USA

Juden am Pranger

South Market in Boston Downtown Foto: imago images/DANITA DELIMONT STOCK

Vor drei Wochen ist eine zunächst harmlos wirkende Webseite online gegangen. Man sieht darauf eine Landkarte des US-Bundesstaats Massachusetts – durchzogen von Linien unterschiedlicher Farben, die etliche Punkte auf der Karte miteinander verbinden. Das Farbenspiel, das wie eine statistische Erhebung anmutet, wurde von dem ebenfalls harmlos klingenden »Mapping Project«, einer Kartografierungs­initiative, online gestellt.

Der Inhalt ist jedoch ganz und gar nicht harmlos, sondern schockierend – oder wie die liberale Tageszeitung »Boston Globe« schrieb: »Eine Wegbeschreibung für Antisemiten«. Denn jeder Punkt auf der dicht durchwirkten Karte steht für eine Institution – eine Schule, ein Unternehmen, eine Polizeiwache, eine ehrenamtliche Organisation – sowie deren »Verbindungen« untereinander und zu jüdischen Organisationen oder Philanthropen. Die Institutionen und ihre vorgeblichen Verbindungen sind markiert, »damit wir sie niederreißen können«, wie die anonymen Macher des »Mapping Project« unmissverständlich formulieren.

BEDROHUNG In den jüdischen Gemeinden in Boston und der näheren Umgebung, wo es in jüngerer Vergangenheit tödliche Feuerangriffe auf Synagogen und eine Messerattacke auf einen Rabbiner gegeben hat, herrscht nach Veröffentlichung des »Mapping Project« Alarmstufe Rot. »Diese Karte ist eine jüdische Todesliste«, sagte Robert Trestan, Regional-Chef der Anti-Defamation League (ADL), dem »Boston Globe«.

Seiner Ansicht nach sei die Bedrohung, die von der Seite ausgehe, »extrem hoch« im Vergleich zu anderen Gefährdungen, denen man in der Vergangenheit ausgesetzt gewesen sei. Trestan wurde, wie Dutzende anderer jüdischer Führungsfiguren, Philanthropen und Rabbiner, namentlich genannt – samt seiner Dienstadresse.

Wer aber steckt hinter dem antisemitischen Kartenprojekt? Die Verantwortlichen für die Hetzplattform bleiben im Dunkeln, haben ihre Identität verschleiert. Beim Erwerb der Internetadresse wurden die Namen der Käufer nicht öffentlich erfasst.

BDS-Milieu Die Selbstbeschreibung der Autoren lässt allerdings Rückschlüsse auf deren politische Verortung zu. Das »generations-übergreifende Kollektiv aus Aktivisten und Organisatoren« scheint im propälästinensischen, sogenannten postkolonialen BDS-Milieu angesiedelt zu sein. Dies zeigt sich etwa am Kontext, in dem Organisationen auf der Karte öffentlich angeprangert werden, die sich als »Komplizen der Kolonisierung« erwiesen hätten.

Dass die BDS-Bewegung an die Ränder islamistischer Terrororganisation reicht, ist bekannt. Dass deren Protagonisten offen Juden und deren vermeintliche Helfer im Kampf gegen die vorgebliche Unterdrückung dessen, was die Autoren für Palästina halten, verantwortlich machen, ist die einende Qualität der direkten Bedrohung.

Kein Wunder also, dass sich auch die amerikanische Bundespolizei FBI der BDS-Karte angenommen hat. In einem Internet-Briefing der ADL sagte Bostons FBI-Chef Joseph Bonavolonta, das FBI beobachte die Angelegenheit genau und ermittle weiter, was die Hintermänner und Hintergründe des »Mapping Project« anginge, auch wenn es seit der Veröffentlichung der Seite keine direkten Drohungen gegeben habe.

hetze Kurz nachdem die Seite online gegangen war, wurde sie von der Anti-Israel-Gruppe in den sozialen Medien beworben. Auch andere sogenannte linke Gruppen, wie die »Massachusetts Peace Action«, schlossen sich Boston BDS an und verbreiteten die Hetze auf ihren Kanälen.

Anders als bei der Denunziation von Juden ist Boston BDS im Umgang mit seinen eigenen Daten jedoch weitaus weniger freizügig. Dessen Mitglieder bevorzugen die Anonymität und veröffentlichen online keinerlei Information über sich. Eine direkte Autorenschaft beim »Mapping Project« bestreitet Boston BDS auf seinen sozialen Kanälen. Allerdings hält dies die organisierten Israelgegner nicht davon ab, die Seite weiter zu promoten. Im Übrigen ist auf der Karte auch der »Boston Globe« gelistet. Offenbar reicht eine positive Grundhaltung gegenüber Israel und Juden aus, um auf die Liste zu geraten.

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Entführungsfall

Jugendamts-Zeugin im Block-Prozess: »Unglaubliche Belastung«

In dem Hamburger Prozess geht es eigentlich um die Entführung der Block-Kinder. Die hat aber eine jahrelange Vorgeschichte. Eine Jugendamts-Mitarbeiterin schildert eine wichtige Wende im Sommer 2021

von Stephanie Lettgen, Bernhard Sprengel  08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Interview

»Die ICZ gehört zu mir – und ich gehöre zu ihr«

Sie will Brücken bauen, ohne den Rahmen zu sprengen. Die neu gewählte ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder spricht über Tradition und Offenheit, über Sicherheit in bewegten Zeiten – und darüber, wie jüdisches Leben in Zürich sichtbar, stark und gemeinschaftlich bleiben kann

von Nicole Dreyfus  08.01.2026