Militär

Armeen von fünf Staaten ehren jüdische Heldin mit Fallschirmsprung

Die ungarische Widerstandskämpferin Hannah Senesh Foto: imago/ZUMA Press

März 1943: 33 jüdische Kämpfer aus dem Mandatsgebiet Palästina springen mit dem Fallschirm über Europa ab. Ihr Ziel: verfolgte Juden retten. Zu ihnen gehört Hannah Senesh, die bis heute in Israel als Nationalheldin verehrt wird. Zusammen mit drei weiteren Fallschirmjägern springt die Ungarin ins Gebiet der Partisanen Titos in Jugoslawien.

Am 17. Juli wäre die 1944 hingerichtete Jüdin 100 Jahre alt geworden. Auch zu ihrem Gedenken springen jetzt rund hundert Fallschirmjäger der Armeen Israels, Ungarns, Sloweniens, Kroatiens und Großbritanniens über der historischen Stätte ab. Die Aktion ist Teil des israelischen Armeeprogramms »Zeugen in Uniform«.

»Wenn das Wetter es erlaubt, werden wir am Montag über dem ehemaligen Partisanengebiet im heutigen Slowenien abspringen«, sagt Baruch Vachman, Major der israelischen Armee (Israeli Defense Forces, IDF), der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Nach einer Zeremonie werden die Teilnehmer auf jenen Wegen durch das bergige Waldgebiet wandern, die die Widerstandskämpfer 1944 vermutlich genutzt haben. Auch Nachfahren der Kämpfer von 1944 sind unter den Teilnehmern. »Wir werden über ihre Motivation für diese heikle Aktion sprechen: Sie alle kamen, um Juden zu helfen. Und wir werden darüber sprechen, was unsere Rolle heute ist.« Der Ausgangspunkt heute sei ein vollkommen anderer. Die israelischen Fallschirmjäger heute »haben einen Staat, den sie verteidigen«.

Die Herausforderungen, vor denen die IDF stehe, erfordere treue und engagierte Soldaten. Hier kommen die »Zeugen in Uniform« ins Spiel. Das Programm soll das Sendungsbewusstsein der Soldaten stärken, erklärt der Kommandant der seit 20 Jahren bestehenden Initiative und Verantwortlicher für IDF-Missionen in Polen. Vor der Corona-Pandemie hätten jährlich etwa 15 Delegationen des Programms mit je rund 200 israelischen Offizieren Orte des Holocausts vor allem in Polen, aber auch Deutschland und Ungarn besucht. Das Programm, sagt Vachman, erfüllt seinen Zweck: »Ich will nicht sagen, dass die Teilnehmer mit Tränen in den Augen zurückkehren, aber doch mit dem Herzen voll an Engagement und Bekenntnis.«

Besuche vor allem an Orten der Judenvernichtung der Nazis, wie etwa Auschwitz-Birkenau, gehören in Israel zum Curriculum weiterführender Schulen. Als Jugendlicher an einer solchen Reise teilzunehmen sei das eine, sagt Vachman. »Wenn man in Uniform nach Europa kommt und über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust hört, ist das andere, sehr besondere Erfahrung. Man hat das Recht, die Hoffnung und die optimistische Seite der Geschichte zu sehen: Wenn die Millionen Ermordeten gewusst hätten, dass eines Tages Menschen in Uniform aus dem Staat Israel kommen, hätte das vielleicht ihren Tod versüßt, falls man das so sagen darf.«

Die Regierung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban steht unter Kritik, Antisemiten zu hofieren und sich antisemitischer Rhetorik zu bedienen, nicht zuletzt auch von jüdischen Organisationen wie etwa dem Jüdischen Weltkongress - eine Kritik, die Vachman mit Blick auf seine Erfahrungen mit der ungarischen Armee nicht bestätigen kann. Die Zusammenarbeit sei vielmehr sehr gut. Und während es Rassismus und Antisemitismus an »jedem Ort auf der Welt gibt, ist es das Beste, mit jenen zusammenzuarbeiten, die sich dagegenstellen«.

Mit der nach einem Zitat aus Seneshs bekanntestem Gedicht »Spaziergang nach Caesarea« (1942) »Blitze des Himmels« benannten Gedenkaktion wollen die Soldaten versuchen, »das nachzuerleben, was die Kameraden 1944 erlebt haben«. Bewusst geht es laut Vachman nicht nur um Hannah Senesh, sondern um alle Frauen und Männer, die an der einzigen militärischen Mission zur Rettung verfolgter Juden 1944 teilnahmen. »Sie alle sind Teil unseres Erbes.«

Der Absprung in dem unbekannten Gebiet, aber auch die Verantwortung und die Ehre sorgten durchaus für Aufregung bei den Teilnehmern, sagt Vachman. Eine Gefahr, dass solch historische Nachstellungen das Gedenken an den Holocaust eventisieren könnte, sieht er nicht. »Das eindringliche Erleben spricht für sich selbst. Wer daran teilnimmt, wird über den Moment hinaus geprägt. Wir haben eine sehr bewegte Geschichte, in die hinein wir aufwachsen«, sagt er.

Auch, wenn der Sprung des 19. Juli nicht allein Hannah Senesh zum Gedenken dient: Wenn die Aktion dazu beiträgt, die Widerstandskämpferin bekannter zu machen, könnte auch Europa profitieren, glaubt Vachman: Denn »neben der Tatsache, dass sie Jüdin und Israelin war, ist sie dort aufgewachsen. Sie ist auch Teil des europäischen Erbes.«

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