Türkei

Im Blätterwald von Istanbul

Blattmacherin: Virna Banastey Gümüsgerdan Foto: Canan Topcu

Türkei

Im Blätterwald von Istanbul

Die Wochenzeitung »Salom« berichtet jede Woche aus dem jüdischen Leben

von Canan Topçu  08.02.2011 09:52 Uhr

Es kommt nicht oft vor, dass türkische Zeitungen Selbstkritik üben oder andere für gute Berichterstattung loben. Dass unlängst ein Autor des Massenblatts »Sabah« in seiner Kolumne auf »Salom« hinwies, ist deshalb bemerkenswert. Über den israelischen Militärangriff auf die türkische Gazaflottille im Mai 2010 habe er sich erst von Salom richtig informiert gefühlt, schrieb der Kolumnist. Und er empfahl seinen Lesern die Zeitung, die ihm zufällig in die Hände gefallen sei.

Obwohl Salom weitgehend unbekannt ist, auch weil sie am Kiosk nicht verkauft wird, bleibt die Wochenzeitung in der Türkei doch nicht unbeachtet. Denn das Blatt wendet sich an die jüdische Gemeinschaft und somit an eine Minderheit, die immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist – zuletzt nach den Vorfällen um die »Mavi Marmara«. Die Redaktion legt daher besondere Sorgfalt auf eine objektive Berichterstattung, um sich ja nicht dem Vorwurf auszusetzen, Partei für Israel zu er- greifen.

Bei Nachrichten aus dem Ausland ist der Blick oft auf Israel gerichtet, »auch weil viele unserer Leser Familienangehörige haben, die dorthin ausgewandert sind«, sagt Redaktionsleiterin Virna Banastey Gümüsgerdan (32). Auf jüdische Kultur im In- und Ausland konzentriere sich das Feuilleton, ein Teil der 24 Seiten enthält Berichte über Feste der jüdischen Gemeinschaft und Wohltätigkeitsfeiern jüdischer Organisationen sowie Nachrufe auf bedeutende jüdische Bürger in der Türkei.

So wurde vor einigen Wochen ein im Alter von 94 Jahren verstorbener Architekt gewürdigt, der im Auftrag von Republikgründer Atatürk den ersten Flächennutzungsplan für Istanbul erstellt hatte.

Themen »Wir konzentrieren uns auf all die Themen, die für die jüdische Bevölkerung in der Türkei interessant sind und in den gängigen Medien nicht auftauchen«, sagt Gümüsgerdan. Aufgemacht wird mit Berichten wie etwa darüber, dass ein aus der Türkei nach Israel ausgewandertes Ehepaar in seinem Geburtsort für 1,5 Millionen Euro eine Schule bauen ließ. »Die Zeitung möchte die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Beiträge jüdischer Bürger in der Türkei verdeutlichen«, sagt die Redaktionsleiterin.

Als Nachfahren sefardischer Juden, die vor mehr als 500 Jahren aus Spanien flüchteten und im Osmanischen Reich aufgenommen wurden, gelten türkische Juden vielen im Land noch immer als Fremde. Sie müssen sich gegen Vorurteile und antisemitische Anfeindungen behaupten, die auch von den Massenmedien geschürt werden, zum Beispiel über Filme wie Tal der Wölfe.

Ladino Gegründet wurde Salom 1947 von einem jüdischen Geschäftsmann in Istanbul. Jahrzehntelang erschien das Blatt auf Ladino, seit 1984 größtenteils auf Türkisch, denn nur noch wenige beherrschen die Sprache der Vorfahren. »Unsere Kultur und Sprache versuchen wir aber weiterhin zu pflegen«, sagt Gümüsgerdan und weist auf die monatliche Beilage auf Ladino hin.

Die meisten Autoren, die für Salom schreiben, verzichten auf ein Honorar. Das Blatt finanziert sich über Anzeigen. Fest angestellt sind in Redaktion, Verwaltung und Vertrieb gerade mal zwölf Mitarbeiter. Von den rund 5.000 Exemplaren werden 95 Prozent im Abonnement bezogen.

Wer Salom regelmäßig liest, weiß, wer in der Gemeinde ein Kind bekommen oder heiratet hat, oder wer gestorben ist. Auf eine Geburt kommen im Durchschnitt zehn Todesfälle. Heute leben in der Türkei kaum mehr als 20.000 Juden. »Unsere Gemeinde schrumpft stetig«, stellt Gümüsgerdan nüchtern fest, »auch weil viele auswandern.« Kontakt zu ihrem Herkunftland pflegen viele von ihnen auch über Salom. Manche haben die Zeitung abonniert, andere lesen sie im Internet.

www.salom.com.tr

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026

Meinung

Entlarvte Gesinnung

Ausgerechnet jener Schweizer Politiker, der sich im Parlament gegen das Hamas-Verbot stellte, lädt die französische Abgeordnete und Israelhasserin Rima Hassan nach Bern ein

von Nicole Dreyfus  04.06.2026

Großbritannien

Unterhausabgeordneter unterstellt Israel »Blutdurst«

In einer Parlamentsdebatte zu Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon verstieg sich ein Parlamentarier zu antisemitischen Aussagen

 04.06.2026

Essay

Sündenfall des Big Apple

New Yorks Bürgermeister macht den Nahostkonflikt zur Innenpolitik und feiert BDS, während seine Frau den 7. Oktober rechtfertigt. Hinter der Fassade der Wohltäter steht die harte Ideologie der Ausgrenzung

von Louis Lewitan  04.06.2026

Brnenec

Museum in Oskar Schindlers Fabrik - Politiker sagen Unterstützung zu

Auf dem Gelände der früheren Fabrik von Oskar Schindler gibt es heute ein Museum. Noch zwickt es dort finanziell ordentlich. Aber Hilfe für die NS-Gedenkstätte ist zumindest am Horizont

von Alexander Brüggemann  03.06.2026

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026