Schweiz

Hütten-Hopping

Am »Tag der offenen Sukka« geht es vor allem darum, den innerjüdischen Dialog zu pflegen – denn wie manche meinen, liegt er ziemlich brach. Foto: Michael Fichmann

Auch in diesem Jahr spielt sich an einem der Sukkot-Abende rund um den Zürcher Stadtteil Wiedikon, wo viele orthodoxe Familien leben, wieder etwas Besonderes ab: Eine Gruppe von rund 40 Personen wird durch die Straßen spazieren und dabei den zahlreichen Sukkot, den Laubhütten, die zum Teil in unscheinbaren Hinterhöfen stehen, einen Besuch abstatten.

Dort wird die Gruppe jeweils von Kindern und Erwachsenen empfangen. Soweit es die Platzverhältnisse erlauben, lädt man die Gäste zum Sitzen ein und erläutert ihnen die jeweilige Besonderheit der Hütte. Nach einer Weile zieht man weiter zur nächsten Sukka, die vielleicht nur einige 100 Meter entfernt liegt; dort wiederholt sich das Ganze.

Dialog »Sukka-Hopping« würde man die Aktion wohl in englischsprachigen Ländern nennen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre hier eine Gruppe von Touristen unterwegs, die sich in einer fremden Stadt Sehenswürdigkeiten erklären lässt. Doch der Eindruck täuscht, denn die Besucher sind allesamt in Zürich zu Hause – und vor allem: Alle sind jüdisch.

Am 27. September wird der »Tag der offenen Sukka« zum dritten Mal durchgeführt. Er dient vor allem einem Zweck: den innerjüdischen Dialog zu fördern.

»Wir finden, dass das innerjüdische Gespräch im Alltag oft zu kurz kommt«, sagt Michael Fichmann, Vorstandsmitglied der Israelitischen Cultusgemeinde (ICZ) und einer der Hauptinitiatoren der Aktion.

Die Mitglieder der verschiedenen Gemeinden in der Stadt, von streng orthodox bis liberal, bewegen sich oft nur innerhalb ihrer eigenen religiösen Parameter, findet Fichmann. »Dabei kennt man sich in unseren kleinräumigen Schweizer Strukturen doch oft noch aus der Schulzeit oder vom Sportverein.«

Im Erwachsenenalter würden die Kontakte jedoch nicht weitergeführt, auch weil man sich religiös weit auseinandergelebt und oft aus den Augen verloren habe, selbst wenn man in der gleichen Stadt wohnt.

Hier will die Sukka-Aktion ansetzen. Fichmann gibt zu bedenken, dass man sich in jüdischen Gemeinden oft um das Gespräch mit christlichen und muslimischen Kreisen bemühe und diese Gespräche auch regelmäßig stattfänden, »aber einen innerjüdischen Dialog gibt es nicht, oder er liegt ziemlich brach«.

Die Sukka als symbolträchtiger Ort der Begegnung ist ideal für dieses Vorhaben. Denn in der oft engen Laubhütte lässt sich buchstäblich über Gott und die Welt diskutieren. Da sitzt dann ein Mitglied der liberalen Gemeinde »Or Chadasch« oder jemand, der überhaupt keiner jüdischen Gemeinde angehört, neben einem Vertreter der streng orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG). Man trinkt Kaffee oder Tee, isst eine (koschere) Pizza und spricht über religiöse oder ganz alltägliche Themen.

»Wichtig ist gerade für Leute, bei denen die Religion im täglichen Leben eine eher untergeordnete Rolle spielt, dass sie sehen, wie sehr auch dieser Feiertag gelebt wird.« Etwa, wenn Matratzen oder Decken herumliegen, weil viele Leute auch in der Sukka schlafen, was für manchen säkularen oder liberalen Besucher durchaus ungewohnt sei, sagt Zev Marilus von der IRG. Auch er ist einer der Initiatoren. Im vergangenen Jahr, sagt er, hätten viele Teilnehmer beim »Tag der offenen Sukka« auch persönliche Erinnerungen aus ihrer Jugend erzählt, in denen die Laubhütte eine wichtige Rolle spielte.

tradition Es sei zwar eine gute jüdische Tradition, einander zu widersprechen, sagt Ron Halbright, Vertreter der liberalen Seite, doch wichtig sei eben auch, »dass wir miteinander und nicht nur übereinander sprechen«.

Dazu gehöre auch, dass Frauen, die nicht dem orthodoxen Spektrum angehören, hier auch mit charedischen Männern ins Gespräch kommen – »was sie wohl nicht unbedingt erwartet hätten«, fügt Zev Marilus schmunzelnd hinzu.

Doch gibt es auch Grenzen am »Tag der offenen Sukka«: Die bemerkenswerte Aktion spielt sich weitgehend im privaten Bereich ab, die Gemeinden als Institutionen werden außen vor gelassen.

Orthodoxe und liberale Gemeinden haben im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) einen Modus gefunden, miteinander umzugehen, doch auf religiöser Ebene bleibt es eher schwierig. So gehören die Laubhütten, die am »Tag der offenen Sukka« besucht werden, allesamt orthodoxen Familien. Das liegt daran, dass liberale Juden oft keine eigene Sukka besitzen – oder sie befindet sich in einem Viertel am Stadtrand und ist bei einem »Sukka-Spaziergang« nicht einfach zu erreichen.

Aus ähnlichen Gründen gehört auch in diesem Jahr die Sukka der liberalen Gemeinde »Or Chadasch« nicht zu denen, die von den Gästen besucht werden können, obwohl sie nicht besonders weit von Wiedikon entfernt liegt, und obwohl es sich bei ihr – Ironie der Geschichte – um die ehemalige Laubhütte der streng orthodoxen IRG handelt.

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