Schweiz

Im Stich gelassen

Die Große Synagoge Basel an der Eulerstraße Foto: PR

Schweiz

Im Stich gelassen

Das Basler Kantonsparlament lehnt höhere Zahlungen für die Sicherheit der jüdischen Gemeinde ab

von Peter Bollag  02.01.2018 12:36 Uhr

Die Enttäuschung stand Guy Rueff, dem Präsidenten der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), ins Gesicht geschrieben: Das Basler Parlament, der Große Rat, hatte soeben vor seinen Augen den Vorstoß einer Abgeordneten der Liberal-Demokratischen Partei abgelehnt.

Die Parlamentarierin hatte gefordert, dass der Kanton nachträglich einen Betrag von 800.000 Franken ins Budget für 2018 aufnehmen soll. Mit diesem Betrag solle, so verlangte die Großrätin der traditionell pro-jüdischen und pro-israelischen Partei, die IGB bei ihren weiter steigenden Sicherheitskosten etwas entlastet werden. Die Gemeinde, die rund 1000 Mitglieder zählt, musste im vergangenen Jahr einen Verlust von rund einer Million Franken hinnehmen. Zu diesem Minus trugen die explodierenden Sicherheitskosten stark bei.

Was Guy Rueff, sonst eher ein besonnener Mann der leisen Töne, besonders ärgerte, war ein Argument in der Debatte – »nämlich dasjenige, es sei bis jetzt hier nichts passiert und es gebe keinerlei Hinweise auf mögliche Anschläge«.

Dabei sei bekannt, dass die jüdische Gemeinde der Stadt aufgrund der Grenzlage zu Deutschland und Frankreich sowie der besonderen Verbindung zur Geschichte des Zionismus und damit auch zum Staat Israel durchaus ein mögliches Terrorziel ist.

Die Mehrheit des 100-köpfigen Parlaments folgte den Argumenten des Basler Sicherheitsdirektors, der vor einem Präzedenzfall warnte: »Wenn wir hier zustimmen, müssen wir dann allenfalls später auch andere Glaubensgemeinschaften unterstützen.« Außerdem würde der Große Rat, falls er für den Antrag stimmte, gleich noch ein weiteres Prinzip des Schweizer Rechtsstaats aufgeben, so der oberste Sicherheitspolitiker der Stadt: »Wir würden damit einen privaten Sicherheitsdienst auf privatem Grund unterstützen – das gab es bisher nicht.«

Argumentation Einer Mehrheit des Parlaments, in dem sich erstaunlicherweise eine Art unheilige Allianz zwischen den Sozialdemokraten und einer Mehrheit der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP) durchsetzte, erschien die Argumentation plausibel, und sie lehnte den liberalen Vorstoß ab.

Dass die IGB den privaten Sicherheitsdienst nur deshalb herangezogen hat, weil der Basler Polizei für eine durchgehende Bewachung – wie sie in vielen europäischen Ländern inzwischen üblich ist – nach eigenen Angaben die Mittel fehlen, spielte für die Ablehnung keine Rolle. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Haushalt für 2018 einen hohen Überschuss von rund 130 Millionen Franken aufweist und Basel damit zu den wohlhabendsten Kantonen der ohnehin schon reichen Schweiz gehört.

Auch außer Acht gelassen wurde beim Entscheid ein Gutachten der Universität Basel, das die IGB in Auftrag gegeben hatte. Dieses kommt zu dem Schluss, dass der Kanton eine klare Pflicht habe, seine jüdischen Bewohner als Mitglieder einer Gemeinde ebenso zu schützen wie alle anderen. Selten erschien das so plausibel wie in den Tagen rund um die Parlamentsabstimmung, als auch der Basler Weihnachtsmarkt – nach dem Berliner Terroranschlag von 2016 – ebenso durch Polizei und weitere Sicherheitsmaßnahmen geschützt wurde wie viele andere Institutionen.

Als Folge des Parlamentsentscheids denkt man in der jüdischen Gemeinde inzwischen darüber nach, einige Angebote zu streichen, zum Beispiel die beliebten Synagogenführungen. Die Gemeindeversammlung Ende Januar muss grundsätzlich den Weg weisen: Befürwortet sie einen Abbau der Sicherheitsmaßnahmen oder akzeptiert sie es, dass das Minus im Haushalt wächst? Den meisten Mitgliedern erscheint beides wenig attraktiv.

Eher düstere Aussichten also für die Gemeinde. Doch es gibt zumindest ein wenig Zuversicht: Zum einen unterstützt die Stadt Basel die Sicherheitsinfrastruktur der IGB mit 500.000 Franken. Und zum anderen zeichnet sich in der Sicherheitsfrage eine gesamtschweizerische Lösung ab. Nach anfänglichem Zögern erkennt inzwischen nämlich auch die Schweizer Regierung das Schutzbedürfnis der jüdischen Gemeinden im Land an. Konkrete Maßnahmen sollen in den kommenden Wochen beschlossen werden.

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über seinen wahren Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Boy George

Kein Chamäleon

Der britische Sänger positioniert sich schon seit Beginn seiner Karriere klar gegen Antisemitismus. Am 14. Juni wird der Popstar 65 Jahre alt

von Leon Stork  13.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026