Niederlande

Im Zeichen der »Exodus«

Elf Kleinkinder sitzen nebeneinander auf dem nackten felsigen Boden. Sie tragen sommerliche Kleidung, das grelle Licht deutet auf ein warmes Klima, im Hintergrund erhebt sich eine karge Bergkette. Zwei Frauen posieren mit den Kindern für das Foto. Eine von ihnen hält ein Baby. »Das bin ich, auf dem Arm meiner Mutter«, sagt Eitan Pimentel. Er weist auf das Foto, das 1954 bei Eilat aufgenommen wurde. »Dies sind die ersten Kinder europäischer Einwanderer, und ich war das jüngste.«

Wegen des Fotos ist Eitan Pimentel, ein Künstler aus Tel Aviv, in diesem Herbst nach Amsterdam gekommen – die Stadt, aus der sein Vater Emil 1947 nach Palästina aufbrach. Emil Pimentel war einer von etwa 700 niederländischen Juden, die in den Jahren zwischen der Schoa und der Gründung des Staates Israel Alija machten. Das Nationaale Holocaust Museum in Amsterdam widmet ihnen zurzeit die Ausstellung »Exodus«. Sie ist noch bis zum 6. Januar im neuen Jüdisch-Kulturellen Quartier (JCK) zu sehen.

STAATSGRÜNDUNG Mit der historischen Ausstellung begehe das Museum den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, sagt Kuratorin Hetty Berg. Die illegale Einwanderung in den Jahren 1945 bis 1948 als Folge der Schoa zeige viel über den internationalen Kontext, in dem der Staat Israel entstand. In Fotos und Videos, Zeitungsausschnitten und persönlichen Erinnerungsstücken nähert sich die Ausstellung dem Thema und erstellt ein erstaunlich dichtes Bild dieses wenig beachteten Teils der Geschichte.

Die Schau erstellt ein erstaunlich dichtes Bild dieses wenig beachteten Teils der Geschichte.

Der Besucher erfährt von Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Überlebenden, die in den befreiten Niederlanden vor allem ein Klima der Gleichgültigkeit vorfanden. Ihre Häuser hatten sie verloren, die meisten Angehörigen waren ermordet – und zugleich waren da »zu viele Erinnerungen«, sagt die 1927 geborene Lientje Noach-Polak. Wie andere kam sie zu dem Schluss: »Ich kann hier nicht bleiben.«

ALIJA Just auf diesen Bereich zwischen persönlichem Schicksal und gesellschaftspolitischem Kontext legt die Ausstellung ihren Fokus. Sie beleuchtet die restriktive britische Einwanderungspolitik nach Palästina, stellt sie in den Kontext der White-Paper-Politik der 30er-Jahre und erzählt, wie junge Überlebende im Zionistenbund eine Anlaufstelle fanden und mit der Idee der Alija in Kontakt kamen. Man plante die Auswanderung in aller Heimlichkeit und brachte die künftigen Pioniere nach Südfrankreich. Von dort aus brachen sie auf den Schiffen »Exodus« und »Theodor Herzl« nach Palästina auf. Zeitzeugen berichten über die Bedingungen auf der »Exodus« und dass kurz vor dem Ziel die Engländer mit Knüppeln an Bord kamen und die Passagiere schlugen.

Die »Exodus« durfte nicht anlegen, die Passagiere wurden nach Europa zurückgebracht, mussten in Deutschland an Land gehen und wurden in der britischen Besatzungszone zum Teil in ehemaligen KZs untergebracht. Die internationale Empörung führte mit zur israelischen Staatsgründung. »Ich habe das Gefühl, dass ich durch meine illegale Reise nach Palästina ein kleines Stück mitgeholfen habe bei der Ausrufung des jüdischen Staates«, kommentierte der Amsterdamer Max Noach.

Entstanden ist die Ausstellung durch die Initiative des Amsterdamer Filmemachers Ruben Gischler, der 2014 bereits den Dokumentarfilm Een rest keert weer (Ein Rest kehrt zurück) zu diesem Thema vorstellte. »Nach dem Verrat der europäischen Länder an ihrer jüdischen Bevölkerung war es nicht so, dass es den Überlebenden in Europa nicht mehr so gut gefiel und sie darum mal eben beschlossen, lieber ihren eigenen kleinen Staat zu gründen.«

Auch Gischler betont die historische Rolle der heimlichen Migration nach Palästina. Zugleich verweist er auf das Nach- Vorne-Schauen einer Jugend, die »nichts mehr zu verlieren hatte«. Zu dieser gehörten auch die Eltern von Pimentel, dessen Kunstwerk »Rebirth« einen besonderen Platz in der Ausstellung einnimmt. Er kombiniert dort alte Gedichte seines Vaters mit Fotos, die kurz nach der Gründung Israels entstanden. »Das Leben an einem Ort hört auf, und woanders beginnt ein neues«, so Pimentel.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Januar zu sehen.
www.jck.nl/nl/tentoonstelling/exodus

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026

Norwegen

Wenn die Sonne weder unter- noch aufgeht

Warum der Schabbat und manche Feiertage im hohen Norden eine Herausforderung sein können

von Elke Wittich  12.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

WM 2026

Schweizer Fußball-Stars begeistern jüdische Kinder

Kinder und Jugendliche einer jüdischen Schule in San Diego haben mit der Schweizer Nationalmannschaft Fußball gespielt

von Nicole Dreyfus  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Frankreich

Shosanna rennt weiter

»Inglourious Basterds«-Star Mélanie Laurent ist zurück – und nimmt in »Fauda 5« Rache

von Sophie Albers Ben Chamo  07.06.2026

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026