Uman

Junge Männer zerstören Zeltkomplex

25.000 Menschen werden in diesem Jahr erwartet, die zu Rosch Haschana das Grab von Rabbi Nachman besuchen. Foto: Flash 90

Seit Jahren pilgern Hunderttausende vor allem chassidische Juden an Rosch Haschana ans Grab von Rabbi Nachman (1772–1810) nach Uman, einer Kleinstadt in der Zentralukraine. Wiederholt gab es Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Gästen.

Am vergangenen Samstag tauchten in der Mittagszeit etwa 30 junge Männer vor einem Zeltkomplex auf und zerstörten mit Kettensägen und Äxten mehrere Zäune und Videokameras. Die Miliz stand daneben und schaute zu. Eliezer Kirschbaum, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Uman, sagte dem Fernsehsender 1+1, die Angreifer hätten bewusst den Schabbat gewählt, weil sie wüssten, dass strenggläubige Juden dann nichts unternehmen dürfen.

An dem Zelt, das als Mensa dient und während der Neujahrsfeiertage 8000 Menschen versorgt, entstand laut der Stadtverwaltung von Uman ein Schaden in Höhe von umgerechnet rund 5000 Euro. Das sei viel zu gering angesetzt, beklagt sich Kirschbaum, »hier ist allein Technik im Wert von mehr als 50.000 Euro zerstört worden«.

Reisegruppen Die Stadt Uman hatte vor einigen Monaten entschieden, das Versorgungszelt ganzjährig stehen zu lassen, weil nicht nur zu Rosch Haschana Gäste kommen, sondern die Stadt mittlerweile das ganze Jahr über Touristen anzieht. Vor allem Juden aus den USA, Israel und Westeuropa zählen zu den Pilgern.

So traf in Kiew am Dienstag eine Reisegruppe aus den Niederlanden ein. »Wir haben keine Sorgen, dass uns in Uman etwas zustößt«, sagt Charlotte, eine junge Studentin, die nicht möchte, dass ihr voller Name in der Zeitung steht.

Die Angst, dass es am kommenden Wochenende erneut zu Angriffen kommt, ist groß. Im Internet fordern User, »die Juden sollen Uman fernbleiben«. Dem ukrainischen Fernsehsender TSN sagte ein Anwohner, der in einem blauen Kleinwagen an dem Catering-Zelt vorbeifährt: »Wir haben kollektiv entschieden, dass die Juden hier nicht hergehören.« Ob gegen den Mann Ermittlungen laufen, ist unbekannt. Von welcher Gruppe er sprach, ist ebenfalls nicht bekannt.

Trotz aller Probleme pilgern jedes Jahr rund 120.000 Juden in die Kleinstadt im Bezirk Tscherkassy. 2014 kamen allein zum Neujahrsfest rund 25.000 Menschen, in diesem Jahr werden genauso viele erwartet.

Hintergrund Die Lehre des Rabbi Nachman von Bratzlaw zieht bis heute Tausende Menschen an. Die Bratzlawer sind nach Chabad die am schnellsten wachsende chassidische Gruppe. Einer ihrer Bräuche ist die Hitbodedut, das persönliche Gespräch mit Gott in der Einsamkeit. Viele gehen dazu hinaus in die Natur. Vor seinem Tod trug Rabbi Nachman, der ein Urenkel des Baal Schem Tov war, seinen Schülern auf, jedes Jahr an Rosch Haschana zu seinem Grab zu pilgern.

Im 18. Jahrhundert kam es in Uman zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Kosakenführer Iwan Honta überfiel die Stadt und massakrierte die polnischen Gutsverwalter und die Juden. Während des Zweiten Weltkriegs eroberte 1941 die deutsche Wehrmacht die Stadt. Nicht wenige der ukrainischen Bewohner unterstützten die Nazis beim Zusammentreiben und Ermorden der Juden. Rund 6000 jüdische Bewohner kamen damals ums Leben.

Der junge Staat Ukraine ist mit vielen dunklen Kapiteln seiner Geschichte konfrontiert. Doch davon wollen nur wenige etwas wissen. Das Leben in der Ex-Sowjetrepublik ist beschwerlich. Das Durchschnittseinkommen liegt bei rund 300 Euro pro Monat. Viele, die in den Plattenbauten von Uman leben, haben zwar eine tiefe Abneigung gegen die jüdischen Fremden, überlassen ihnen aber gerne Schlafplätze. Für ein Bett werden bis zu 500 Euro verlangt – pro Tag.

Großaufgebot Wie das ukrainische Innenministerium bekannt gab, werden bis Freitagabend in Uman rund 25.000 Pilger erwartet, darunter auch fast 3000 Kinder. Man werde die Gäste schützen, sagte ein Sprecher.

Wie in den vergangenen Jahren soll auch diesmal an Rosch Haschana ein Großaufgebot von 4000 Mitarbeitern des ukrainischen Innenministeriums bereitstehen. Unterstützt würden die Ukrainer von Polizisten aus Israel. »Die Männer sprechen Russisch und können vermitteln«, schreibt das Innenministerium der Region Tscherkassy in einer Pressemitteilung.

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