in L.A. vor etwa zehn Jahren nach ihrer Hochzeit mit einem nichtjüdischen Atheisten und der Geburt einer gemeinsamen Tochter.

»Ich fragte mich: Wie wird meine Tochter wissen, dass sie Jüdin ist?«, erinnert sich Kibby. In der Sonntagsschule von Sholem lernen etwa 50 Kinder israelische Tänze, Lieder auf Jiddisch und jüdische Geschichte. Diese bestehe nicht nur aus dem Dreitakt »Wir haben die Bibel geschrieben, dann kam der Holocaust, und jetzt gibt es Israel«, sagt Hershl Hartman, der die Sonntagsschule leitet.

Filzhut Anders als Adat Chaverim und Rabbi Chaloms Gemeinde in Chicago hat sich die Sholem Community dem Ansatz »Säkulares Jüdischsein« verschrieben. »Judentum« klinge zu sehr nach Religion, findet Hartman, ein 90-jähriger bärtiger Mann, der seinen Filzhut nur selten abnimmt.

Rabbiner werden nicht »Rabbiner«, sondern auf Jiddisch, Hartmans Muttersprache, »Vegveyzer« genannt. Sie vollziehen Trauungen, leiten Versammlungen zu jüdischen Feiertagen und stehen Trauernden bei.

In manchen Gemeinden wird der Rabbiner nicht Rabbiner, sondern Vegveyzer genannt.

Die Betonung und Pflege des Jiddischen ist neben der politischen Ausrichtung eines der Hauptmerkmale linker jüdischer Organisationen, deren Wurzeln bis in die 20er- und 30er-Jahre reichen.

Später, während der Kommunistenverfolgung unter dem republikanischen Senator Joseph McCarthy Ende der 40er- bis Anfang der 50er-Jahre, ging Sholem aus dieser Tradition hervor als Schule für Kinder, deren Eltern auf der schwarzen Liste von Hollywood standen.

L.A. Hartman stammt aus einer sozialistischen jüdischen New Yorker Familie. 1964 zog er nach L.A. und wurde drei Jahre später Direktor bei Sholem.

Beiden Ausprägungen des Judentums ohne Gott ist gemein, dass sie den vielen nichtreligiösen Juden, deren Zahl Studien zufolge in den USA jedes Jahr steigt, eine Heimstätte bieten wollen.

»Als ich jung war, gab es nur drei verschiedene Bagelsorten«, erinnert sich Rabbi Chalom. Doch je älter er wurde, desto mehr Geschmacksrichtungen kamen hinzu. »So ist das auch mit dem Judentum: Je größer das Angebot, desto eher findet jeder das, was ihm gefällt.«

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