Griechenland

Hüterin des Hasses

Bei der UN wird es längst als Tatsache gehandelt: Griechenlands Antisemitismus gehört zu den heftigsten weltweit. Auch deshalb steht das Land in den vergangenen Jahren immer häufiger mit Negativschlagzeilen im Rampenlicht.

Wer den Alltag dort erlebt, stellt fest, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise das Verhältnis von Christen und Juden weiter verschlechtert hat. Besonders abseits der Großstädte sind die Vorurteile gegenüber Juden in den vergangenen Jahren gewachsen. Immer wieder hört man selbst in öffentlichen kommunalen Sitzungen antisemitische Äußerungen.

Aber nicht nur die rechtsradikale »Chrysi Avgi« (Goldene Morgenröte) verbreitet Judenhass. Antisemitismus hat eine lange Tradition in Griechenland. Das belegen auch jüngste Studien, die dem Judenhass im Land auf den Grund gehen wollen und erforschen, warum rechtsextremistisches Gedankengut so weit verbreitet ist. Bisher konnten sie keine wirkliche Antwort geben.

Neben Historikern sind es vor allem die Mitglieder der jüdischen Gemeinden im Land, die sich mit dem Thema beschäftigen und versuchen, die Welt auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Eine von ihnen ist die in Athen lebende Andrea Gilbert. Sie ist beunruhigt über die Haltung einiger griechisch-orthodoxer Bischöfe, die ihr antijüdisches und rassistisches Denken offen in ihre Gemeinden tragen und damit die Mitglieder, wie sie glaubt, bewusst in eine politisch rechtsextreme Ecke drängen.

liturgie »Der Athener Erzbischof Hieronymos wird zwar selbst nicht als antisemitisch eingestuft, doch noch nie hat er offiziell erklärt, die Kirche müsse sich vom Antisemitismus abwenden, wie das kürzlich von Papst Franziskus in Rom zu hören war«, sagt Gilbert. »Solange sich zum Beispiel an den Inhalten der Osterliturgie nichts ändert, in der die Juden bis heute für den Tod Jesu ihren Kopf hinhalten müssen, wird der Antisemitismus weiter unterbewusst genährt.«

Umso erstaunter ist Gilbert, wenn sie bei ihren Spaziergängen durch die Athener Innenstadt kirchliche Läden entdeckt, die für den Kauf von Büchern werben, die eindeutig antisemitisch und extrem nationalistisch sind. »Man stelle sich das vor: Ich lese dort tatsächlich, dass man Die Protokolle der Weisen von Zion oder Ioannis Fourakis Zionistische Verschwörungen kaufen soll.«

Ähnlich wie Andrea Gilbert äußert sich auch Moses Elisaf, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in der Kleinstadt Ioannina. »Alte Verschwörungstheorien über die Schuld der Juden an der Weltwirtschaftskrise sind in Griechenland sehr beliebt.« Elisaf weiß, wovon er spricht. Der Chef der griechischen Rechtsradikalen, Michalis Michaloliakos, der zurzeit im Gefängnis sitzt, stammt aus seiner Heimatstadt. Die kleine jüdische Gemeinde in Ioannina spürt sehr deutlich den Antisemitismus ihrer christlichen Mitbürger. Das Verhältnis zwischen Christen und Juden beruhe im Allgemeinen auf respektvollem Abstand, erklärt Elisaf diplomatisch.

Wie alle öffentlichen Vertreter der jüdischen Gemeinden Griechenlands versucht auch er, einen eher vorsichtigen Grundton anzuschlagen. Trotzdem sagt er dann: »Der griechische Erzbischof von Athen, Hieronymos, ist zu zögerlich, wenn es darum geht, seine Solidarität mit den Juden zu bekunden.« Doch sogleich beschwichtigt Elisaf: Man dürfe keinesfalls irgendwelchen Pauschalisierungen zum Opfer fallen. »Es gibt Bischöfe in der griechisch-orthodoxen Kirche, die sich von extremen Sichtweisen fernhalten und Antisemitismus und Rassismus vehement bekämpfen«, sagt er. Das sei übrigens auch während des Zweiten Weltkriegs der Fall gewesen.

Diplomatie Fragt man nach einer offiziellen Stellungnahme der jüdischen Gemeinden zum Verhältnis von Christen und Juden, erhält man ebenfalls eine diplomatische, positive Antwort. Doch viele Gemeindemitglieder wissen, dass die Wahrheit eine andere ist.

In der öffentlichen Debatte wird das Problem des Antisemitismus oftmals nur dann erwähnt, wenn es um rassistisches Verhalten gegenüber Minderheiten oder Flüchtlingen geht. Das reiche aber nicht aus, meinen etliche griechische Juden, die alle nicht wollen, dass ihre Namen in der Zeitung stehen. Aus ihrer Sicht werde das Thema weder in den eigenen Reihen noch in der Gesamtgesellschaft ernst genug genommen.

Und immer wieder stellen sie sich die Frage: Warum schweigt das griechisch-orthodoxe Patriarchat? Vor allem dann, wenn, wie im Jahr 2010, Erzbischof Seraphim von Piräus in einem Fernsehinterview behauptet, Hitler wäre ein Werkzeug des weltweiten Zionismus gewesen, finanziert von den Rothschilds, mit dem Zweck, die Juden nach Israel zu bringen, damit sie dort einen neuen Staat gründen. Darüber hinaus sei er überzeugt, so der Erzbischof, dass reiche Bankiers wie Rockefeller, die Rothschilds und der Finanzgigant George Soros die Weltwirtschaft in ihren Händen halten und die Globalisierung lenken.

Viele griechische Juden sind enttäuscht darüber, dass auch der linksliberale Ministerpräsident Alexis Tsipras und seine Regierung in der Regel schweigen, wenn es in der Öffentlichkeit zu antisemitischen Äußerungen oder Taten kommt.

Begegnung Aaron Israel ist Rabbiner in der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki, der größten im Land. Zwar amtiert er schon seit acht Jahren in der Hafenstadt, doch dem Patriarchen von Thessaloniki, Anthimos, ist er zum ersten Mal im vergangenen Jahr begegnet – auf einer gemeinsamen Deutschlandreise. Dabei kam es offenbar zu einer Art Annäherung. »Wir haben in demselben Hotel gewohnt, haben gemeinsam Kirchen und Synagogen besucht und uns immer wieder über Glaubensfragen unterhalten«, erzählt der Rabbiner. »Dabei haben wir festgestellt, wie ähnlich man doch die Feste begeht und dass unsere Schriften eine gemeinsame Quelle haben.«

Der Rabbiner glaubt an die Macht der Kommunikation. Er ist überzeugt davon, dass damit viele Probleme gelöst werden können. »Wir müssen lernen, einander neu zu begegnen«, sagt er und skizziert seine Vision, wie sich die Kluft zwischen Christen und Juden in Griechenland überbrücken lässt. »Wenn du ein Problem mit der Religion deines Nachbarn hast, dann leg deine Religion beiseite«, sagt er. Die Religion solle doch dazu dienen, den Menschen besser zu machen. »Vielleicht sollten wir alle unsere Religion ab und zu einmal beiseitelegen und uns nur noch als Menschen begegnen.«

Bonn/Berlin

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